Features: Zum 90. Geburtstag von Stanley Kubrick: Seine Anfänge als Fotograf

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Ein Beitrag von Sonja Hartl

Bevor Stanley Kubrick legendäre Filme drehte, arbeitete er als Fotograf in New York. Schon als 17-Jähriger war er für das „Look“-Magazine in der Metropole am Hudson River unterwegs und fotografierte Liebespaare, Menschen in der U-Bahn und einen Schuhputzer.

Kubistische Hüte, fotografiert von Stanley Kubrick
Kubistische Hüte, fotografiert von Stanley Kubrick

Regisseur, Drehbuchautor, Produzent, Oscar-Preisträger – so kennt man Stanley Kubrick. Weit weniger bekannt ist indes, dass er seine Karriere im Alter von 17 Jahren als Fotograf begann. Zu der Ausstellung im New Yorker Museum of the City ist nun bei TASCHEN ein Bildband erschienen, der sich diesem Frühwerk widmet und eine unbekannte Geschichte erzählt.

Kubricks erstes veröffentlichtes Foto zeigt einen Zeitungsverkäufer am Tag des Todes von Franklin Delano Roosevelt. Die Schlagzeilen auf den Zeitungen vermelden, dass Truman nun Nachfolger wird. Der Blick des Verkäufers geht ins Leere.

Zeitungsverkäufer
Copyright: Taschen Verlag

 

Das Look-Magazin kaufte es – und damit begann Kubricks Karriere als Fotograf. Im Frühjahr 1946 wurde er von dem Magazin auf Bestreben der Fotoredakteurin Helen O’Brian direkt nach der Highschool engagiert. Sie hatte bereits einige Bilder von ihm gekauft, zeigte sich von seinem Talent überzeugt. Mit 17 Jahren arbeitete er also in New York als Fotograf, gehörte ab Oktober zum festen Stamm und hörte im August 1950 wieder auf. In einem Interview sagte Kubrick 1972, dass er glaubt, dass er in diesen 4 Jahren gelernt hat, wie Dinge in der Welt funktionieren und womöglich niemals Regisseur geworden wäre, wäre er stattdessen zum College gegangen.

In diesen 4 Jahren als Fotograf entwickelte Stanley Kubrick seine visuellen Fähigkeiten bei der Ausführung bestimmter Aufträge. Die Nachkriegszeit waren die Jahre der großen Bildmagazine in den USA. Im Gegensatz zum bekannteren Life-Magazin erzählt Look eher Alltagsgeschichten und konzentrierte sich auf amerikanische Themen – und so fotografierte Kubrick Liebespaare auf der Bank, die von den nebensitzenden Menschen bewusst ignoriert werden. Ängstliche Menschen im Wartezimmer eines Zahnarztes. Boxtalente im Ring. Zwei Wochen fuhr er U-Bahn, um Menschen dort mit seiner Kamera einzufangen. Es sind alles Bilder, die aus dem Alltag gegriffen wurden, oft in Serien arrangiert.

U-Bahn
Copyright: Taschen Verlag

 

Dabei kommt man nicht umhin, in seiner Bevorzugung für Bilderserien bereits eine Hinwendung zum Geschichtenerzählen in mehreren Bildern zu sehen. Ohnehin muss man Luc Sante zustimmen, der in seinem Essay in diesem eindrucksvollen Band schreibt: „Als noch unausgereiftes Werk eines bedeutenden Filmregisseurs bieten die Bilder fast zu viele Hinweise, sowohl ästhetischer als auch psychologischer Art, auf das Kommende. Man kann die Anfänge von Kubricks Chiaroscuro-Stimmungen ausmachen, seine Weltraumkompositionen, sein schnelles Hin- und Herschalten zwischen dem Kleinen und dem Großen.“

 

Dazu gehört beispielsweise das Bild einer Mutter, die einen blonden Jungen festhält. Die Bilddiagonalen in einer Fotografie des Boxers Walter Cartier zusammen mit dem dramatischen Chiaroscuro-Licht lassen an Kubricks Killer’s Kiss denken. Jedoch darf man nicht übersehen, dass Kubrick in dieser Zeit nicht frei in der Wahl seiner Themen war. Vielmehr hatte er Aufträge, für die er fotografierte. Im Vergleich zum etwa gleichaltrigen Garry Winogrand, der jahrelang als freier Fotograf arbeitete, zeigt sich dann auch, dass beide anfangs einen ähnlichen Stil hatten, Winogrand aber zunehmend eine sehr eigene Bildsprache entwickelt hat, während Kubrick vor allem die narrativen Elemente in seinen Bildern ausbaute. Und davon erzählt dieser lesens- und sehenswerte Bildband mit zahlreichen Beispielen.

Cover
Copyright: Taschen Verlag

 

Luc Sante, Sean Corcoran, Donald Albrecht: Stanley Kubrick Photographs. Through a Different Lens. 328 Seiten. TASCHEN. 50 Euro.

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