Features: Seitenwege großer Kinomeister: Roy Andersson – Die Wechselfälle des Lebens

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Die Einzigen, die die Welt für genau so tragisch und gefährlich halten wie Filmemacher Roy Andersson, sind ironischerweise Versicherungsgesellschaften. Die Village Voice hat den schwedischen Regisseur als „Slapstick Ingmar Bergman“ betitelt, Roger Ebert hielt ihn für den „tragischen Groucho Marx“.


(© Roy Andersson Film Production, Photo: Studio 24)

In seinen Filmen (und ziemlich wahrscheinlich auch bei A Pigeon Sat on a Branch Reflecting on Existence, der beim diesjährigen Filmfestival Tornoto seine Weltpremiere feiert) vermischen sich skandinavische Melancholie mit einem Blick für das Groteske. Seine letzten Filme zeigen allesamt kleine Ausschnitte der Absurdität des Lebens. Oftmals passieren Menschen schreckliche Dinge. Andersson hat auch Werbefilme gedreht, und der Schrecken hört für ihn nicht da auf, wo etwas verkauft werden soll. Im Gegenteil: Auch der kommerzielle Rahmen ist hier nur eine andere Bühne für die Tragik der Welt.

Denn Versicherungen sind ein Versprechen: Wir helfen euch durch die Unwägbarkeiten des Alltags. Oder, wie es in seinen Werbespots für Trygg Hansa heißt: „All accidents can’t be avoided, but we prevent many.“

 

(Werbespots von Roy Andersson)

Wenn Andersson Werbung macht, dann will der Konzern sein Produkt als Kontrast zum gezeigten sehen. In seinen Spots für Air France bekommen wir die typischen Unannehmlichkeiten einer Flugreise vorgeführt: unfreundliche Sitznachbarn etwa, zu wenig Beinfreiheit und nervige Warteschlangen. All das, so heißt das an am Ende der Spots, haben sie bei der Air France nicht zu befürchten. Jeder kennt das Stilmittel der Werbung, uns zwei Versionen eines Ereignisses zu zeigen: Einmal mit dem beworbenen Produkt, einmal ohne. Ohne das revolutionäre neue Waschmittel bleiben die fiesen Rotweinflecken auf ewig in der Bluse, mit Turboperlen, Granulaten oder ähnlichen „Innovationen“ jedoch wird alles strahlend weiß. Seine Figuren haben kein strahlend weißes Zahnpasta-Lächeln und tragen weder Gucci noch Prada. Sie sind so traurig und grau wie die Welt der Clips selbst. Mit seinem pessimistischen Blick auf das Leben ist Roy Andersson geradezu prädestiniert, uns das „Vorher“-Bild zu malen.

Und das ist dann auch der Kern seiner Filmkunst: Die demonstrative Darstellung der menschlichen Traurigkeit. In Anderssons  Filmen, und natürlich auch in der Wirklichkeit, werden all diese ärgerlichen Momente nicht durch Produkte gerettet. Andersson fragt: Wenn wir heute in der westlichen Welt angeblich alle genau so frei wie unsere Märkte und wegen Demokratie und Konsum so überaus glücklich sind — wieso ist das Leben immer noch so furchtbar? Wieso sind die Menschen um uns herum so komisch, warum tun sie so seltsame Dinge?


(Trailer zu Eine schwedische Liebesgeschichte)

Andersson kennt dieses Gefühl wohl am besten: Nach seinem Debütfilm Eine schwedische Liebesgeschichte (1969) sah er sich dem Druck von Produzenten ausgesetzt, die gerne eine gewinnbringende Fortsetzung oder wenigstens einen inhaltlichen Aufguss der erfolgreichen Formel gehabt hätten. Andersson verfiel, konfrontiert mit solchen Zwängen, in tiefe Depressionen und nahm eine lange Auszeit vom Filmemachen. Sein zweiter Film Giliap erschien erst fünf Jahre später und war ein finanzielles Desaster, das ihn beinahe die Karriere gekostet hätte. Im Angesicht der Tatsache, das er eine Familie ernähren musste, nahm er jeden Job an, den er kriegen konnte: Es folgten Hunderte von Werbespots.


(Szene aus Giliap)

Es wäre leichter Dinge aufzuzählen, die Andersson nicht beworben hat. Unter anderem drehte er für Firmen wie Kodak, Kellogs, Atari, SAP und Clerasil. Dabei ist sein Stil im Rahmen der Werbung nahezu einzigartig. Denn mit Werbung verbinden wir vor allem Hektik, hohe Schnittfrequenzen und schnelle Kamerabewegungen. Andersson jedoch verweigert sich diesem Konzept. Meistens enthalten seine Clips nur eine einzige Einstellung, die Kamera bleibt vollkommen statisch. Wenn in einem Video für die schwedische Handelsbank nach und nach die gesamte Besatzung eines Passagierflugzeugs aus dem Fenster springt, ist es gerade diese Regungslosigkeit, hier angeglichen an die der schockstarren Passagiere, was die Pointe des Ganzen ausmacht. Wenn sich bei Andersson etwas bewegt, dann ist das nie Selbstzweck.

(Werbespot für Handelsbanken)

Noch bis vor knapp 15 Jahren hätte man Anderssons Geschichte als eine ohne Happy End sehen können: Ein kreativer, begabter Jungregisseur wird vom harten Studiosystem und kommerziellen Zwängen dazu verdonnert, Werbung zu drehen. Nach Giliap dauerte es fast 25 Jahre, bis sein nächster Spielfilm erscheinen sollte. Wenn man sich Songs from the Second Floor (2000), so der Titel des Films, dann aber anschaut wird klar, dass das nur die halbe Warheit ist.

Denn genau genommen passiert hier das gleiche, wie wenn der Filmemacher Werbung inszeniert: Kleine, abstruse Szenen. Die Kamera bleibt meist in einem einzigen Winkel stehen. Die Absurdität des Lebens. Alles scheint unzusammenhängend und doch wie aus einem Guss. Schnell wird klar: Für Andersson war die Werbebranche nur eine neue Plattform, das zu sagen, was ihm ohnehin auf dem Herzen lag. Jeder der Werbespots hätte, ohne Logo und Slogan am Ende, auch Teil von Filmen wie Songs from the Second Floor oder Das jüngste Gewitter (2007) stammen. All diese kleinen Ausschnitte der Realität ergeben einen wundervoll-melancholisches Filmmosaik, ein Epos von Impressionen. Es gab keine 25 Jahre lange Pause, nur einen 25 Jahre andauerndendes Filmpuzzle.

Auch heute hat Roy Andersson noch um jeden Film, den er verwirklichen will zu kämpfen. Schon um für Das jüngste Gewitter die Summe von knapp fünf  Millionen Euro zusammen zu bekommen, musste der Regisseur Teiles seines Privatbesitz verpfänden und die Produktion mehrfach unterbrechen, um neue Werbespots zu drehen. Das Schwedische Filminstitut verweigerte dem schwierigen Projekt die monetäre Unterstützung. Erst mit der Hilfe von 18 verschiedenen Einzelinvestoren aus sechs unterschiedlichen Ländern konnte der Film finanziert werden. Seit 2000 hat Andersson gerade einmal zwei Filme produziert.

(Trailer zu Das jüngste Gewitter)

A Pigeon Sat on a Branch Reflecting on Existence soll diese nun zu einer Trilogie erweitern. Doch bis dahin bleibt immer noch der Blick auf seine Werbung.

Man sollte sich die Clips alle in direkter Abfolge nacheinander anschauen. Irgendwann verschwinden die Werbebotschaften. Jede neue Szene des Unglücks straft die bunten Texteinblendungen Lüge. Sie zeigen: Die Welt ist so nicht okay. Doch das Roy Andersson weiterhin Filme machen kann, gegen alle Widrigkeiten, das zeigt: Es muss ja nicht so bleiben.

(Lucas Barwenczik)

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