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Landschaften des Verbrechens: Ein Streifzug durch die Geschichte der Mafia-Filme

Ein Beitrag von Markus Fiedler

In Chiara zeigt Regisseur Jonas Carpignano, was es für Familien bedeuten kann, mit dem organisierten Verbrechen in Kontakt zu geraten. Zum Filmstart beschäftigen wir uns mit dem Film-Genre dahinter.

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Mafia

Wenn man an die bedeutendsten Mafia-Filme der Historie denkt, kommen den meisten Film-Kennern sofort die drei Filme der „Pate“-Reihe von Francis Ford Coppola in den Sinn. Gangsterfilme waren in Hollywood zu der Zeit wahrlich nichts Neues, aber dieser Blick auf das organisierte Verbrechen in den USA nach dem Erfolgsroman von Mario Puzo war frisch, überraschend und anders. Coppola zeigt den Clan nicht nur als große Familie, sondern auch als gut geölte Firma, die sich im harten Geschäft mit anderen „ehrenwerten Familien“ ständig ihrer Haut erwahren muss. Und eine Welt, in der letztlich nur der Grausamste gewinnt.

Der eine große Mann

Mit fünf Golden Globes und drei Oscars war Der Pate der Film des Jahres 1973 und bereits ein Jahr später legte Coppola Der Pate 2 nach. Der gehört nach Meinung vieler Kritiker zu den besten Fortsetzungen, die je ins Kino kamen und fungiert gleichzeitig auch noch als Prequel, weil er die Vorgeschichte Vito Corleones vom neunjährigen Flüchtlingskind zum größten Mafiaboss New Yorks erzählt. Erst 16 Jahre später sollte Coppola seine Pate-Trilogie mit dem dritten Teil abschließen, der weder bei der Kritik noch beim Publikum so gut aufgenommen wurde wie die beiden ersten Teile.

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Mit der Besetzung seiner Filme gelangen Coppola gleich mehrere große Würfe. Er machte den damals weitgehend unbekannten Al Pacino durch die Rolle des Michael Corleone zum Weltstar, ließ den bei Drehbeginn erst 47-jährigen Marlon Brando wie einen 65-jährigen gebrechlichen Mann wirken (was dem einen Oscar einbrachte, den er ablehnte) und ermöglichte auch der jungen Diane Keaton einen goldenen Start in eine lange und große Karriere. Allerdings machte sich Coppola auch seine im Film erzählten Methoden beim Dreh selbst zu eigen, in dem er viele Familienmitglieder vor der Kamera einsetzte. Die wichtige Rolle der Connie Corleone spielte Talia Shire, Coppolas Schwester. Tochter Sofia, damals noch ein Baby, war als Kind von Connie zu sehen. Coppolas Vater Carmine übernahm eine kleine Rolle als Pianist, Ehefrau, Mutter und beide Söhne bekamen Statisten-Jobs.

Mit ihrem Welterfolg etablierten Coppola und Puzo die von da ab gültigen Regeln des US-Mafia-Films. Die Etablierung des Familienclans und die rücksichtslose Rache der Ehre wegen definierten künftig das Genre. Und wurden in den Jahren danach gleich dutzendfach kopiert. Als Film-Trilogie ist Der Pate bis heute allerdings unerreicht, auch wenn ein anderer US-Regisseur sich noch intensiver mit der Mafia beschäftigen sollte hat als Coppola.


Der andere große Mann

Die Rede ist natürlich von Martin Scorsese. Zwar macht der Mafia-Film im Gesamtwerk des inzwischen 80-jährigen Regisseurs nur einen kleinen Teil aus, aber diese Filme prägten das Genre in Hollywood extrem. Nur ein Jahr nach Der Pate schickte der wie Coppola italienischstämmige Scorsese Harvey Keitel und Robert De Niro in den Hexenkessel von Little Italy in New York und drehte somit seinen ersten Mafia-Film. Die Kritiken waren gut und der Film spielte auch Gewinn ein, entwickelte sich aber nicht zum großen Hit. Erst der zweite Film über die Mafia brachte den gewünschten Erfolg.

Mit diesen Typen ist nicht gut Kirschen essen: GoodFellas                                                                         ©Warner Bros.

1990, im gleichen Jahr, in dem Coppola mit Der Pate 3 seinen Schwanengesang auf die Corleone-Familie in die Kinos brachte, zeigte Scorsese mit Good Fellas eine deutlich weniger verklärte Version von Mafia-Alltag und ließ seine Stars wie Robert De Niro, Joe Pesci (der einen Oscar gewann) und Ray Liotta eher als ganz normale Typen agieren, deren tägliche Arbeit eben aus Mord und Totschlag besteht. Während Coppola seinen kriminellen Helden stets eine gewisse Nobilität zugesteht, demontiert Scorsese das Bild des edlen Mafioso mit GoodFellas gründlich. Außerdem übertraf Scorsese den schon nicht gerade zimperlichen Coppola bei der Gewaltdarstellung deutlich und zeigte das organisierte Verbrechen als äußerst blutiges Geschäft. Beiden gemeinsam ist allerdings, dass sie Gewalt in verschiedenen Konstellationen einsetzten und sowohl für den Zuschauer völlig unerwartete Brutalitäten als auch mit viel Suspense vorbereitete Szenen virtuos inszenierten – und damit die wohl bis heute prägendsten Bilder des Mafiafilms schufen. Ob der abgetrennte Pferdekopf in Der Pate oder die blutige Doppel-Hinrichtung der Santoro-Brüder in Scorsese drittem Mafia-Film Casino: Wer diese Szenen einmal gesehen hat, vergisst sie nicht.

Casino, Scorseses dritter Mafia-Film (1995), erzählt von den Verstrickungen des organisierten Verbrechens in der Spielerstadt Las Vegas und greift damit Themen auf, die in den USA schon seit den 60er Jahren immer wieder für Schlagzeilen sorgten. So wurden unter anderem Frank Sinatra regelmäßig Kontakte zur Mafia in Las Vegas nachgesagt. Scorsese nutzt den Hintergrund allerdings für eine Geschichte über Aufstieg und Fall eines Spielers und Geschäftsmannes namens Ace (Robert De Niro), der als Jude zwar keine Chance hat, in die eigentliche „Familie“ aufgenommen zu werden, aber als erfolgreicher Manager eines Casinos zu Ansehen innerhalb der Organisation gelangt, bis ihm sein Lebenswandel und einige falsche Entscheidungen zu Verhängnis werden.

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Doch es war ausgerechnet das Remake des Hongkong-Thrillers Internal Affairs, das Scorsese mit The Departed vorlegte, der dem bisher von der Academy stets ignorierten Regisseur seinen ersten Oscar bescherte – und das mit einem untypischen Plot. Denn der hoch spannende Film um zwei Spitzel, einer bei der irischen Mafia, einer bei der Bostoner Polizei, nutzt das Mafia-Thema als Leinwand für ein Geflecht aus Verbrechen, Paranoia und Intrigen und besticht weniger durch typische Mafia-Themen. Der Film bescherte Scorsese nicht nur die begehrte Auszeichnung, sondern war auch ein Kassenerfolg, der klassische Mafia-Film eines Scorsese war er aber nicht. Der kam erst 2019.

The Irishman, das Alterswerk des großen Regisseurs, bildet mit seinen knapp vier Stunden Laufzeit das Opus Magnum Scorseses in Sachen Mafia und erzählt eine düstere Saga, die sich über knapp 30 Jahre erstreckt und den Mafia-Auftragskiller Frank Sheeran (erneut Robert De Niro) in den Mittelpunkt stellt. Der eher ruhige und schwermütige Film vereinigt nochmals alle typischen Scorsese-Mafia-Momente in sich, hat aber nicht mehr wirklich Neues zu erzählen. Ein letztes Mal brillieren De Niro und Joe Pesci als Gangster und Al Pacino spielt furios den zwielichtigen Gewerkschaftsführer Jimmy Hoffa. Scorsese zeigt wohl zum letzten Mal die Strukturen der Mafia, taucht ab ins dunkle Herz des Verbrechens und der Macht. Obwohl der mittlerweile 80-jährige noch immer Filme dreht – momentan gerade einen Thriller für Apple TV+ –, dürfte er mit The Irishman seinen finalen Mafia-Film gedreht haben.

Alterswerk mit Bestbesetzung: The Irishman                                                                                                          © Netflix


Mit der Mafia in Hollywood ist man damit aber noch lange nicht durch, hat lediglich die beiden großen Fixpunkte durchschritten. Da wären dann noch der vollkommen größenwahnsinnige Scarface und der melancholisch durchsetzte Carlitos Way, beide von Brian De Palma und mit Al Pacino. Außerdem lohnt ein Blick auf den bildgewaltigen Es war einmal in Amerika von Sergio Leone, Sam Mendes‘ düstere Graphic Novel-Verfilmung Road to Perdition sowie dem atemlosen William Friedkin-Klassiker French Connection (1971), dem John Frankenheimer 1975 eine gelungene Fortsetzung folgen ließ.

Mafia-Filme aus Italien

Italien, genauer gesagt Sizilien, gilt als die Wiege der Mafia. Und so gibt es im umfangreichen Katalog des Mafia-Films fast selbstverständlich auch wichtige Beiträge aus diesem Land. Mit Gomorrha, einer Kurzgeschichten-Sammlung von fünf Storys, die auf einem Sachbuch basieren, gelang Regisseur Matteo Garrone 2008 ein schonungsloser und brutaler Blick auf den Alltag der Menschen in Neapel und Umgebung, die von der dortigen Camorra kontrolliert wird. Dabei inszeniert Garrone keine blutigen Gemälde wie ein Scorsese oder Coppola, sondern bleibt auch in diesen Momenten fast dokumentarisch, was den Eindruck des Films nur noch stärker macht.

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Bereits aus den späten 60er und frühen 70er Jahren stammt Damiano Damianis Mafia-Trilogie Der Tag der Eule, Der Clan, der seine Feinde lebendig einmauert und Warum musste Staatsanwalt Traini sterben?, wobei der zweite Film der Reihe wohl der bedeutendste ist. Alle drei Filme beschäftigen sich mit der Verflechtung der Mafia in den Alltag Süd-Italiens und zeigen den hoffnungslosen Kampf des Gesetzes gegen die Mauer aus Schweigen. Dieses Grundmotiv haben später viele erfolgreiche Filme und Serien wieder aufgenommen: Damiani ist definitv einer der großen Pioniere dieser Mauer aus Schweigen.

Ein weiterer Klassiker des Genres mutet sehr italienisch an, tatsächlich ist Der Clan der Sizilianer aber ein französischer Film, was Filmkenner schon an der Besetzung sofort merken. Denn mit Jean Gabin, Alain Delon und Lino Ventura hat Regisseur Henri Verneuil gleich drei Hochkaräter des französischen Kinos der 60er Jahre verpflichtet – und die liefern ab. Die Story um Verbrechen und Ehrgefühl des Mafia-Clans gehört zu den frühesten Filmen des Genres und ist schon deshalb ein Geheimtipp für Fans.

Yakuza, Triaden und Co.

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Wenn man die filmische Landschaft des organisierten Verbrechens bereist, tauchen auch die Yakuza und Triaden auf. Das asiatische Kino hat etliche Klassiker des Genres abgeliefert, die sich in Stil und Inhalt aber doch sehr deutlich von Coppola und Co. unterscheiden: Es handelt sich streng genommen nicht um klassische Mafia-Filme. Der Kodex dieser Organisationen ist ein vollkommen anderer und auch deren Einbettung in die jeweilige Gesellschaft unterscheidet sich massiv. Folglich ist es eher ungenau, die Werke des Japaners Takeshi Kitano (Sonatine oder Brother) leichtfertig mit dem Label Mafia-Filme zu belegen. Gleiches gilt für A Better Tomorrow oder The Killer von John Woo, die sich mit den chinesischen Triaden beschäftigen, aber dennoch eher Action- als Mafia- Filme sind. Wem aber bei den großen Mafia-Filmen vor allem die Themen Ehre und Rache gefallen, dürfte auch im Asia-Kino fündig werden.

 

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