Features: Von Unsichtbarkeit, Robotern und Fern-Sehen: Sci-Fi im Dritten Reich

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Features

Ein Beitrag von Bianka-Isabell Scharmann

Hauptsache im „Hier und Jetzt“ hieß die Devise für Harry Piels Sci-Fi-Filme, die während der ersten Jahre des NS-Regimes entstanden sind. Was die Mischung aus NS-Ästhetik und Sci-Fi sonst noch bestimmt hat, weiß Bianka-Isabell Scharmann.

Ein Mann sieht sein Spiegelbild, dabei trägt er eine vertrackte Apparatur am Körper
Still aus "Ein Unsichtbarer geht durch die Stadt"

Denkt man an Filme aus der Zeit des Nationalsozialismus, fallen Namen wie der Leni Riefenstahls, man denkt an Propaganda, an bewegte und sich bewegende Massen, die auch in den Aufnahmen im Gleichschritt marschieren. Vielleicht kommen einem noch Titel der seichten Unterhaltung in den Sinn, man denkt eventuell an populäre Filme, Komödien und Heimatfilme. Die, und das muss an dieser Stelle eingeworfen werden, ja auch noch lange nach dem Fall des Regimes im Fernsehen zu sehen waren – denn sie waren ja keine offensichtliche Propaganda. Wie falsch dieser Gedanke doch ist. Das zeigen auch die Filme und die Arbeit eines Regisseurs, der und die hier vorgestellt werden sollen. Und somit kommen wir auch auf das zentrale Thema der Science-Fiction zurück: Denn es gab sie tatsächlich, die Filme voller imaginärer Technik. Wenn es auch nicht viele waren.

 

Harry Piel – Regisseur und Schauspieler

Murnau, Lang, Lubitsch, von Stroheim – diese Namen kennt man, sie gehören zur Filmgeschichte, sind kanonisiert, allesamt lieferten sie großes Autorenkino. Harry Piel, der Name fällt nicht im selben Atemzug. Und doch gehört Piel zu den produktivsten deutschen Regisseuren und Schauspielern – er war sich selbst oft der beste Hauptdarsteller. Er begann seine filmische Arbeit 1911 und drehte bis in die 1950er Jahre hinein.

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Still aus „Ein Unsichtbarer geht durch die Stadt“ @Ariel-Film

Harry Piel war wohl das erste popkulturelle Ikon im Bereich Actionfilm der 1920er und 1930er Jahre: Seine Filme versprachen Szenen voller Action, atemberaubende Verfolgungsjagden und echte, handgemachte Kampfszenen. Er war der „dynamite director“ und auch der Mann mit Nerven aus Stahl. Denn er war auch sein eigener Stuntman: er kämpfte hoch oben im Zeppelin und verfolgte Gangster von der Motorhaube eines Autos aus. Hatte man dem populären Regisseur also einfach erlaubt, weiterhin Science-Fiction Filme zu produzieren, da von ihm als Popkultur-Ikon, vordergründig keine Gefahr ausging?

Tatsächlich trat Piel kurz nach der Beendigung seiner letzten drei Sci-Fi-Filme selbst in die NSDAP ein. Viel naheliegender ist also, dass Piels Themen durchaus dem entsprachen, was vom Regime im Genre toleriert wurde – und möglicherweise sogar erwünscht?

 

Sci-Fi und das NS-Regime

Obwohl Nationalsozialismus als zukunftsorientierte Bewegung wahrgenommen werden sollte, war es dem Genre der Science-Fiction nicht direkt zugeneigt. Da das NS-Regime sich selbst als Lieferant von Flucht- und Zukunftsfantasien sah – wir bilden eine bessere Welt, eine Volksgemeinschaft –, waren alternative Weltentwürfe nicht geduldet. Geschweige denn Erzählungen, die der Politik des Regimes zuwiderlaufen. Denn gerade Film, wie auch Goebbels früh erkannte, eignete sich dafür, überzeugende Versionen der Welt zu zeigen – so wie man sie eben braucht. Sci-Fi, die produziert werden durfte, musste im „Hier und Jetzt“ spielen, das heißt, eine „bessere“ oder auch nur andere Zukunft durfte nicht imaginiert werden – denn diese Vision liefert ja bereits die NS-Ideologie selbst, in Form einer politischen Religion.

Und somit sind schon allein aus dieser Perspektive popkulturelle Filme nur vordergründing nicht-ideologisch und a-politisch. Denn, wie Sabine Hake so treffend in Popular Cinema of the Third Reich schreibt, etabliert Ideologie sich in Form von kulturellen Institutionen, ästhetischen Praktiken und kritischen Diskursen. Populäres Kino repräsentiert daher einen der wichtigsten Aushandlungsorte für die widerstreitenden Kräfte, die das Verhältnis zwischen dem Individuum und der Gesellschaft verhandeln.

 

Fantastische Technologien

Wie genau sieht Science-Fiction aus, die im „Hier und Jetzt“ spielt? In ein Ein Unsichtbarer geht durch die Stadt (1933) spielt Harry Piel den Taxifahrer Harry. Gleich zu Beginn vergisst ein Fahrgast einen mysteriösen Koffer in seinem Auto. Natürlich schaut Harry rein. Darin: ein Kopfteil samt Kasten zum Umschnallen. Zuhause probiert er es aus – sehr zum Schrecken seiner Katze Peter wird Harry unsichtbar. Gegenstände bewegen sich durch den Raum, um filmisch die Unsichtbarkeit sichtbar zu machen.

 

 

Tatsächlich überträgt sich die Unsichtbarkeit auf jeglichen Gegenstand, den der oder die das Gerät Tragende anfasst. So wird der unschuldige Peter Teil von Harrys schelmischem Plan, seinem ahnungslosen Freund Fritz (Fritz Odemar) einen gehörigen Schrecken einzujagen. Fritz, vom Schock erholt, sieht schnell das Potential der Apparatur: reich werden mit illegalen Mitteln. Fritz stiehlt das Gerät und raubt eine Bank aus.  

Dieses Verbrechen führt zu einer spektakulären Hetzjagd nach dem Unsichtbaren, voller abenteuerlicher Stunts und Trickeffekte. Sozusagen das Beste aus Science-Fiction und Action-Film. Technologie muss demnach in den richtigen Händen sein, um die beste Wirkung zu erzielen und auf einen Zweck gerichtet sein, der größer ist als man selbst. Nicht individuelle Bereicherung (Fritz), sondern der heldenhafte Einsatz für die Allgemeinheit (Harry), das ist was zählt.

Der Herr der Welt (1934) weist den verworrensten Plot aller drei Filme auf: im Zentrum befinden sich drei Männer, ein Bergarbeiter, ein Fabrikant und ein irrer Wissenschaftler. Letzterer erfindet einen Kampfroboter, von dessen Strahlen der Fabrikant getötet wird. Damit hat der Irre freie Hand und stellt im Bergwerk komplett auf Roboterbetrieb um. Letztendlich bringt der Riesenroboter auch den Wissenschaftler um. Der Bergarbeiter und die Frau des Fabrikanten überleben.

 

 

Man könnte diesen Film auch als Technologie-Kritik und damit als solche am NS-Regime selbst lesen – wahrscheinlicher ist jedoch, dass der Film einfach widerstreitende Diskurse über die Implementierung der Technik verhandelt. Denn das NS-Regime hatte ein Faible für eine Maschinenästhetik, die sich bis ins öffentliche Leben ausbreitete, kombiniert mit einer Verherrlichung von Geschwindigkeit, Dynamik und Disziplin. Die Warnung vor den Robotern ist somit eine vor einer Technik, die am Wohl der Volksgemeinschaft vorbei geht. Wieder: in den richtigen Händen, mit dem richtigen Ansatz, ja dann hätte das was werden können.

Nach Robotern und Unsichtbarkeit, wird in Die Welt ohne Maske (1934) eine weitere Technologie antizipiert – die tatsächlich kurz darauf realisiert wurde: Fernsehen. Die Nazis waren, verständlicherweise, sehr an der baldigen Realisierung von Television interessiert, konnte man so die Massen um einiges leichter erreichen. Ein Regime, das an genau deren Mobilisierung interessiert war; bekanntermaßen ein System, das mit Walter Benjamin gesprochen, die Ästhetisierung des Politischen perfektionierte.

Zum Inhalt: Harry Palmer (Harry Piel) und sein Nachbar Dr. Tobias Bern (Kurt Vespermann) tun sich zusammen, um an einem Wettbewerb zur Erfindung des Fernsehens teilzunehmen. Während der Tüftelei „stolpern“ sie über eine bisher unbekannte „Welle“: ein wirklicher Apparat zum Fern-Sehen ist erfunden. Mit dem Gerät lässt sich durch Gegenstände, Wände und Mauern hindurchsehen, sich frei in der Stadt als allsehendes Auge bewegen: die Leben der Mitbürger*innen liegen offen vor ihnen.

 

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Produktions-Still aus „Die Welt ohne Maske“ @Ariel-Film

 

So eine Erfindung weckt natürlich Begehrlichkeiten und ein südamerikanischer Konkurrent versucht auch bald, das Gerät zu stehlen. Das ist dann der Plot-Twist, der gebraucht wird, um mit den halsbrecherischen Action-Szenen aufzuwarten, die ein Piel-Film (immer) verspricht. Bei einer motorisierten Verfolgungsjagd geht die gefährliche Apparatur dann letztendlich zu Bruch. Harry und Bern gewinnen mit der „abgespeckten“ Version dennoch den ersten Preis für die Erfindung des „Volksradiofernsehempfängers“.

In der Darstellung des Konkurrenten Da Costa (Hubert von Meyrinck) finden sich viele Ähnlichkeiten zur Charakterisierung von Juden: er ist korrupt, wird als sexuell pervers dargestellt, da er lüsterne Blicke auf seine Mitarbeiterinnen wirft. Man sieht oftmals sein markantes Profil, seine dicken Lippen werden besonders oft betont. Die Verfolgung Da Costas gipfelt dann in einer Manhunt-Sequenz per Fern-Seher – wer denkt da nicht an Drohnen? Der Fern-Seher ist in diesem Fall zwar keine „scharfe“ Waffe, aber eine Waffe nichtsdestotrotz.

In den Überwachungsmöglichkeiten, die sich durch die Technologie ergeben, erinnert diese stark an George Orwells dystopischen Zukunftsentwurf in 1984, in dem sogenannte Televisoren die Menschen überwachen und abhören, ungefragt und ohne dem staatlichen Zugriff entkommen zu können. – In Die Welt ohne Maske wird tatsächlich auf die positiven Seiten hingewiesen: Steuerbetrüger werden enttarnt, der Konkurrent kann ausspioniert werden, kurz, es hilft, die soziale Ordnung zu erhalten. Die Zuschauer*innen werden dabei in Komplizenschaft genommen und sollen sich, ebenso wie Dr. Bern und Harry, an den Möglichkeiten der Apparatur erfreuen.

Der spektakulärste Einsatz des Fern-Sehers zeigt sich in einer anderen Sequenz: Bern schaut hilflos dabei zu, wie Harry Einbrecher in einer Anwaltskanzlei vermöbelt. Während Bern vor lauter Aufregung das Bewusstsein verliert und die Zuschauer*innen gleichfalls „abschalten“ müssen, so sehen wir in der nächsten Einstellung Harry als den Sieger, der den herbeigerufenen Polizeibeamten die Ganoven schon direkt in Handschellen übergibt. Bestes Reality-TV zum Mitfiebern.

 

Wo sich Science und Fiction noch treffen

Piels drei Science-Fiction-Filme sind nicht nur im Kontext des politischen Umbruchs von Weimarer Republik zu NS-Zeit zu sehen, der auch eine „spirituelle Filmkrise“ nach sich zog, wie Goebbel’s es formulierte, sondern sie sind auch in der Übergangsphase von Stumm- zu Tonfilm zu verorten. Das populäre Kino war immer noch damit beschäftigt, neue Formen des Ausdrucks zu finden: Bild-Ton-Experimente, könnte man sagen. Ein Unsichtbarer geht durch die Stadt verdeutlicht dies anschaulich: statt einem sichtbaren Körper wird eine unsichtbare Stimme gejagt. Hollywood schien auf ähnlichen Pfaden gedanklich gewandelt zu sein, wurde doch im selben Jahr die erste Verfilmung von H.G. Wells The Invisible Man unter demselben Titel von Universal herausgebracht. Der technologische Fortschritt im Bereich Film hatte auch neue Möglichkeiten in der Fiktion zur Folge: wo sich Science und Fiction treffen ist also auch eine Frage des Blickwinkels.

 

 

Harmlose Massenunterhaltung

Es ist bemerkenswert wie harmlos und frei von Konsequenzen die Erfindung vor allem des Fern-Sehers dargestellt wird und wie perfekt sie, im Nachhinein, den totalitären Zugriff des Staates auf die Menschen abzubilden und vorwegzunehmen wusste. Während in 1984 die Folgen der totalitären Überwachung zentrales Thema sind, wird die Technologie in Die Welt ohne Maske als wünschenswert dargestellt. Sie animiert die sie Benutzenden dazu, für Recht und Ordnung zu sorgen zum Wohle der Allgemeinheit – dass dabei verschiedene Gesetze übertreten werden und man zu einem selbstherrlichen Helden wird, das ist unsere Wahrnehmung der Geschehnisse.

Und so wirkt es fast zynisch, wenn man von „harmloser Massenunterhaltung“ des populären Kinos spricht: denn auch hier bearbeitet Science-Fiction Themen, die das soziale und politische Leben betreffen.

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