Features: Janet Leigh – Kein Leben in der Scheinwelt

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Ein Beitrag von Andreas Köhnemann

Vor 15 Jahren verstarb die Schauspielerin, Sängerin, Tänzerin und Autorin Janet Leigh im Alter von 77. Im Rahmen unserer Reihe „Wiederentdeckt“ blicken wir auf eine Frau, die für so viel mehr in Erinnerung bleiben muss als für einen Filmtod unter der Dusche.

Janet Leigh in "Düsenjäger"
Janet Leigh in "Düsenjäger"

‚Psycho‘-Opfer Janet Leigh ist tot“, titelte die Frankfurter Allgemeine Zeitung im Oktober 2004. „Das ewige Duschmordopfer: Zum Tod von Janet Leigh“, lautete die Überschrift in der Welt. „‚Psycho‘-Darstellerin Janet Leigh gestorben“, meldete der Stern

Dass Janet Leigh als Schauspielerin auf mehr als 80 Einträge in der Online-Filmdatenbank IMDb kommt, dass sie in den 1950er und frühen 1960er Jahren zu den bekanntesten Gesichtern in Hollywood zählte, dass sie ihre herausforderndste Rolle erst zwei Jahre nach Psycho (1960) verkörperte oder dass sie erfolgreich als Autorin tätig war, wurde in ihren Nachrufen, wenn überhaupt, nur am Rande erwähnt.

 

Autorin der eigenen Geschichte

Erfreulicherweise gehörte Leigh nicht zu den Stars der Studioära, die sich nach den Zeiten des Ruhms gänzlich zurückzogen; sie nutzte ihre Stimme, um ihre eigene Geschichte und die vom „alten Hollywood“ zu erzählen, sei es in Buchform oder in zahlreichen Interviews. Wenn wir im Zusammenhang mit ihrem Namen also leidglich an eine 45-sekündige Schwarz-Weiß-Sequenz denken, liegt das nicht an Leigh oder an deren Karriere – sondern nur an uns. Was Leigh in einem ausführlichen Interview etwa über Mutterschaft sagt, ist ebenso klug und modern wie ihre Ausführungen zur notwendigen Trennung zwischen der Scheinwelt der Filmindustrie und der Realität ihres Privatlebens: In ihrer Arbeit liebe sie den Schein – doch sie könne kein „life of make-believe“ führen. Wenn man ihre Töchter Kelly und Jamie Lee Curtis über sie oder auch mit ihr reden hört, wird schnell klar: Dies ist ihr gelungen. „You have one of the strongest personalities of anybody that I have met“, sagt Kelly in einer Gesprächsrunde zu dritt, die in einer innigen Gruppenumarmung endet – ein Bild, das alle Leute Lügen straft, die meinen, dass Hollywood-Familien grundsätzlich scheitern müssen.

Janet Leigh mit Van Johnson in „The Romance of Rosy Ridge“; Copyright: Metro-Goldwyn-Mayer
Janet Leigh mit Van Johnson in The Romance of Rosy Ridge; Copyright: Metro-Goldwyn-Mayer

 

Leigh wurde am 06. Juli 1927 als Jeanette Helen Morrison in der kalifornischen Stadt Merced geboren. Ihre Eltern Robert und Helen Morrison waren in örtlichen Fabriken tätig und litten als Teil der Working Class unter der damaligen schweren Wirtschaftskrise. Als einziges Kind des Paares sei sie dessen „bright light“ gewesen – und überaus beschützend erzogen worden. Als „günstiger Babysitter“ habe wiederum oft das Kino gedient – und so habe Leigh früh die glamouröse Leinwandwelt kennengelernt. Zu ihren großen Vorbildern habe die Schauspielerin und Oscar-Gewinnerin Norma Shearer gezählt.

 

Über Nacht zum Star

Beinahe wie ein Märchen klingt es daher, dass genau jene Frau es war, durch deren Hilfe aus der Studentin Jeanette innerhalb weniger Monate der Filmstar Janet Leigh wurde. Aufgrund ihrer guten Noten konnte sie die Highschool frühzeitig abschließen – und hatte bereits mit 15 ihren 19-jährigen Freund geheiratet. Die Ehe wurde wenige Monate später jedoch bereits wieder annulliert. Während ihres Musik- und Psychologiestudiums am College of the Pacific begegnete sie ihrem zweiten Ehemann; die Hochzeit fand im Oktober 1945 statt. Zu dieser Zeit arbeiteten ihre Eltern in einem Skiresort, wo Norma Shearer, die sich inzwischen im Ruhestand befand, als Gast vor Ort war. Als die Ex-Schauspielerin auf eine Fotografie der schönen Tochter von Robert und Helen aufmerksam wurde, brachte sie die Aufnahme zu ihrem ehemaligen Studio MGM – und bald bekundete man dort Interesse an der 19-Jährigen.

Auf Leighs Debüt im Melodram The Romance of Rosy Ridge (1947) folgte ein seinerzeit typischer Werdegang in der sogenannten „Traumfabrik“ mit durchschnittlich drei Filmen pro Jahr. Leigh wurde zu einem etablierten Namen im Business und trat etwa an der Seite des berühmten Hundes Lassie (Lassies Heimat, 1948), in der Literaturverfilmung Kleine tapfere Jo (1949), in der Komödie Holiday Affair (1949) neben Robert Mitchum, im Mantel-und-Degen-Film Scaramouche, der galante Marquis (1952) oder im Western Nackte Gewalt (1953) neben James Stewart auf.

Janet Leigh mit Robert Mitchum in Holiday Affair; Copyright: RKO Radio Pictures
Janet Leigh mit Robert Mitchum in Holiday Affair; Copyright: RKO Radio Pictures

 

Während Leighs zweite Ehe bereits 1949 wieder ein Ende fand, ermöglichte ihr der Ruhm, ihren Eltern ein Haus zu kaufen. Zu einer Wende in ihrem Leben und in ihrer Karriere kam es, als sie Anfang der 1950er Jahre den Nachwuchsstar Tony Curtis kennen- und lieben lernte. Die beiden wurden zu dem, was später etwa auch Elizabeth Taylor und Richard Burton oder Angelina Jolie und Brad Pitt werden sollten: ein Supercouple, über dessen Beziehung massiv berichtet wurde. Mit Curtis bekam Leigh in den Jahren 1956 und 1958 ihre zwei Töchter Kelly und Jamie Lee – und gemeinsam drehten Leigh und Curtis fünf Filme, darunter das Biopic Houdini, der König des Varieté (1953), das Kostümdrama Der eiserne Ritter von Falworth (1954) und der Abenteuerfilm Die Wikinger (1958). Das Paar zierte etliche Magazin-Cover; es sei zusammen mit seinem Nachwuchs zum Inbegriff von Amerikas idealer Familie avanciert. „It was fun!“, resümiert Leigh in einem TV-Interview die glücklichen Tage, die erst später eine deutliche Eintrübung erfahren sollten.

 

Ein komplexer Thriller

Mit ihrer Interpretation der Polizistengattin Susan Vargas in Orson Welles’ Film noir Im Zeichen des Bösen (1958) wurde Leigh, die bis dato zumeist als Good Girl besetzt wurde, allmählich mehr als Charakterdarstellerin wahrgenommen. In einem durch und durch bedrohlichen Kosmos, in dem es – ganz untypisch für Hollywood – keine klaren Grenzen mehr zwischen Gut und Böse gibt, wird ihre Figur mit einer aggressiven Heroin-Gang konfrontiert. Eine zusätzliche Herausforderung bei den Dreharbeiten war, dass sich Leigh kurz zuvor den Arm gebrochen hatte. Doch all ihre Szenen konnten, mit ein paar Tricks und Kniffen, realisiert werden, ohne dass ihre Verletzung im fertigen Film auffiel.

Janet Leigh mit Charlton Heston in Im Zeichen des Bösen; Copyright: Universal Pictures
Janet Leigh mit Charlton Heston in Im Zeichen des Bösen; Copyright: Universal Pictures

 

Für ihren Auftritt in Psycho wurde Leigh mit einer Oscar-Nominierung als Best Actress in a Supporting Role bedacht; zudem gewann sie für ihre Darstellung einen Golden Globe. Als ihre anspruchsvollste Rolle bezeichnet Leigh selbst in einem Interview hingegen ihren enigmatischen Part als Eugenie Rose Chaney im Polit-Thriller Botschafter der Angst (1962). So habe sie etwa in der Szene, in welcher der Protagonist Bennett Marco (Frank Sinatra) auf Eugenie trifft, mit ihren Augen mehr ausdrücken müssen als durch Worte.

 

Für Leigh wurde jene beruflich erfüllende Phase von privaten Schicksalsschlägen überschattet. Ihr Vater beging 1961 Selbstmord; ihre Mutter starb einige Zeit später ebenfalls. 1962 trennte sich Curtis von ihr, da er sich in seine deutlich jüngere Kollegin Christine Kaufmann verliebt hatte. Ihre Mitwirkung in dem Musical Bye Bye Birdie (1963) führte dazu, dass der Regisseur Blake Edwards, der mit Leigh (und Curtis) schon die RomCom Urlaubsschein nach Paris (1958) gedreht hatte, sie für sein Komödien-Projekt Der rosarote Panther gewinnen wollte, aber Leigh sagte ab, da sie den Börsenmakler Robert Brandt kennengelernt hatte: „I think I may have found my life“, teilte sie Edwards mit. Brandt sei rasch zu einem Ersatzvater für Kelly und Jamie Lee geworden.

 

An der Seite von Jamie Lee

In den folgenden Jahren und Jahrzehnten war Leigh noch immer auf der Leinwand zu sehen – etwa gemeinsam mit Paul Newman im Krimi Ein Fall für Harper (1966); darüber hinaus trat sie oft in Fernsehproduktionen in Erscheinung, darunter Solo für O.N.K.E.L. (1966) und Columbo (1975), und gab 1975 ihr Broadway-Debüt. Zwei besonders eindrückliche Kino-Auftritte absolvierte Leigh neben ihrer jüngeren Tochter in zwei starken Horrorfilmen. Im düsteren Küstenstadtmärchen The Fog – Nebel des Grauens (1980) verkörperte sie die Bürgermeisterin, die sich der finsteren Vergangenheit des Ortes stellen muss; und in Halloween H20 (1998) war sie als Sekretärin der von Jamie Lee gespielten Heldin zu sehen, die dieser an einer Stelle einen mütterlichen Rat gibt: „We’ve all had bad things happen to us. The trick is to concentrate on today.“ Kurz darauf klingt der berühmte Score aus Psycho an – doch Leighs Figur steigt in ihr Auto und fährt davon, statt abermals in die Fänge eines Killers zu geraten.

 

Durch Wohltätigkeitsveranstaltungen widmete sich Leigh beeinträchtigten Kindern, während sie sich als Autorin weiterhin intensiv mit Hollywood befasste. There Really Was a Hollywood lautete der Titel ihrer Autobiografie, die zum Bestseller wurde. Neben dem Sachbuch Psycho: Hinter den Kulissen von Hitchcocks Kultthriller, das sie 1995 zusammen mit Christopher Nickens verfasste, schrieb sie zwei Romane, die sie in der Ära des Studiosystems ansiedelte: House of Destiny (1996) und The Dream Factory (2002).

Im (recht konventionellen) Biopic Hitchcock aus dem Jahre 2012 über den titelgebenden Filmemacher wird Leigh zum Zeitpunkt der Dreharbeiten zu Psycho von Scarlett Johansson verkörpert. Diese bringt darin Leighs Witz, Professionalität und Bodenständigkeit so perfekt und einnehmend zum Ausdruck, dass man unweigerlich zu dem Schluss kommt: Ein Biopic über Leigh wäre womöglich die interessantere Wahl gewesen!

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