Filmgeschichte(n): Albert Lamorisse, Der Rote Ballon und das Risiko des Krieges

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Filmgeschichte(n)

Ein Beitrag von Katrin Doerksen

"Der Rote Ballon" von Albert Lamorisse
"Der Rote Ballon" von Albert Lamorisse

Wann hast du das letzte Mal Der Rote Ballon gesehen? Als Kind vielleicht? Die Geschichte eines kleinen Jungen aus einem heruntergekommenen Viertel von Paris, der Freundschaft mit einem großen, roten Ballon schließt, ist wunderbare Unterhaltung, aber darüber hinaus so viel mehr als ein Kinderfilm. Bis heute wurde er als einziger Kurzfilm mit einem Oscar für das Beste Originaldrehbuch ausgezeichnet und gewann obendrein noch die Goldene Palme für den Besten Kurzfilm in Cannes 1956.

Fair Usa via Wikimedia
Fair Usa via Wikimedia

Sein Regisseur Albert Lamorisse ist den meisten, wenn denn überhaupt, nur wegen Der Rote Ballon ein Begriff. Dabei haben viele Menschen womöglich zahlreiche Stunden ihres Lebens mit einer weiteren Erfindung des Franzosen zugebracht, ohne es zu wissen. Albert Lamorisse war der Erfinder des bekannten Brettspiels Risiko.

Wenn Fußball wie Schach ist, nur ohne Würfel… Dann ist Risiko wie Schach - aber mit Würfel. Ein strategisches Kriegsspiel, das sich gut und gerne über Stunden, wenn nicht gar Tage ziehen kann, in dem die gegnerischen Parteien würfeln und so Armeen gegeneinander ins Feld führen bis am Ende nur noch einer die Welt für sich beanspruchen kann. Seltsam, dass ausgerechnet der Regisseur eines liebevollen Kinderfilms ein so martialisches Spiel erfindet. Oder doch nicht?

Albert Lamorisse, geboren 1922 in Paris, begann seine Karriere als Fotograf und ging in den 1940er Jahren dazu über Kurzfilme zu drehen, die sich mit ihren Fantasygeschichten vor allem an Kinder richteten. Auf Bim, der Esel und Der weiße Hengst folgte 1956 Der Rote Ballon, den der berühmte Filmtheoretiker André Bazin als beispielhaft „essentielles Kino“ beschrieb: Völlig konzentriert auf die Mise-en-Scène, ohne aufwändige Schnitte und dadurch ganz und gar konzentriert auf die realistische Darstellung seiner Geschichte.

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Wir wissen wenig über die Person Lamorisse, aber seine Methoden legen nahe, dass er am besten arbeitete, wenn er von Vertrauten umgeben war. In Der Rote Ballon castete er seine eigenen Kinder Pascal und Sabine, die Crew bestand vor allem aus ehemaligen Kommilitonen. Und auch den Prototypen seines berühmten Spiels entwickelte Lamorisse Anfang der 1950er Jahre während eines Familienurlaubs in Holland. Es trug den ausgesprochen treffenden Namen La Conquête du Monde (wörtlich: Die Eroberung der Welt) und war auf eine ungefähre Spieldauer von anderthalb Stunden ausgelegt. 1954 sicherte sich Lamorisse darauf ein Patent und verkaufte seine Erfindung an die französische Spielefirma Miro, die es 1957 auf den Markt brachte. Anschließend besserte man noch einige Spielemechaniken aus und benannte das Spiel zu Risk um, bevor die Firma Parker Brothers das Spiel auch in den USA zu einem riesigen Hit machte. Die erste deutsche Version unter dem Titel Risiko erschien 1961.

Dabei hatte es von Insidern große Skepsis gegen Risiko gegeben. In den 1950er Jahren begannen Eltern die Ausstattung ihrer Kinder mit Kriegsspielzeug kritisch zu hinterfragen, die Verkäufe von Plastikpistolen und ähnlichem Gerät waren in den Keller gesunken. Dazu kam der Preis, der bei Risiko wegen des großen Bretts und der vielen Holzfigürchen deutlich über dem damaligen Brettspieldurchschnitt lag. Doch die Sorgen waren unbegründet: Das Spiel eroberte die Welt im Sturm, gilt heute als Klassiker, der zahlreiche Ableger hervorbrachte, weitere Spiele wie Die Siedler von Catan inspirierte und noch immer produziert wird.

Jorge Royan - CC BY-SA 3.0
Jorge Royan — CC BY-SA 3.0

Möglicherweise hat uns Albert Lamorisse mit seinem Spiele-Bestseller vor Augen geführt, wie tief das Kriegerische, das Angriffslustige im menschlichen Naturell verwurzelt ist, wie nah es dem Spielerischen ist. Schließlich ist selbst im bezaubernden Der Rote Ballon nicht alles nur eitel Sonnenschein.

Der Filmkritiker Brian Gibson beobachtete 2007 in seiner Kinderfilmkolumne: „Erst einmal scheint dies ein Frankreich nach der Besatzung zu sein, glücklich darüber das Blut und den Tod von Hitlers Krieg ein Jahrzehnt zuvor zu vergessen. Aber bald werden die gelegentlichen, spielerischen Versuche der Leute, den schwebenden, sorglosen Ballon zu schnappen, übergriffig und destruktiv. In einer herrlichen Sequenz - das Licht fällt durch die Gassen während Kinderschuhe auf dem Pflasterstein klackern und der Ballon zwischen den Wänden hin- und her hüpft - wird Pascal wegen seines schwebenden Haustiers gejagt. Sein aufblühendes Gefühl von Hoffnung und Freiheit wird von einer gewalttätigen, streitsüchtigen Masse zunichte gemacht. Doch dann, glücklicherweise, trägt eine Brise von Magischem Realismus die Hoffnung auf Flucht und Frieden heran. Der Rote Ballon ergreift Pascal und hebt ihn heraus aus seinem starren, kleinen, erdgebundenen Leben.“

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