„You’re here“ – Geschwisterbeziehungen im Film

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Features

Ein Beitrag von Andreas Köhnemann

Niemanden können wir so hautnah und so lange bei der Entwicklung erleben wie unsere Geschwister. Und doch gibt es vergleichsweise wenige Filme, die sich dieser einzigartigen Beziehung intensiv widmen.

Laura Linney und Mark Ruffalo in „You Can Count on Me“
Laura Linney und Mark Ruffalo in „You Can Count on Me“

„Es ist die längste Beziehung, die wir uns denken können“, schreibt Andrea Köhler in einem Text in der Neuen Zürcher Zeitung über Geschwister. Geschwister seien die ersten, mit denen wir die Abgründe der menschlichen Psyche – Wut, Hass, Neid – ausloten. Und wenn die Eltern sterben, bleibe mit den Geschwistern ein Stück unserer Kindheit zurück.

Gewiss gibt es zahlreiche Filme zum Thema Familie. Gefühlt jede Woche laufen Werke im Kino an, die sich darauf fokussieren, dass sich die Protagonist_innen mit ihren Vätern oder mit ihren Müttern auseinandersetzen müssen (und dafür gerne hübsche Roadtrips unternehmen, die irgendwo am Meer ihren tragikomischen Höhepunkt finden). Und gewiss tauchen in zahllosen Filmen auch Brüder oder Schwestern der Haupt- und Nebenfiguren auf. Ziemlich selten sind indes filmische Erzählungen, in denen das Verhältnis zwischen Geschwistern im Handlungszentrum steht – familiäre Pendants zu klassischen Liebesfilmen oder buddy movies, in denen es entweder um Romantik, Herzschmerz und Sex oder um Freundschaft, Belastungsproben und wahlverwandtschaftlichen Zusammenhalt geht.

 

Geschwister als Randfiguren

Für den Bruder und die Schwester als Nebenpart haben sich diverse Stereotype herausgebildet, darunter der nervig-freche kleine Bruder (zum Beispiel in Freaky Friday), der tumb-fiese große Bruder (etwa in Matilda), die neunmalkluge jüngere Schwester (wie in (500) Days of Summer) oder die anstrengend-pubertierende ältere Schwester (wie in Boyhood). In guten Filmen, wie den genannten, führen diese überspitzten Figurenzeichnungen zu gelungenen Momenten, die einzelne Aspekte im ganz besonderen Miteinander von Geschwistern treffend einfangen. Die adoleszente Rachel (Chloë Grace Moretz) ist in (500) Days of Summer so ehrlich und direkt zu dem naiv-verträumten Tom (Joseph Gordon-Levitt), wie es nur eine (wohlmeinende) Schwester sein kann. Derweil wird Anna (Lindsay Lohan) aus Freaky Friday sowie der Titelheldin Matilda (Mara Wilson) und dem heranwachsenden Mason (Ellar Coltrane) aus Boyhood durch die Kämpfe mit ihren herausfordernden Geschwistern die perfekte Vorbereitung auf die Härten des Lebens „da draußen“ zuteil, denn:

„Das Kinderzimmer ist unsere Schule für das, was später soziale Kompetenz genannt werden wird, der Ort, wo man sich zu behaupten und anzupassen, sich zu wehren und zu versöhnen lernt.“ (Andrea Köhler)

 

Ellar Coltrane und Lorelei Linklater in „Boyhood“; Universal Pictures International Germany GmbH
Ellar Coltrane und Lorelei Linklater in „Boyhood“; Universal Pictures International Germany GmbH

 

Die Komplexität von geschwisterlichen Beziehungen kann in solchen pointierten Passagen aber selbstverständlich nicht erfasst werden. Filme, die diese Beziehungen in den Mittelpunkt rücken und vertiefen, handeln wiederum überdurchschnittlich oft von zwei Brüdern: Rain Man (1988), Brothers – Zwischen Brüdern (2004), Brothers Grimm (2005), The Fighter (2010), Legend (2015) oder The Sisters Brothers (2018) sind nur ein paar Beispiele. Häufig erzählen sie von Maskulinität in der Krise – und ermöglichen dadurch, dass die beiden Protagonisten Brüder sind, bei allen Diskrepanzen eine Nähe zwischen den zwei zentralen Männern. Ein emotionaleres Agieren, als man es von vielen männlichen Filmfiguren kennt. So haben sich etwa selten zwei Westernhelden gegenseitig derart wahrhaftig mit ihren Schwächen konfrontiert wie das titelgebende Brüderpaar in The Sisters Brothers. Bei Filmen über gleichgeschlechtliche Geschwister wird (wie bei buddy movies) immer wieder die extreme Gegensätzlichkeit der Beteiligten hervorgehoben: der Vernünftige und der Heißsporn, die Bodenständige und die Abgehobene oder – ganz banal – Gut versus Böse.

 

Im All und in Schweden, in Liebe und in Rivalität

Noch rarer als Filme über Schwestern (von denen mit Der Boden unter den Füßen am 16.05.2019 ein spannungsreicher Vertreter in den Kinos starten wird) dürften Filme über ein gemischtgeschlechtliches Geschwisterduo sein. Die Star-Wars-Reihe hat mit Luke (Mark Hamill) und Leia (Carrie Fisher) ein solches zu bieten; Ingmar Bergmans Fanny und Alexander (1982) zählt zu den unbestreitbaren Klassikern der Kinematografie. Die Stärken dieser Werke liegen allerdings nicht unbedingt in den Schilderungen der Geschwisterbeziehungen. Filme wie Die Träumer (2003) oder Maps to the Stars (2014) widmen sich dem (mal mehr, mal weniger versteckten) inzestuösen Verlangen zwischen Bruder und Schwester; und in sexuell ambivalenten Dreiecksgeschichten wie The Opposite of Sex (1997) oder Wiedersehen mit Brideshead (2008) konkurrieren Bruder und Schwester auch mal um die Liebesgunst einer dritten Person. Dass sich zwei Brüder um eine Frau oder zwei Schwestern um einen Mann bemühen, kommt im Kino hingegen deutlich häufiger vor.

Matthew Goode, Hayley Atwell und Ben Whishaw in „Wiedersehen mit Brideshead“; Concorde Filmverleih
Matthew Goode, Hayley Atwell und Ben Whishaw in „Wiedersehen mit Brideshead“; Concorde Filmverleih

 

Zu den wenigen Filmen, die sich ohne zusätzliche Liebeswirren mit einer Bruder-Schwester-Beziehung befassen und dabei die nötige Feinsinnigkeit beweisen, gehört das auf einer wahren Begebenheit beruhende Justizdrama Betty Anne Waters (2010). Darin gerät der vorbestrafte Kenny (Sam Rockwell) unter Verdacht, als in einem kleinen Ort in Massachusetts ein Mord geschieht. Zwei Jahre später wird er verhaftet und verurteilt. Kennys Schwester Betty Anne (Hilary Swank) ist indes von der Unschuld ihres Bruders überzeugt. Um ihm zu helfen, holt sie ihren Highschool-Abschluss nach und fängt an, Jura zu studieren. Das Werk ist recht konventionell geschrieben und inszeniert – und doch ist es etwas Besonderes, da es im Zusammenspiel von Swank und Rockwell das zeigt, was Andrea Köhler in ihrem Text über Geschwister als „eine Verpflichtung, die keine Begründung braucht“ bezeichnet: Es geht bei der ganzen Sache um den eigenen Bruder und somit um einen unverbrüchlichen Teil des Lebens der Protagonistin. Kenny ist kein einfacher, kein rundum liebenswerter Kerl – aber dass Betty Anne ihm helfen muss, steht für sie selbst jederzeit außer Frage. Wenn Actionhelden wie Mark Wahlberg oder Vin Diesel für ihre (Surrogat-)Familien mit Fäusten und Schusswaffen in den Kampf ziehen, mutet das oft wie eine Macho-Pose an; in Betty Anne Waters wird hingegen das Unumstößliche jener längsten Beziehung, die wir uns denken können, emotional nachvollziehbar. 

Auch in einem Segment des episodisch erzählten Ensemblestücks Tatsächlich… Liebe (2003) um die Grafikdesignerin Sarah (Laura Linney), die sich um ihren psychisch kranken Bruder Michael (Michael Fitzgerald) kümmert, gelingt diese Darstellung. Liebe – das kann eine schöne Botschaft wie „To me, you are perfect“ sein; manchmal bedeutet Liebe jedoch auch, für jemanden da zu sein, der das nicht immer zu schätzen weiß oder es nicht richtig auszudrücken vermag.

 

Keine Geheimnisse

In You Can Count on Me (2000) verkörpert Laura Linney ebenfalls eine Schwester: Hier spielt sie die alleinerziehende Samantha, deren jüngerer Bruder Terry (Mark Ruffalo) plötzlich bei ihr auftaucht, als er Geld braucht. Wie der Filmtitel schon erahnen lässt, handelt die Geschichte von Vertrauen. In einer Sequenz gesteht Samantha Terry ihre Affäre mit ihrem verheirateten Chef, dessen Gattin obendrein ein Kind erwartet. Eine hässliche Wahrheit, die sich kaum aussprechen lässt – doch Samantha weiß, dass Terry sie dafür nicht verurteilen wird. Ein Bruder oder eine Schwester zu sein, das heißt oft auch, die größten Geheimnisse miteinander zu teilen.

 

Mit dieser Vertrautheit geht wiederum die Möglichkeit einher, einen Menschen tiefer verletzen zu können als alle anderen. Wenn wir die heimlichsten Ängste, die schlimmsten Fehler und die peinlichsten Niederlagen eines Menschen kennen, wissen wir auch am besten, wie wir diesem Menschen wehtun können. Auf eindrückliche Weise wird dies in The Skeleton Twins (2014) auf die Leinwand gebracht. Darin finden die Zwillinge Milo (Bill Hader) und Maggie (Kristen Wiig), die in der Kindheit den Vater verloren haben, nach zehn Jahren Funkstille zunächst wieder zueinander. Zu Beginn werden die beiden jeweils an den äußeren Rändern des Bildkaders oder in getrennten Aufnahmen gefilmt. Im Laufe der Handlung kommt es dann nicht nur dialogisch, sondern auch bildkompositorisch zu einer allmählichen Annäherung – bis im letzten Drittel alles Ungesagte und Verletzende hervorbricht und die mühsam wiederhergestellte geschwisterliche Bande endgültig zu zerreißen droht.

Bill Hader und Kristen Wiig in „The Skeleton Twins“; Sony Pictures Home Entertainment
Bill Hader und Kristen Wiig in „The Skeleton Twins“; Sony Pictures Home Entertainment

 

„You’re here“, heißt es dann am Ende von The Skeleton Twins; und dies dürfte ein Schlüsselsatz in der Beziehung von Geschwistern sein. Enervierend, anstrengend, wütend, neidisch, fies – all das mögen Geschwister manchmal sein. Aber sie sind da. Womöglich länger als irgendjemand sonst – und wahrscheinlich mit dem umfangreichsten Wissen, das man über uns besitzen kann.

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