Features: Looking for You – Liebe und Begehren bei Xavier Dolan

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Features

Ein Beitrag von Andreas Köhnemann

Der Tiefgang von Popschnulzen, das Echte im Spiel und die Chancen eines Almost-Happy-Ends: ein Blick auf den Ausdruck der Gefühle in den Filmen von Xavier Dolan, zum Start seines neuen Werks Matthias & Maxime.

Pro-Fun Media / Kool
„Matthias & Maxime“ & „Herzensbrecher“

Zwei junge Männer sitzen auf einer himmelblauen Kuschelcouch, einander zugewandt, sich immer näher kommend, bis zum Kuss. Aber dies ist kein intimer Moment der Zweisamkeit. Es ist ein Film (im Film). Es ist Kunst. Oder sagen wir: etwas, das unbedingt Kunst sein will – das überambitionierte Kurzfilmprojekt einer dauerquasselnden Studentin. Die beiden Männer, Matthias und Maxime, sind seit Kindheitstagen beste Freunde. Und nun sind sie semifreiwillig zu Hauptdarstellern in dieser prätentiösen Liebesanbahnung geworden. Was soll’s, richtig? Ist doch keine große Sache, stimmt’s? Nein, stimmt nicht. Denn plötzlich sind da diese Gefühle, die vielleicht schon immer da waren, sich bisher jedoch ziemlich gut verbergen ließen. Vor anderen, voreinander und – ganz wichtig – vor sich selbst. Es ist keine beflügelnde Verliebtheit, sondern eine Liebe, die wehtut, die alles schwerer macht und vieles infrage stellt.

Matthias & Maxime, der neue Film des frankokanadischen Autorenfilmers Xavier Dolan, nimmt einen durch und durch künstlichen Moment als Ausgangspunkt, um zu etwas Authentischem zu gelangen. Die titelgebenden Protagonisten müssen ihr Begehren erst spielen, um ihr wahres Begehren zu erkennen. In mancher Hinsicht ist das eine bewährte Dolan-Methode, zugleich ist es ein Novum in Dolans Œuvre. Beginnen wir mit dem Bewährten.

„Matthias & Maxime“; Copyright: Pro-Fun
„Matthias & Maxime“; Copyright: Pro-Fun

Schon immer – das heißt: seit seinem Debüt als Drehbuchautor und Regisseur mit I Killed My Mother (2009) – nutzt Dolan das Hochartifizielle, um von Gefühlen und von innigen, oft destruktiven Beziehungen zu erzählen. Gewiss können wir seine Filme angesichts des häufigen Zeitlupeneinsatzes, der ausgeklügelten Bildkompositionen, der Farbexplosionen, der äußerst präsenten Musik und des exaltierten Schauspiels in die Style-over-Substance-Schublade einsortieren und das alles belächeln. Dolan ist ja auch noch so schrecklich jung (Jahrgang 1989). Und überhaupt: dieser Hype! Und noch dazu diese narzisstische Anmutung bei öffentlichen Auftritten! Wer soll das denn bitteschön ernst nehmen?

 

Schmalzige Pop-Songs und echte Gefühle

Ja, so lässt sich das sehen. Ist aber eine total langweilige Haltung – zumal uns dabei einiges entgehen würde. Die Fähigkeit, das absolut Künstliche auf bezwingende Weise mit dem Echten zu verquicken, sogar aus dem größten Kitsch das Aufrichtige und wiederum aus dem Leben das Theatralische hervorzuholen, besitzen nicht viele Filmschaffende. Wer könnte etwa den rumänischen Pop-Song Dragostea din tei von O-Zone als Soundtrack einer berührenden Familienerinnerung verwenden, ohne sich zu blamieren? So geschehen in Einfach das Ende der Welt (2016): Der 34-jährige Louis wird durch die Klänge des einstigen Chart-Hits in seine Kindheit zurückversetzt, an einen glücklichen Tag am Strand. Sein älterer Bruder Antoine nimmt ihn huckepack – eine Nähe und Vertrautheit, die in der Gegenwart der Figuren unmöglich scheint. Es ist einer der zärtlichsten Augenblicke des Films. Und das mit O-Zone!

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Auch in Matthias & Maxime wird ein bewusst abgedroschenes Lied – der französische ESC-Beitrag des Jahres 2016, J’ai cherché von Amir Haddad – eingesetzt, um die hochkochenden Gefühle von Matthias zu Maxime zu vermitteln. Die Clique der beiden Freunde dreht den Song auf, feiert ihn ironisch ab – doch Matthias kann nicht mitfeiern, kann keine ironische Pose einnehmen. Denn jede verdammte Zeile dieser Schnulze trifft seine Empfindungen für Maxime peinlich genau.

Es muss nicht das Wahre, Schöne, Gute in der Kunst sein, das Erinnerungen und (heimliches) Begehren in uns wachruft. Manchmal bringt ein furchtbares Retorten-Lied einfach alles auf den Punkt – womit es, nur für uns, schmerzhaft wahr, schön und gut wird.

 

Tanz es raus!

In Sag nicht, wer du bist! (2013) – Dolans bisher einzigem Ausflug ins Thriller-Genre – werden wir mit dem Protagonisten Tom in ein betont rustikales Umfeld geworfen: den abgelegenen Bauernhof der Familie seines verstorbenen Geliebten. Hier trifft Tom auf Francis, den machohaften Bruder seines toten Freundes. In einer Szene in der Scheune des Hofs fangen das profane Leben und Dolans Hang zum Pathos buchstäblich an zu tanzen: Während Francis von den Zwängen seines Daseins, vom Kühe melken, Kojoten abknallen und von ländlicher Langeweile berichtet, legen die beiden – mit absurder Selbstverständlichkeit – einen heißen Tango auf den heubedeckten Boden. Die sexuelle Spannung tanzt in dieser surrealen Passage bedrohlich mit.

„Sag nicht, wer du bist!“; Copyright: Kool
„Sag nicht, wer du bist!“; Copyright: Kool

Das Ineinandergreifen von Realness und Performance sowie von Pop und Wahrhaftigkeit ist somit bewährtes Dolan’sches Handwerk, das in Matthias & Maxime stimmig fortgesetzt wird. Neu ist zum einen, dass alles ein bisschen ruhiger geschieht. Gewiss gibt es auch diesmal etliche zum Sterben zauberhafte Aufnahmen sowie völlig überspannte Mutterfiguren und hippe Gestalten. Doch nachdem Dolan in seinem vorherigen Film The Death and Life of John F. Donovan (2018) tatsächlich von allem eine Spur zu viel aufbot, wirkt Matthias & Maxime vergleichsweise zurückhaltend.

 

Liebe trennt, Liebe ist Lüge?

Zum anderen zeigt Dolan hier einen neuen Blick auf romantische Begierde und auf deren Entwicklungspotenzial. In zwei seiner früheren Filme, Herzensbrecher (2010) und Laurence Anyways (2012), stand das Liebesleben der Figuren bereits im Zentrum der Handlung (während sonst meist die familiäre Dysfunktion den Mittelpunkt bildet). In Laurence Anyways sehen wir erst ganz zum Schluss, wie das zentrale Paar Laurence und Frédérique sich einst kennengelernt hat, ausgerechnet am Rande eines Filmsets. Zuvor haben wir über zweieinhalb Stunden verfolgt, wie die Wahrheit – Laurences Outing als trans – die beiden allmählich auseinander treibt. Ein letztes Treffen führt dazu, dass sie unabhängig voneinander die Flucht ergreifen.

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In Herzensbrecher wird die Liebe, die der schwule Francis und die heterosexuelle Marie beide zugleich für den traumhaft hübschen Nicolas zu empfinden glauben, als Imagination entlarvt. Hier erscheint alles als selbstinszeniertes Spiel. Wenn Nicolas bei seinem ersten Auftritt schmauchend, lachend und sich durch die Haare fahrend am Esstisch sitzt und die Kamera dies in Slow-Motion einfängt, gibt es für uns keinen Zweifel daran, dass sich der blonde Lockenkopf seiner Anziehungskraft vollauf bewusst ist. Ebenso ist das bemüht coole Desinteresse, das Francis und Marie an den Tag zu legen versuchen, um sich voreinander nicht die Blöße zu geben, eine offensichtliche Farce.

 

Das Objekt der Begierde als leere Kinoleinwand

Im weiteren Verlauf wird klar, dass Francis’ und Maries Begehren nach Nicolas in erster Linie von Projektion angetrieben wird. Als das Duo auf einer Hausparty nebeneinandersitzt und Nicolas auf der Tanzfläche beobachtet, setzt ein Stroboskop-Gewitter ein. Wir sehen, wie Maries Blicke auf Nicolas durch die Montage mit Ausschnitten von Michelangelos David kombiniert werden. Francis’ Blicke auf Nicolas werden wiederum mit Zeichnungen von Jean Cocteau verbunden. Der tanzende Nicolas ist hier nicht mehr als ein erotisches, idealisiertes Wunschbild, das sich aus Teilen von Kunstwerken zusammensetzt. Er erfüllt die Lust am Schauen. Das Motto des Begehrens in Herzensbrecher könnte lauten: „Looking at You“. Als Persönlichkeit bleibt Nicolas derweil für Marie, Francis und uns ein einziges Rätsel. Ein ‚Je t’aime‘ kommt ihm derart leicht über die Lippen, dass es im Grunde nichts sagt.

„Herzensbrecher“; Copyright: Kool
„Herzensbrecher“; Copyright: Kool

Bei Matthias & Maxime liegen die Dinge in puncto Begehren anders. Während sich Francis und Marie ihre jeweilige „Beziehung“ zu Nicolas als großes Gefühlskino zurechtdeuten, verbindet Matthias und Maxime eine langjährige, enge Freundschaft. Zwar haben sich die beiden ihre romantischen Gefühle füreinander bis dato nicht eingestanden – dennoch wissen sie viel, womöglich gar gefährlich viel, übereinander. Sie kennen die Fehler und Schwächen des anderen. Sie wissen, wie sie den anderen verletzen können. „You / You’re the one that’s making me strong / I’ll be looking, looking for you / Like the melody of my song“, heißt es, wunderbar trashig, in besagtem Schlager-Hit J’ai cherché. Zwischen Matthias und Maxime geht es nicht ums Äußerliche, nicht ums anschauen und angeschaut werden. Statt „Looking at You“ ist hier tatsächlich die Tiefe entscheidend, die Suche nach etwas, nach Liebe und Stärke in sich selbst und im anderen: „Looking for You“. Ach so, das ist total peinlich, mega cheesy? Vielleicht ja deshalb, weil es wahr ist.

 

Tête-à-Tête in schäbigem Glanz

In der Entwicklung der Beziehung von Matthias und Maxime strebt Dolan ein höheres Maß an Authentizität an, als wir es bisher von ihm kannten. Als die zwei sich in einer Sequenz körperlich nahekommen, bewegt sich das Setting zwischen dem Shabby-Chic des Cinéma du Look und der Alltäglichkeit des Lebens. Die beiden Männer befinden sich in einem Raum, der als Werkstatt dient. Ungemütliches Wetter, mit Schutzfolie abgeklebte Fenster, Schmutz und Gerümpel. Das wäre wohl kaum die Kulisse, die sich Francis und Marie für eine intime Situation mit Nicolas herbeiträumen würden. Es ist echt – und doch noch künstlich überhöht genug, um in Dolans Kosmos zu passen.

„Matthias & Maxime“; Copyright: Pro-Fun
„Matthias & Maxime“; Copyright: Pro-Fun

Während die Wahrheit die Beziehung in Laurence Anyways zerstört, ist sie für Matthias und Maxime eine Chance. Dolan gehört (bisher) nicht zu den Filmschaffenden wie Andrew Haigh (Weekend) oder Travis Mathews (I Want Your Love), bei denen die Queerness der Figuren eine Selbstverständlichkeit ist. Sie ist in Dolans bisherigen Filmen stets Teil des Konflikts, führt zu Spannungen im Privat- und Berufsleben, im Inneren und Äußeren. Selbst im urbanen Hipster-Milieu in Herzensbrecher reagiert Nicolas auf Francis’ Gefühlsoffenbarung mit der abwehrenden Frage „Wie kommst du darauf, dass ich schwul bin?“ Matthias und Maxime machen es sich ebenfalls nicht leicht. Doch ganz am Ende steht eine Geste. Keine große, keine alles verändernde Geste. Nichts, das „glücklich auf immer und ewig“ sagt. Aber es ist ein Ende, das almost happy stimmt – mit der Aussicht auf einen neuen Anfang.

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