Features: Unverfilmbar? Der lange Weg zu Villeneuves „Dune“

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Ein Beitrag von Mathis Raabe

Frank Herberts Science-Fiction-Besteller „Dune“ ist auf dem Weg ins Kino mehrfach gescheitert. Es ist einer dieser Romane, die als kaum verfilmbar gelten. Nachdem David Lynchs Versuch vor mehr als 35 Jahren qualitativ durchfiel, wagt Denis Villeneuves nun einen neuen Versuch.

Jodorowsky's Dune / Dune / Dune - Der Wüstenplanet

Manche Bücher sind notorisch schwer zu verfilmen. Moby Dick ist so ein Buch, Ulysses und natürlich alles von Thomas Pynchon. Das vielleicht berühmteste Beispiel ist aber Frank Herberts Dune (dt. Der Wüstenplanet), der meistverkaufte Science-Fiction-Roman aller Zeiten. Die Rechte am Stoff des 1965er Romans reisen schon seit einem halben Jahrhundert durch die Industrie, ohne einen erfolgreichen Film produziert zu haben – obwohl mit Ridley Scott, Alejandro Jodorowsky und David Lynch schon einige der renommiertesten Regisseure aller Zeiten damit assoziiert waren. Denis Villeneuve ist nun nach Lynch erst der zweite, der es mit einer Dune-Adaption zumindest bis ins Kino geschafft hat.

Dune gehört nicht zu den Sci-Fi-Erzählungen, die sich für Zukunftstechnologien interessieren oder dafür, diese zu erklären – Computer und künstliche Intelligenzen sind in Herberts Welt sogar verboten, denn die Menschheit hat bereits einen Krieg gegen die Maschinen geführt und gewonnen. Überhaupt: Herberts Roman spielt Zehntausende Jahre in der Zukunft – also in einer Zukunft, die so weit entfernt ist, dass sie sich selbst wissenschaftsversierte Sci-Fi-Fans schwer ausmalen könnten. Umso bezeichnender, dass die Menschheit darin erneut in einem feudal organisierten Kaiserreich lebt und Krieg um einen Rohstoff führt: das Spice, das auf dem titelgebenden Wüstenplaneten abgebaut wird. Bei der Beschreibung der kriegerischen Auseinandersetzungen hält sich der Autor aber kurz. Stattdessen setzt er sich vor allem mit philosophischen und ökologischen Fragen auseinander: Warum neigt der Mensch zu Stammesdenken und Feudalismus? Wie sehr hängt die Stabilität politischer Systeme von Rohstoffen und von der Umwelt ab? Was wäre nötig, damit der Mensch mit seiner Umwelt im Einklang lebt?
 

Der beste Film, der nie fertig wurde


Arthur P. Jacobs, Produzent von Planet der Affen, war 1971 der Erste, der die Verfilmungsrechte erwarb. Oscarpreisträger David Lean sollte Regie führen und Robert Bolt das Drehbuch schreiben. Die beiden hatten zuvor an Lawrence von Arabien zusammengearbeitet. Bevor das Projekt in die Gänge kommen konnte, starb Jacobs 1973 mit 51 Jahren an Herzproblemen. Von seiner Produktionsfirma kaufte die Rechte nur ein Jahr später eine Gruppe französischer Filmproduzenten um Jean-Paul Gibon und Michel Seydoux.

Seydoux hatte Alejandro Jodorowsky angeboten, ihn bei einem beliebigen Projekt zu unterstützen – so angetan war er von der Arbeit des chilenischen Surrealisten. Der hatte sich für Dune entschieden – ohne die Buchvorlage überhaupt gelesen zu haben. Über Jodorowskys Vorhaben berichtet der 2013er Dokumentarfilm Jodorowsky’s Dune. Er erzeugt den Eindruck, es hätte ein herausragender Film werden müssen, wäre er je fertig geworden: Orson Welles, Salvador Dalí und Mick Jagger sollten Hauptrollen übernehmen, die Prog-Rock-Bands Pink Floyd und Magma den Soundtrack einspielen. Es entstanden Produktionsdesigns vom Schweizer Künstler HR Giger, später für seine Arbeit an Alien mit einem Oscar ausgezeichnet, und ein Storyboard des legendären Comiczeichners Jean „Moebius“ Giraud. Und natürlich wäre Jodorowsky sehr freizügig mit der Vorlage umgegangen.
 

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In Jodorowsky’s Dune erklärt er, er habe einen Film machen wollen, der so nah wie möglich an die Erfahrung eines LSD-Trips herankommt, einen prophetischen Film, einen Film, der den Geist der Jugend prägt und die Welt verändert. Je größer Jodorowskys Vision, desto größer wurde aber auch das notwendige Budget – allein Dalí verlangte eine Gage von 100.000 US-Dollar pro Stunde, weil ihn die Vorstellung unterhielt, sich dann den bestbezahltesten Schauspieler Hollywoods nennen zu können. Der Film sollte in Jodorowskys Vorstellung außerdem zwischen zehn und zwölf Stunden lang werden. Das schreckte die potentiellen Geldgeber in Los Angeles ab, die man gebraucht hätte, um das Projekt zu Ende zu finanzieren. 1976 wurde es abgebrochen – nur ein Jahr vor Erscheinen von Star Wars.
 

Der schlechteste Film von David Lynch


Trotz des Scheiterns fand ein großer Teil von Jodorowskys Team – Giger, Giraud, Drehbuchautor Dan O’Barren – schon 1977 wieder zusammen, um an Ridley Scotts Alien zu arbeiten. Und alsbald war es auch Scott, der als nächstes für eine Dune-Verfilmung ins Spiel gebracht wurde. Die Rechte besaß inzwischen Dino De Laurentiis, zu diesem Zeitpunkt bereits bekannt als Produzent von Fellinis La Strada oder Ein Mann sieht rot mit Charles Bronson. Scott verließ das Projekt, als er realisierte, dass es eine zeitintensive Mammutaufgabe werden würde, zu der er sich nach dem Tod seines Bruders Frank nicht in der Lage fühlte. De Laurentiis fand seinen Regisseur schließlich in David Lynch.
 

Dune - Der Wüstenplanet
Dune — Der Wüstenplanet (c) Universal Pictures


Lynch war Anfang der 1980er kurz Teil des kommerziellen Hollywood-Establishments. Nach dem Erfolg von Der Elefantenmensch bot ihm George Lucas sogar an, bei Die Rückkehr der Jedi-Ritter Regie zu führen. Stattdessen entschied er sich fürs „Star Wars für Erwachsene“, als das Dune damals gehandelt wurde. Monatelang wurde am Drehbuch gewerkelt, es entstanden sechs Fassungen, die letzte immer noch 135 Seiten lang. So gab es erneut Streit um die Länge des Films: Lynchs Schnittfassung ging fast drei Stunden, Universal wollte eingängige 120 Minuten. Um das zu bewerkstelligen, musste radikal gekürzt werden. Wenn dabei Leerstellen entstanden, wurden zusätzliche innere Monologe und Off-Erzähler eingefügt. So entstand ein Film, der 1984 tatsächlich erscheinen konnte, der aber so überladen ist mit ständigem Erklären und zugleich doch so unverständlich bleibt, dass er von der Kritik verrissen wurde, sein Budget nicht einspielte und heute weithin als schwächster Film im Oeuvre von David Lynch gilt.


Ein halber Film von Denis Villeneuve


Erst 37 Jahre später erscheint nun ein zweiter Spielfilm. Denis Villeneuve kam zu der schwierigen Aufgabe immerhin mit guten Qualifikationen: Dune ist sein dritter Sci-Fi-Film in Folge. Mit Arrival (2016) über eine Linguistin, die versucht, mit Außerirdischen zu kommunizieren, bewies er bereits ein Interesse an Sci-Fi-Filmen, in denen mehr gesprochen als gekämpft wird. Mit Blade Runner 2049 (2017) stieg Villeneuve dann auch schon zum Franchise-Filmemacher auf und bewies ein Interesse an der Dekonstruktion der Trope der Heldenreise eines männlichen Auserwählten. Das ist relevant, denn was Herberts Roman schwer zu verfilmen macht, ist auch, dass man das Werk als White-Savior-Narrativ lesen kann. Damit ist gemeint, dass eine privilegierte weiße Figur mit heldenhaftem Gestus Figuren of Color aus einer Notlage hilft – insinuierend, diese seien nicht in der Lage, sich selbst zu helfen. In der Tat: Herberts Hauptfigur Paul flieht vor dem interplanetarischen Konflikt zum indigenen Wüstenvolk der Fremen und indem er sie neue Kriegstechniken lehrt (und weil er ein in ihren Prophezeiungen beschriebener Auserwählter ist), kann er sie in den Kampf gegen ihre imperialistischen Unterdrücker führen und den Wüstenplaneten für sie zurückerobern – nur um selbst neuer Kaiser zu werden.
 

Denis Villeneuve mit Timothée Chalamet am Set von Dune
Denis Villeneuve mit Timothée Chalamet am Set von Dune (c) Warner Bros. Pictures Germany


Dass Frank Herbert den Imperialismus seiner Figuren vermutlich nicht gutheißt, wird erst in seinem zweiten Roman deutlich: Dort entwickelt Paul sich zu einem tyrannischen Herrscher, der sich selbst mit Hitler vergleicht. Villeneuve hilft das nicht weiter, denn er verfilmt lediglich die erste Hälfte des ersten Romans. Die Eröffnungsszene seines Films ist aus der Perspektive der Fremen erzählt und spricht die Machtverhältnisse an: „Wer werden unsere nächsten Unterdrücker sein?“, fragt Chani (Zendaya). Das ist jedoch ein dürftiges Zugeständnis, denn der Rest des Films nimmt den Blick Pauls (Timothée Chalamet) ein, der auch ein fetischisierender Blick auf Chani ist, die ihm in Visionen erscheint. Immerhin tappt Villeneuve nicht so deutlich in die Falle wie David Lynch. Der hatte Paul noch als Wundertäter inszeniert, der es am Ende auf dem Wüstenplaneten regnen lässt. Außerdem spielt Villeneuve auf interessante Weise mit identitätspolitischen Markierungen: Alle Figuren verwenden arabische Lehnsprache, auf dem Planeten des Kaisers gibt es eine Art Muezzin, der klingt wie ein Dicheridoo, und einmal wird während eines Militärauflaufs ein Dudelsack gespielt. Wir sind so weit in der Zukunft, scheint es, dass kulturelle Gepflogenheiten sich längst vermischt und neu sortiert haben.

Der Messias entsteht, das ist ein weiteres heikles Motiv von Herberts Roman, durch Eugenik. Die Bene Gesserit, ein matriarchaler Geheimrat der imperialistischen Adelsfamilien, überwachen zu diesem Zweck die „Kreuzung der Blutlinien“. Man kann sagen, dass sie an einem „Übermenschen“ arbeiten. „So wie man Sand siebt, sieben wir Menschen“, sagt in Villeneuves Film eine Bene Gesserit. Gut, dass er zuvor schon eine andere Figur hat sagen lassen, dass diese Frauen nicht nur das Allgemeinwohl im Sinn haben und ihnen nicht ganz zu trauen ist. Eine Fähigkeit, die den Auserwählten auszeichnen soll, ist die Überwindung des linearen menschlichen Zeitverständnisses – ein Thema, das auch in Villeneuves bisherigem Werk, vor allem in Arrival, eine Rolle spielt. Frank Herbert interessierte dieses Thema aber noch in einem anderen Kontext: Seine Fremen arbeiten an der ökologischen Umwälzung des Planeten zu Gunsten nachfolgender Generationen – also genau dem, woran die Menschheit des frühen 21. Jahrhunderts im Kontext des Klimawandels scheitert. Vom Klimawandel wusste Herbert 1965 zwar noch nichts. Er erkannte aber bereits ein zentrales Problem an seiner Bekämpfung: dass das menschliche Zeitvorstellungsvermögen Prozesse schlecht fassen kann, die länger dauern als eine Menschengeneration. Die Fremen beweisen durch ihre Weitsicht also bereits eine Art Transhumanismus – ohne die Notwendigkeit von Eugenik. Dass Villeneuves Film keine Andeutungen macht, dieses Motiv im Kontext des Klimawandels zu aktualisieren, ist eine verpasste Chance.
 

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Dass Villeneuve den Stoff des Buchs auf zwei Filme aufteilt, sofern sie denn beide erscheinen, ist eine gute Idee angesichts der Komplexität des Stoffes. Wenn man nicht wie Jodorowsky versuchen will, einen Zehn- bis Zwölf-Stunden-Film finanziert zu bekommen, oder wie Lynch von den Produzenten kaputtgekürzt wird, bleibt nur noch, das Ausgangsmaterial zu kürzen. Leider merkt man dem Film aber an, dass er nur eine halbe Geschichte erzählt: Der Dramaturgie fehlt die Klimax, den Figuren fehlt Entwicklung. Zumindest die Welt, in der sie sich bewegen, ist beeindruckend inszeniert: riesige schwarze Raumschiffe, die zu schwer aussehen, um zu fliegen, graue und staubige Sandstürme, weitläufige karge Betonbauten. Auch das Schlachtenspektakel bläst Villeneuve an mancher Stelle so auf, dass man kurz denken könnte, man sehe einen Avengers-Film. So steigert er zumindest die Wahrscheinlichkeit, dass ihm auch der zweite Teil finanziert wird. Sollte das nicht passieren, werden aber einige der interessanten Themen, die die Vorlage anbietet, erneut nur oberflächlich behandelt worden sein.

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