Vier Schauspielerinnen zurück im Rampenlicht

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Ein Beitrag von Andreas Köhnemann

Zu den bitteren Erkenntnissen, zu denen wir seit den schweren Vorwürfen gegen Harvey Weinstein gelangt sind, zählt die, dass die Karrieren vieler Frauen mutmaßlich von dem Produzenten sabotiert wurden. Es ist an der Zeit, diese Frauen wieder ins Rampenlicht treten zu lassen, aus dem sie einst allem Anschein nach hinausgedrängt wurden.

Ashley Judd/Mira Sorvino/Annabella Sciorra/Rosanna Arquette
Ashley Judd/Mira Sorvino/Annabella Sciorra/Rosanna Arquette

Am 05.10.2017 veröffentlichten Jodi Kantor und Megan Twohey in der New York Times einen Artikel, in welchem etliche Frauen Harvey Weinstein sexuelle Belästigung vorwarfen. Fünf Tage später wurden in einem langen Bericht von Ronan Farrow im New Yorker sogar in drei Fällen Vergewaltigungsanschuldigungen gegen Weinstein erhoben. Vieles ist seither passiert – und noch viel mehr muss passieren, um die zahlreichen Formen des Machtmissbrauchs in der Filmbranche zu bekämpfen. Hierzu gehört auch ein genauer Blick auf die beruflichen Biografien der Schauspielerinnen, die ihre Erlebnisse mit Weinstein öffentlich machten.

Anfang des Jahres haben wir eine Reihe begonnen, in der wir uns mit Personen beschäftigen wollen, die ungerechtfertigterweise in Vergessenheit geraten sind oder noch nicht die Aufmerksamkeit erhalten haben, die sie verdient hätten. Unter dem Label „Wiederentdeckt“ werden dabei bereits verstorbene Künstler_innen behandelt, unter dem Label „Spotlight“ die lebenden. Die Frauen, deren Karrieren mutmaßlich durch Weinstein be- oder verhindert wurden, nachdem sie nach eigener Aussage von diesem sexuell belästigt oder gar vergewaltigt wurden, passen gewissermaßen in beide Reihen. In einer am 12.09.2018 publizierten Gastkolumne im Hollywood Reporter spricht die Fernsehautorin und -produzentin Linda Bloodworth-Thomason (in Bezug auf den CBS-Chef Leslie Moonves, gegen den etliche Vorwürfe sexueller Übergriffe vorliegen) treffend von einem „professional grave“ – und ein solches hat Weinstein vermutlich vielen Frauen zu graben versucht, womit er dann vorübergehend auch Erfolg hatte. Zu diesen Frauen zählen Ashley Judd, Mira Sorvino, Annabella Sciorra und Rosanna Arquette – vier Schauspielerinnen, bei denen man sich womöglich im Laufe der Jahre schon mal gefragt hatte, was nach ihren verheißungsvollen Leinwand-Anfängen eigentlich aus ihnen wurde.

 

Die Crime-Heldin

Die 1968 geborene Ashley Judd avancierte nach TV-Rollen sowie kleineren Filmprojekten und Nebenparts in Werken wie Heat (1995) oder Die Jury (1996) durch ihre Mitwirkung in Genre-Arbeiten wie Denn zum Küssen sind sie da (1997), Das Auge (1999) oder Doppelmord (1999) zu einem Krimi- und Thriller-Star der 1990er Jahre. Ebenso sah man sie etwa in romantischen Komödien und Dramen. Judd verschwand nie gänzlich aus dem filmischen Kosmos – zu den späteren Höhepunkten ihres beruflichen Werdegangs gehören zum Beispiel William Friedkins faszinierender Psycho- und Paranoia-Thriller Bug (2006), in dem sie hemmungslos die Angst und den zunehmenden Wahnsinn ihrer Figur interpretiert, oder Sandra Nettelbecks fein beobachtete Charakterstudie Helen (2009), in welcher sie eine Musikprofessorin mit Depression verkörpert. Auch in Mainstream-Produktionen, etwa in Mein Freund, der Delfin (2011) oder Die Bestimmung – Divergent (2014), war Judd in Nebenrollen gelegentlich noch präsent. 2007 holte sie ihren Abschluss in Französisch nach, nachdem sie die Universität in Kentucky einst verlassen hatte, um in ihrem Heimat-Bundesstaat Kalifornien Schauspielerin zu werden.

Ashley Judd in Doppelmord; Copyright: United International Pictures
Ashley Judd in Doppelmord; Copyright: United International Pictures

 

Dass Judds Präsenz auf der Kinoleinwand mit dem Ende der 1990er Jahre deutlich nachließ, mag diverse Gründe haben. Ein wahrscheinlich nicht unerheblicher wurde jedoch erst im Dezember 2017 bekannt: In einem Interview mit dem Online-Portal Stuff teilte der Regisseur Peter Jackson mit, Weinstein und dessen Bruder Bob hätten ihn bei der Besetzung seiner Herr-der-Ringe-Projekte maßgeblich beeinflusst – zum Nachteil von Judd und deren Kollegin Mira Sorvino. Er habe beide für Parts in den Großproduktionen in Betracht gezogen, sei aber von den Weinstein-Brüdern gewarnt worden, die die Zusammenarbeit mit Judd und Sorvino als „Albtraum“ bezeichnet hätten. Rückblickend, so Jackson, erkenne er das Verhalten der Brüder als Teil einer „Schmutzkampagne in vollem Gange“. Im Mai 2018 verklagte Judd Harvey Weinstein auf finanzielle Entschädigung, da dieser, nachdem er sie in einem Hotelzimmer sexuell belästigt habe, ihrer Karriere durch besagte Schmierkampagne geschadet habe. Falls sie entschädigt werde, wolle sie die Summe an die Organisation Time’s Up spenden, welche Opfern sexueller Übergriffe juristische Hilfe zur Verfügung stellt. Von Weinsteins Sprecher werden die Aussagen von Jackson indes dementiert; es wurde beantragt, Judds Verleumdungsklage abzuweisen.

Beruflich ging es für Judd in jüngster Zeit vor allem auf seriellem Wege weiter: In der zweiten Staffel stieß sie zur Spionage-Serie Berlin Station als Chefin der titelgebenden CIA-Außenstelle hinzu; überdies trat sie in vier Episoden der dritten Staffel von David Lynchs Mystery-Serie Twin Peaks auf.

 

Von der Universität auf den Film-Strich

Judds bereits erwähnte Kollegin Mira Sorvino (Jahrgang 1967) gelang nach diversen Rollen im TV sowie in Filmen wie Unter Freunden (1993) oder Quiz Show (1994) mit Woody Allens Komödie Geliebte Aphrodite (1995) der künstlerische Durchbruch. Dass eine Absolventin der Harvard University, welche ihr Sinologie-Studium mit einer Arbeit über Rassenkonflikte in China mit magna cum laude abschloss, die Aufmerksamkeit der Branche gerade mit der Verkörperung einer betont ordinär auftretenden, niedrig gebildeten Prostituierten zu gewinnen vermochte, sagt gewiss mehr über Hollywood aus, als es der dortigen Branche lieb sein dürfte. Dies soll Sorvinos Leistung, die der jungen Schauspielerin prompt einen Golden Globe sowie einen Oscar und zahlreiche weitere Auszeichnungen sowie Nominierungen einbrachte, jedoch keineswegs schmälern: Sorvino demonstrierte in Allens Werk ihr Können im Umgang mit Situationskomik und Dialogwitz, das sie in der deutlich unterschätzten Freundschafts- und Empowerment-Geschichte Romy und Michele (1997) abermals zeigen konnte. Ferner spielte sie neben Ashley Judd die Titelrolle im Fernseh-Biopic Marilyn – Ihr Leben (1996) und wurde in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre mit Filmen wie Guillermo del Toros Mimic – Angriff der Killerinsekten (1997), Antoine Fuquas The Replacement Killers – Die Ersatzkiller (1998) oder Spike Lees Summer of Sam (1999) auch im Bereich des Spannungskinos zu einem bekannten Gesicht.

Mira Sorvino (r.) mit Lisa Kudrow in Romy und Michele; Copyright: Touchstone Pictures
Mira Sorvino (r.) mit Lisa Kudrow in Romy und Michele; Copyright: Touchstone Pictures

 

Anfang der 2000er Jahre lässt sich dann, ähnlich wie in Judds Werdegang, ein Karriereknick ausmachen – sie war in einigen (Mini-)Serien zu sehen sowie in kleineren Filmprojekten, die bis auf wenige Ausnahmen allerdings nur wenig Beachtung fanden. Sorvino, die Weinstein ebenfalls sexuelle Belästigung vorwirft, reagierte auf Jacksons Interviewaussagen mit einem Tweet, in welchem sie sich für die Ehrlichkeit des Filmemachers bedankte. Dies sei die Bestätigung, dass Weinstein ihre Karriere zum Entgleisen gebracht habe. Später erklärte auch der Regisseur Terry Zwigoff, Weinstein habe ihn davon abgehalten, Sorvino für eine Rolle in seiner schwarzen Komödie Bad Santa (2003) zu casten. Inzwischen ist Sorvino wieder in zahlreiche Projekte involviert – unter anderem Assaf Bernsteins Thriller Look Away und die Actionkomödie Stuber.

 

Von der Kinoheldin zur Fernsehschurkin

Eine weitere Schauspielerin, die von erheblichen Nachteilen für ihre Arbeit durch Weinsteins Einfluss in der Vergangenheit berichtet, ist die 1964 geborene Annabella Sciorra, die mit Werken wie Die Affäre der Sunny von B. (1990), Die Hand an der Wiege (1992), Romeo Is Bleeding (1993), Cop Land (1997) oder Hinter dem Horizont (1998) zu einem Star des Kinos der 1990er Jahre wurde. Sciorra wirft Weinstein vor, sie in den frühen 1990er Jahren in ihrer Wohnung vergewaltigt und auch später noch belästigt zu haben. Dies habe einerseits dazu geführt, dass sie in eine Depression gefallen sei – und andererseits zum Ausschluss aus Filmprojekten: „Immer wieder stieß ich auf Widerspruch wie ‚Wir haben gehört, du seist schwierig; wir haben dies und das gehört.‘ Ich denke, dass das die Harvey-Maschinerie war“, erläutert Sciorra in einem weiteren Artikel von Ronan Farrow im New Yorker, der am 27.10.2017 veröffentlicht wurde.

Mit einer wiederkehrenden Nebenrolle in der Serie Die Sopranos (zwischen 2001 und 2004), für die sie mit einem Emmy Award als bester Serien-Gaststar prämiert wurde, sowie Auftritten in Criminal Intent – Verbrechen im Visier (2005-2006) oder Good Wife (2012) konnte sich Sciorra im Laufe der Jahre im Fernseh-Sektor etablieren. Für Furore sorgte kürzlich ihre Besetzung in den Marvel-Serien Luke Cage und Daredevil als Mafia-Anführerin Rosalie Carbone.

Annabella Sciorra (2. von l.) mit Julianna Margulies, Christine Baranski und Archie Panjabi in The Good Wife; Copyright: CBS Broadcasting
Annabella Sciorra (2. von l.) mit Julianna Margulies, Christine Baranski und Archie Panjabi in The Good Wife; Copyright: CBS Broadcasting

 

Auch Rosanna Arquette (Jahrgang 1959), die Weinstein der sexuellen Belästigung beschuldigt, erklärt in einem Interview: Nachdem sie Weinstein zurückgewiesen habe, habe sie eine „völlig andere Karriere“ gehabt. Mitte der 1980er Jahre gelangte Arquette durch ihre Auftritte in den Screwball-Komödien Susan … verzweifelt gesucht und Die Zeit nach Mitternacht zu einer Berühmtheit, die ihr etwa eine Dekade lang etliche gute Parts bescherte – unter anderem in Luc Bessons Im Rausch der Tiefe (1988), Quentin Tarantinos Pulp Fiction (1994) und David Cronenbergs Crash (1996). Doch plötzlich seien Rollen verschwunden und neue Möglichkeiten ausgeblieben. So war sie zunächst hauptsächlich in B- und TV-Filmen sowie in Fernseh-Gastspielen zu sehen.

Rosanna Arquette in Susan … verzweifelt gesucht; Copyright: Metro-Goldwyn-Mayer Studios
Rosanna Arquette in Susan … verzweifelt gesucht; Copyright: Metro-Goldwyn-Mayer Studios

 

Auf Spurensuche in einem sexistischen System

Arquette inszenierte das dokumentarische Werk Searching for Debra Winger, das 2002 in Cannes seine Premiere feierte und zahlreiche Schauspielerinnen (etwa ihre Schwester Patricia Arquette sowie Laura Dern, Jane Fonda, Whoopi Goldberg, Daryl Hannah, Salma Hayek, Meg Ryan und Alfre Woodard) über den Druck auf Frauen in der Filmbranche zu Wort kommen ließ. Ferner fand sie im Indie-Kino, in Arbeiten wie Peace, Love & Misunderstanding (2011) oder Asthma (2014), eine Nische. Wenn sie im queeren Liebesdrama Lovesong (2016) als Hochzeitsgast mit dem lakonischen Satz „It was disgusting, everybody was sneezing“ ihre Anreise zusammenfasst, zählt das zu den besten Schlechte-Laune-Momenten der Filmgeschichte. Mit der Tragikomödie Das etruskische Lächeln (2018) war sie seit langer Zeit auch mal wieder auf der deutschen Kinoleinwand zu erleben; zu ihren aktuellen Projekten gehören die Comedy-Serie Sideswiped und das Drama Lost Transmissions.

„Jetzt ist genau der richtige Zeitpunkt“, sagt Arquettes Figur in Das etruskische Lächeln, als von der Trauer um vergeudete Zeit die Rede ist. Bezogen auf die Situation von Arquette und ihren Kolleginnen wäre das natürlich ein allzu schönfärberisches Fazit. Die Zeit und die Möglichkeiten, die Judd, Sorvino, Sciorra, Arquette und vielen weiteren Schauspielerinnen mutmaßlich von Weinstein genommen wurden, müssen weiterhin wütend stimmen. Fest steht aber: Die Zeit von Weinstein ist vorüber. Die von Judd, Sorvino, Sciorra, Arquette und anderen jedoch noch nicht.

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