Features: „No sex, please!“ – Asexualität im Film

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Features

Ein Beitrag von Andreas Köhnemann

Oft traut sich das Kino zwar nicht, Sex zu zeigen, doch letztlich scheint es fast immer darum zu gehen. Herausfordernder als die expliziteste Sexszene oder die eindeutigste sexuelle Anspielung sind deshalb womöglich Figuren, die an Sex schlichtweg kein Interesse haben.

Skye Noel und Kyle S. More in „The Olivia Experiment“
Skye Noel und Kyle S. More in „The Olivia Experiment“

In Hollywood sorgte der sogenannte Hays-Code seit den 1930er Jahren und bis in die 1960er Jahre hinein dafür, dass sich Sex auf der Leinwand nicht ereignen durfte. Filmschaffende wie Howard Hawks oder Alfred Hitchcock fanden indes Wege, diese Darstellungsrichtlinien durch visuelle Andeutungen und Metaphern zu umgehen – etwa durch die Aufnahme eines langen Zuges, der am Ende von „Der unsichtbare Dritte“ (1959) in einen schmalen Tunnel rast, nachdem der Held die Heldin zu sich ins Bett des Schlafwagens gezogen hat und die beiden sich küssen. Überdies ließ eine rhetorische Erotik keinen Zweifel daran, dass „es“ zwischen dem (damals natürlich noch ausschließlich heteronormativen) Paar im Zentrum der Geschichte früher oder später passieren würde, wenn auch zur Not erst nach Filmschluss und nach der Hochzeit, die stets als Versprechung mit dem Happy End mitschwang.

So bieder Classical-Hollywood-Werke wie Michael Gordons Komödie Bettgeflüster (1959) also auch wirken mögen – dem Sex kam in ihnen fast immer eine äußerst wichtige Rolle zu. Nach der Abschaffung des Hays-Code im Jahre 1967 bewahrte sich das Mainstream-Kino der Traumfabrik, gerade im Vergleich zu den Kinematografien anderer Länder wie Frankreich, eine gewisse Verklemmtheit im Umgang mit Sex und scheint inzwischen vor allem sehr viel Energie darauf zu verwenden, nach dramaturgischen Strategien zu suchen, um die Hauptfiguren vom Sex (vorübergehend) abzuhalten, indem etwa Vampirismus oder seltene Krankheiten diesen (zunächst) verhindern. Fest steht aber: Um Sex als erstrebenswertes Ziel oder als Wunschvorstellung geht es in filmischen Erzählungen ziemlich häufig.

Doris Day und Rock Hudson in „Bettgeflüster“; Copyright: Universal Pictures
Doris Day und Rock Hudson in „Bettgeflüster“; Copyright: Universal Pictures

 

Ist etwas anderes vielleicht überhaupt nicht denk-, erzähl- und zeigbar? So sehr die audiovisuelle Darstellung von Sex (insbesondere von nicht-heteronormativem Sex) auch bis heute mit Grenzen verbunden ist und von manchen als Provokation aufgefasst wird – ist das Asexuelle für viele von uns nicht eventuell noch irritierender? Gemeint ist damit nicht das schamhafte Ausblenden von Sexualität oder deren Unterdrückung oder Diffamierung. Asexuelle Figuren sind nicht solche, denen Sex verboten wird oder denen die Gelegenheit dazu fehlt; auch nicht solche, die diesen aus weltanschaulichen, religiösen, gesundheitlichen oder anderen Gründen selbst ablehnen (müssen) oder nicht (mehr) dazu imstande sind. Vielmehr sind es Figuren, die (meist) einfach kein Verlangen nach sexueller Interaktion spüren.

 

Das asexuelle Spektrum

In der Sexualforschung wird Asexualität als eine weitere sexuelle Orientierung angesehen, bei der es – wie bei jeder sexuellen Orientierung – fließende Übergänge gibt. Im Rahmen einer Artikelserie zum Thema veröffentlichte die US-amerikanische Onlinezeitung Huffpost eine Infografik, die das asexuelle Spektrum illustriert. Dabei werden zwei Orientierungen aufgelistet, mit denen sich viele Asexuelle identifizieren: eine romantische und eine sexuelle Orientierung. Zur romantischen zählen heteroromantisch, homoromantisch, biromantisch, panromantisch und aromantisch; zur sexuellen gehören asexuell, grausexuell, demisexuell und sexuell. So kann sich eine Personen innerhalb dieses Spektrums etwa romantisch zu Personen des gleichen Geschlechts hingezogen fühlen (= homoromantisch), eine sexuelle Anziehung aber nur schwach (= grausexuell) oder erst, nachdem sich eine sehr starke emotionale Bindung zum Gegenüber entwickelt hat (= demisexuell), oder eben gar nicht (= asexuell) empfinden.

 

Keine Spannung?

Die Sichtbarkeit asexueller Menschen in Filmen und Serien ist extrem gering. In der Archie-Comics-Reihe um eine Highschool-Clique wird die zentrale Figur Jughead Jones als asexuell benannt; die auf Netflix verfügbare Serienadaption Riverdale ließ den Jugendlichen (verkörpert von Cole Sprouse) allerdings schnell eine heterosexuelle Beziehung mit einer weiteren Hauptfigur eingehen, ohne eine mögliche Asexualität Jugheads jemals anzusprechen. Eine Episode der US-Krankenhausserie Dr. House sowie ein Erzählstrang der neuseeländischen Daily Soap Shortland Street thematisieren wiederum die (im ersten Fall nur behauptete) Asexualität von Figuren. In der US-Sitcom The Big Bang Theory und in der BBC-Krimiserie Sherlock wird den Protagonisten Sheldon Cooper (Jim Parsons) beziehungsweise Sherlock Holmes (Benedict Cumberbatch) eine asexuelle Anmutung verliehen; in Bezug auf Sherlock führt der Darsteller indes in einem Interview eine recht banale Erklärung dafür an, weshalb der Detektiv kein sexuelles Interesse an den Tag legt: „Nicht, weil er keine sexuellen Gelüste verspürt, sondern vielmehr, weil er sich so sehr seiner Arbeit verschrieben hat.“ Steven Moffat, Autor von Sherlock, meint in einem Interview zudem, es gäbe keine Spannung („no tension“), wenn der Titelheld tatsächlich asexuell wäre.

 

Eine differenzierte Repräsentation

Auffällig ist, dass asexuell wirkende Serienfiguren wie Sheldon oder Sherlock oft autistische und soziophobe Züge tragen – und meist männlich sind. Zu den wenigen weiblichen asexuellen Serienfiguren zählt Valentina Dunacci (Kelly O’Sullivan) aus der kurzlebigen US-Comedyserie Sirens. Was Sheldon und Valentina eint, ist die Tatsache, dass deren vermutete oder klar artikulierte Asexualität in erster Linie als Gag-Vorlage dient und andere, nicht-asexuelle Figuren – die zunehmend frustrierte feste Freundin von Sheldon beziehungsweise den neugierigen, interessierten Kollegen von Valentina – vor Herausforderungen und vor Probleme stellt. Als bis dato beste und differenzierteste Repräsentation von Asexualität gilt die Darstellung von Todd Chavez (gesprochen von Aaron Paul) in der Netflix-Animationsserie BoJack Horseman. Todd ist kein strahlender Held, aber auch keine gebrochene oder lächerliche Figur. Seine Asexualität – die eigene Erkenntnis sowie das allmähliche Coming-out – werden im Laufe der Serie geschildert; Todd wird hingegen nicht einzig über seine sexuelle Orientierung definiert. Todds Umfeld reagiert positiv auf dessen Asexualität, die keinen Anlass zu Krisen und Konflikten gibt.

 

Und auf der Kinoleinwand? Auch hier fehlt es an Sichtbarkeit asexueller Menschen. In Lars von Triers Nymphomaniac (2013) wird der ältere Gelehrte Seligman (Stellan Skarsgård) als asexuell eingeführt; sein übergriffiges Verhalten gegenüber der Protagonistin Joe (Charlotte Gainsbourg) gegen Ende des zweiteiligen Werks lässt allerdings vermuten, dass er bisher eher keine Gelegenheit fand, seine vorhandenen sexuellen Gelüste auszuleben – und dass er die jüngere, hilflos erscheinende Frau nun dafür auszunutzen versucht. In der in England im Jahre 1962 angesiedelten Literaturverfilmung Am Strand (2017) von Dominic Cooke, basierend auf der gleichnamigen Novelle von Ian McEwan, lässt sich die von Saoirse Ronan verkörperte Musikstudentin Florence Ponting als asexuell interpretieren; gleichwohl bleibt offen, ob deren Abneigung gegen sexuelle Interaktion nicht primär ein Resultat ihrer Erziehung, geprägt von einer snobistischen Mutter und einem kühl-distanzierten Vater, und eine Folge der damaligen Mentalität, der Prüderie der Gesellschaft ist, in welcher Florence gefangen zu sein scheint.

Saoirse Ronan in „Am Strand“; Copyright: Lionsgate
Saoirse Ronan in „Am Strand“; Copyright: Lionsgate

 

Expliziter widmet sich die US-Indie-Komödie The Olivia Experiment (2012) von Sonja Schenk, nach einem Drehbuch von Alexandra Komisaruk, dem Thema. Die 27-jährige Titelfigur Olivia (Skye Noel) ist eine Doktorandin im Bereich Gender Studies; sie ist noch Jungfrau, hatte bisher noch keine Beziehung und sagt über sich selbst, „an issue with intimacy“ zu haben. Sie sei „just not cut out for sex“ und könne in der Gesellschaft nicht funktionieren. Dass sie asexuell sei, sieht Olivia als „an option“. Bei einem Treffen asexueller Personen wird Olivia allerdings abgelehnt – mit der Begründung, sich hinter der Definition als asexuell nur zu verstecken. Auch ihr Umfeld nimmt Olivias mögliche Asexualität nicht ernst. Ihre Freundin Felisha (Jen Lilley) schlägt vor, ihr den eigenen festen Freund Julian (Brett Baumayr) für einen One-Night-Stand zur Verfügung zu stellen, um sich testen zu können – worauf Olivia schließlich eingeht, um daraus ein wissenschaftliches Experiment zu machen, bei dem sie sich sogar zu Forschungszwecken von einer Kamerafrau filmen lassen will.

 

Neurosen, Engstirnigkeit und Erzählschablonen

Hauptsächlich bedienen das Skript und die Inszenierung Klischees. Olivia wird als überaus neurotisch gezeichnet; die asexuelle Gruppe betreibt mit ihrem eng gefassten Begriff von Asexualität Exklusion und erweist sich damit als extrem borniert. Im Trailer heißt es derweil in einer Texteinblendung: „She just needs to get laid“ – womit eines der größten Vorurteile über Asexualität formuliert wird. Ganz so plump verfährt The Olivia Experiment im Endeffekt dann doch nicht; dennoch greift das Werk zu sehr auf RomCom-Konventionen und auf Stereotype zurück, um sich seinem Sujet zu nähern.

 

Entschieden achtsamer ist der Dokumentarfilm (A)sexual (2011) von Angela Tucker, der zahlreiche Personen, die sich als asexuell definieren, zu Wort kommen lässt – und sich nicht zuletzt mit den vielen Klischeevorstellungen über Asexualität befasst. Im Zentrum steht David Jay, ein US-amerikanischer, asexueller Aktivist, der 2001 die Webgemeinschaft Asexual Visibility and Education Network (AVEN) gegründet hat. Tuckers Film zeigt, dass auch Jay immer wieder mit Vorurteilen konfrontiert wird. Wie er denn wissen könne, dass er asexuell sei, wenn er Sex nie ausprobiert habe, wird er vom Sprecher einer Fernsehsendung gefragt. „If you’re not having sex, what’s there to talk about?“, kommentiert eine Frau in einer Talkrunde scherzhaft, als Jay erklärt, es werde zu wenig über Asexualität gesprochen.

 

Die Äußerung der Frau geht in eine ähnliche Richtung wie Moffats Interview-Aussage, es gäbe bei einem asexuellen Helden keine Spannung. (A)sexual beweist mit den gezeigten Menschen, die über ihre Asexualität sprechen, das Gegenteil – und sollte Filmemacher_innen weltweit dazu animieren, asexuelle Personen auf dem Bildschirm und auf der Leinwand häufiger und differenzierter abzubilden.

 

Weitere Informationen zum Thema Asexualität gibt es etwa hier, hier und hier.

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