Ist R2D2 nicht auch irgendwie Rollstuhlfahrer?

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Features

Ein Beitrag von Christian Bayerlein

Christian Bayerlein ist Webentwickler, Nerd, Aktivist und Rollstuhlfahrer mit SMA. Im Berlinale-Gewinner „Touch Me Not“ hat er unlängst sich selbst gespielt. Für Kino-Zeit schreibt er nun über seine Erfahrungen mit Behinderung und Kino.

R2-D2 mit C-3PO in "Star Wars"
R2-D2 mit C-3PO in "Star Wars"

In einer losen Reihe beschäftigen wir uns mit Diversität im Kino – und Christian Bayerlein, Webentwickler, Nerd und Rollstuhlfahrer mit SMA, schreibt, wie er Kinobesuche erlebt, die Darstellung von Behinderung auf der Leinwand sieht und wie es war, selbst in „Touch Me Not“ mitzuspielen.

Gelesene Version des Textes:

Ich persönlich gehe sehr gerne ins Kino. Ein Kinobesuch ist ein tolles Freizeiterlebnis, was man mit Freunden zusammen unternehmen kann. Schon als Kind und Jugendlicher sah ich so manchen Film, in der Studienzeit waren wir regelmäßig Gäste bei der Sneak Preview und auch heute noch bin ich oft mit Freunden im Publikum zu finden. Praktischerweise wohne ich direkt gegenüber von dem örtlichen Kino. Eine große Leinwand, toller Sound - da kommt keine Heimkinoanlage ran. Für mich als Rollstuhlfahrer ist es auch eine relativ bequeme und einfache Art der Freizeitgestaltung: In vielen Kneipen ist es zu laut, man kann sich dort mit mir sowieso nicht gut unterhalten - und Aktivitäten im Freien oder in der Natur sind manchmal schwierig, besonders im Winter. Da ist es schön, in einem warmen Saal zu sitzen und gemeinsam einen Film zu schauen. Ich bin da wie jeder andere Zuschauer auch, meine Behinderung spielt keine Rolle. Auch das ist Inklusion.

Eines meiner Lieblingsgenres ist die Science Fiction. Ich bin bekennender Nerd, liebe alles, was mit Wissenschaft und Technik zu tun hat. Aber ein anderer wichtiger Aspekt wird von Science Fiction ebenfalls mit Leben gefüllt: man kann über Grenzen gehen, Fantasien zeigen, Narrative erzählen, die außerhalb der Norm und des Gewohnten liegen. Seit meiner Kindheit schon bin ich Star-Trek-Fan und werde gerne von den Geschichten in diesem Universum zum Nachdenken angeregt. Dort wird es oft philosophisch: wie gehen wir mit dem Altern um, mit der Natur, mit andersartigen Menschen - das sind öfter Fragen, die gestellt werden. Aber auch bei der „Konkurrenz“ fühle ich mich sehr wohl: Einer der ersten Filme, die ich als Teenager gesehen habe, war Star Wars: Die Rückkehr der Jedi-Ritter. Als ich die großen Sternenzerstörer über die Leinwand habe fliegen sehen, war ich sehr begeistert. Auch in diesem Universum ist Vielfalt Normalität, es gibt die unterschiedlichsten außerirdischen Spezies, die irgendwie miteinander zurechtkommen. Und ist R2D2 nicht irgendwie auch ein Rollstuhlfahrer?

Die Rückkehr der Jedi-Ritter
Bild aus Die Rückkehr der Jedi-Ritter; Copyright: Lucasfilm Ltd. & TM.

 

Zugang zu den Kinos

Leider wird das Filmvergnügen oft dadurch getrübt, dass man in manche Kinos überhaupt nicht hineinkommt. Es mangelt an Barrierefreiheit. Wie gesagt habe ich den großen Vorteil, ein Kino direkt gegenüber von meinem Haus zu haben. Das ist eigentlich eine praktische Angelegenheit, jedoch sind von drei Sälen nur einer mit dem Rollstuhl zugänglich, die anderen beiden sind im Keller beziehungsweise im Obergeschoss, jeweils nur über Treppen zu erreichen. Der Betreiber hat noch ein weiteres Kino zwei Häuser weiter, da sieht es etwas besser aus: alle Säle sind im Erdgeschoss. Allerdings gibt es dort in jedem Saal Treppen, um zu den guten Plätzen zu gelangen. Die Idee ist wohl, dass man ja „genauso gut“ vor der ersten Reihe sitzen könnte. Ich frage mich, ob er sich da auch freiwillig hinsetzen würde. In der Stadt gibt es noch ein weiteres Kinocenter im Industriegebiet, so ein typisches Vergnügungszentrum vor den Türen der Stadt aus den 1980er Jahren. Leider ist dort kein Saal überhaupt nur irgendwie barrierefrei. Dafür darf dort dann wenigstens die Begleitperson kostenlos mit rein – was wiederum im Innenstadt-Kino nicht geht. So kämpft man sich als Rollstuhlfahrer durch einen kleinen Teil der Servicewüste; und nach Murphy ist es sowieso so, dass der Film, den man gerne sehen möchte, immer in dem Kino kommt, in das man nicht hineinkommt.

 

Nicht ohne meine Freundin

In größeren, neugebauten Kinokomplexen ist es meistens besser, aber auch hier erlebt man ab und an Überraschungen. Vor einiger Zeit waren meine Freundin und ich in einer Großstadt mit einem solchen Kino, um einen Film zu sehen und ich war sehr erfreut darüber, dass von Anfang an alles barrierefrei erschien. Sie hatten sogar ausgewiesene behindertengerechte Plätze an der Stelle mit der besten Sicht. Als wir dann in den Saal kamen, glaubten wir es nicht: der Rollstuhlplatz war auf eine Art Balkon im Publikum – und kein normaler Kinosessel weit und breit in Sicht. Ich hätte also von meiner Freundin durch eine Balustrade getrennt den Film schauen sollen. Nun sind wir ja kreativ, also schnappte sich meine Freundin einen Stapel Decken und setzte sich auf den Boden neben mich. Ich war nur froh, dass wir aus „Brandschutzgründen“ oder ähnlichem nicht auch noch davon abgehalten wurden (ja, auch das ist ein echtes Problem).

Natürlich ist es mit der Barrierefreiheit im Saal selbst allein nicht getan. Perfekt wäre es, wenn auch der Ticketverkauf ohne Probleme stattfinden kann, zum Beispiel mit niedrigeren Schaltern beziehungsweise auf einer barrierefreien Internetseite. Außerdem ist die Anbindung an das Kino ein wesentlicher Faktor. So sollten zum Beispiel Behinderten-Parkplätze zur Verfügung stehen und sollte das Kino gut mit barrierefreien ÖPNV erreichbar sein. Die Zugänglichkeit der Toiletten für Rollstuhlfahrer ist ebenfalls genauso wichtig.

Nachdem ich jetzt viel über den „Hardware-Teil“ des Kinobesuchs, also die Barrierefreiheit, geschrieben habe, möchte ich nun näher auf die „Software“, also den eigentlichen Film und dessen Inhalte eingehen. Wie sieht es da mit dem Thema Behinderung aus?

Das Erste, was mir immer wieder auffällt, ist, dass behinderte Menschen in vielen Filmen überhaupt nicht vorkommen, nicht mal als Komparsen im Hintergrund. Das finde ich unglaublich schade, denn es spiegelt nicht die Vielfalt, die unsere Gesellschaft wirklich hat. Wäre es nicht viel realistischer und immersiver, wenn man auch mal einen Rollstuhlfahrer oder jemanden mit Blindenstock durch’s Bild laufen sähe?

Positiv beurteilte ich, dass das Thema Behinderung in Filmen in den vergangenen Jahren allgemein häufiger vorkommt. In letzter Zeit gab es einige Filme, die sich verschiedenen Aspekten dieses Themas angenommen haben, teilweise sogar Blockbuster. Das bekannteste Beispiel dürfte Ziemlich beste Freunde sein.

Trailer zu Ziemlich beste Freunde

 

Storytelling und die Wiederholung von Klischees

Doch auch hier trübt sich manchmal leider das Bild, wenn man genauer hinschaut, denn gut gemeint ist nicht immer gut gemacht. Oftmals dient diese Entscheidung über Behinderung dazu, für die Zuschauer als Inspirationsquelle herzuhalten. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von Inspiration Porn oder dem „tragischen Helden“. Hierbei wird der Fokus sehr stark darauf gelegt, wie toll der Protagonist doch mit seiner Behinderung umgehen kann. Aber in diesem Gedanken versteckt sich ein gefährliches Bild: Hier wird das Klischee wiederholt, dass Behinderung ein Defizit ist, ein Makel, den man ausgleichen kann, wenn man nur toll genug damit umgeht. Dabei wird vollkommen ausgeblendet, dass ein Großteil der Behinderung durch die Umwelt und Gesellschaft konstruiert wird.

Ein anderes Klischee, das gerne im Mainstream-Film wiederholt wird, ist das des leidenden behinderten Menschen. Im Mittelpunkt steht hier das Erleben eines furchtbaren Schicksals durch den Protagonisten. Der Zuschauer erlebt Mitleid und Trauer. Es ist nicht so, dass es diese tragischen Schicksale nicht auch in Wirklichkeit gäbe. Aber oftmals werden sie durch die Filme übermäßig verstärkt dargestellt und auch die Anzahl der Filme, die sich damit beschäftigen, ist überproportional groß. Das liegt vermutlich an dem Bedürfnis nichtbehinderter Menschen nach scheinbarer Empathie mit „schwächeren“ oder „benachteiligten“ Mitmenschen. In der Realität wollen behinderte Menschen aber üblicherweise nicht bemitleidet werden, sondern die meisten sind recht glücklich in ihrem Leben und mit ihrer Körperlichkeit, wünschen sich aber weniger Barrieren oder eine Gesellschaft, in der Inklusion wirklich gelebt wird.

Ganz drastisch wird das Ganze dann zum Beispiel, wenn es um das Thema Sterbehilfe geht oder mit Romantik gepaart daherkommt. Negativbeispiele, die ich in diesem Zusammenhang nennen möchte, sind Das Meer in mir und Ein ganzes halbes Jahr. In beiden Filmen geht es jeweils um einen jungen Mann, der nach einem Unfall einen hohen Querschnitt hat und sich nichts mehr wünscht, als schnellstmöglich sterben zu dürfen. Ich möchte überhaupt nicht verleugnen, dass es sich dabei um ein schlimmes Schicksal handelt, was sich garantiert niemand wünscht. Außerdem handelt es sich zumindest bei Das Meer in mir auch um eine weitgehend wahre Geschichte. Und trotzdem wird dabei immer wieder der Fokus darauf gelegt, wie schlecht es den Protagonisten doch geht. Mögliche Optionen, die das Leben verbessern, oder Ansätze, welche Probleme es gibt, die es aus der Welt zu schaffen gelte, um die Situation tragbar zu machen, werden ausgeblendet. Im zweiten Fall geht es um eine Frau, die sich in einen durch einen Unfall behinderten Mann mit Sterbewunsch verliebt. Neben dem Drama wird in diesem Film auch noch eine Portion Romantik in die Leidenssuppe gerührt. Wie zu erwarten ist, darf der Protagonist seinen Wunsch erfüllt wissen und stirbt am Ende des Films. Dabei werden so viele tragische Helden- und Leidensfantasien aufgekocht, dass einem als Zuschauer nichts übrigbleibt, als dass die Tränen kommen.

Trailer zu Ein ganzes halbes Jahr

 

Übrigens sterben behinderte Protagonisten am Ende von Filmen bemerkenswert überproportional oft. Ich möchte es dem Leser beziehungsweise der Leserin überlassen, wie er oder sie dieses Phänomen interpretiert und welche Ursache man vermuten kann.

 

Gibt es auch gute Beispiele?

An dieser Stelle möchte ich aber auch noch ein paar positive Beispiele nennen, denn es gibt auch wirklich tolle Filme, die ein Leben mit Behinderung weitgehend ohne Klischees zeigen. Ziemlich beste Freunde fand ich in der Tat ziemlich gut, gerade, weil er auch mit viel Humor und Augenzwinkern das Leben des Protagonisten porträtiert. Auch da gibt es zwar ein paar Kleinigkeiten, die mich stören, zum Beispiel die ungeklärte Frage, wie es dem normal- verdienenden behinderten Menschen in Frankreich geht und wie dieser an seine Assistenz kommt, aber das sind wirklich oftmals Details, die das Gesamterlebnis beim Schauen des Films nicht großartig beeinträchtigt haben. Insgesamt fand ich den Film sehr gut.

Mein Lieblingsfilm in diesem Bereich ist Inside I’m Dancing. In diesem irischen Film aus dem Jahr 2004 werden zwei junge Männer mit Behinderung porträtiert, die durch einen Zufall im selben Behindertenwohnheim landen und von dort ausziehen wollen. Sie haben einen starken Kampf um Assistenz, damit sie selbstbestimmt leben können. Der Film ist sehr humorvoll, teilweise sogar politisch inkorrekt, aber auf eine Art und Weise, die mich regelmäßig dazu gebracht hat, wirklich laut zu lachen, weil sie Klischees auf den Kopf stellt beziehungsweise mit ihnen in der Art spielt und sich darüber lustig macht, dass ich nicht anders konnte. Ich fand das realitätsnah und trotzdem nicht zu moralinsauer oder pädagogisch. In dem Film gibt es auch viele tragische Momente, diese stammen aber nicht aus einem Defizit, sondern hier wird oftmals der Gesellschaft der Spiegel vorgehalten.

Ausschnitt aus Inside I'm Dancing

 

Ein weiteres Beispiel, welches ich als Science-Fiction-Fan natürlich nennen muss, ist X-Men. Der Hauptcharakter Xavier sitzt nach einem Schusswechsel im Rollstuhl und leitet eine Schule für sogenannte Mutanten, also Menschen, die aufgrund einer genetischen Anomalie Superfähigkeiten besitzen. Zum einen ist hier Diversität und Andersartigkeit ein zentrales Thema und es wird packend dargestellt, wie sehr viele Menschen Probleme damit haben, andere Lebensarten anzuerkennen. Oftmals wird diesen Mutanten mit Angst begegnet, was teilweise sogar zu Gewalt und Ausgrenzung führt. Zum anderen wird die Behinderung des Hauptcharakters erfrischend unaufgeregt dargestellt. Xavier sitzt im Rollstuhl, das war’s dann aber auch fast schon. Er wird dadurch weder zum tragischen Helden noch leidet er besonders unter dieser Situation.

 

Typecasting – wer spielt behinderte Menschen?

Gerade weil das Thema Behinderung im Film zurzeit sehr viel Popularität erlangt, stelle ich mir und stellen sich viele behinderte Menschen vermehrt die Frage, warum diese Rollen mit nicht-behinderten Schauspielern besetzt werden. Auffällig ist, dass bei Rollen, bei denen eine Besetzung mit einem behinderten Schauspieler nicht zu vermeiden ist, weil es ansonsten alleine schon von der Optik her zu sehr auffallen würde, wie zum Beispiel mit Down-Syndrom oder Kleinwüchsigkeit, diese auch entsprechend gecastet werden. Diese Besetzungen sind meistens grandios, was das Argument widerlegt, dass es nur wenige gute behinderte Schauspieler gäbe. Andererseits werden Rollen, bei denen es um Rollstuhlfahrer geht, meistens von „Läufern“ gespielt. Gleiches gilt für Rollen mit einer nicht-sichtbaren Behinderung, etwa bei Gehörlosigkeit oder Autismus. Eine gute Ausnahme ist zwar Gottes vergessene Kinder, in dem die Protagonistin sehr mitreißend von der gehörlosen Marlee Matlin gespielt wird, dies bleibt aber leider die große Ausnahme. Die nicht-behinderten Schauspieler werden im Anschluss dann auch noch für eine besondere Leistung gelobt, weil es ja so schwierig ist, einen behinderten Menschen „authentisch“ darzustellen. Wäre es aber nicht viel authentischer, gleich einen Rollstuhlfahrer zu casten? Ich kenne einige, hauptsächlich am Theater. Ein gutes Beispiel ist unter anderem Samuel Koch, der durch einen Unfall in der ZDF-Fernsehsendung Wetten dass…? bekannt wurde. Er hat mittlerweile eine Schauspielausbildung hinter sich und arbeitet am Staatstheater Darmstadt. Aber auch die eine oder andere Rolle in einem Film konnte er schon spielen. Ich zumindest sehe keinen qualitativen Unterschied zu nicht-behinderten Schauspielern. Der kleinwüchsige Peter Dinklage spielt inzwischen prestigeträchtige Rollen unter anderem bei Game of Thrones, aber auch in der britischen Komödie Sterben für Anfänger, in dem seine Behinderung nicht mal eine wesentliche Rolle spielt. In der Serie Breaking Bad wird der spastisch gelähmte Sohn Walt junior ebenfalls von einem wirklich behinderten Schauspieler dargestellt. Hiervon würde ich mir mehr wünschen, auch im Kino!

 

Meine eigene Rolle

Im vorherigen Jahr schaffte ich zusammen mit meiner Freundin und vielen anderen mutigen Menschen selbst den Sprung auf die Leinwand. Wir haben im Film Touch Me Not der rumänischen Regisseurin Adina Pintilie mitgewirkt. Der Film gewann 2018 den Goldenen Bären auf der Berlinale.

Bei dem Film handelt es sich um eine Fusion aus Fiktion und Realität. Er legt größten Wert auf die Interaktion mit dem Publikum und dessen eigene Gefühle. Die Handlung folgt den Protagonisten auf ihrem Weg, wie sie ihre eigene Intimität und Körperlichkeit entdecken und erforschen. In verschiedenen Bewegungen werden mutige Fragen gestellt und der Zuschauer mit den Grenzen seiner eigenen Gefühlswelt auf positive Art und Weise konfrontiert.

In erster Linie war meine Mitwirkung bei Touch Me Not motiviert durch meine Tätigkeit als Aktivist und ich habe es als große künstlerische Chance gesehen. Mir ging es also hauptsächlich um die Thematik selbst bzw. den Dialog mit dem Publikum. Da der Film ein Hybrid aus Dokumentation und Spielfilm ist, wäre ich aber auch schlecht durch einen Schauspieler zu ersetzen gewesen. Und natürlich habe ich beim Ausfüllen meiner „Rolle“ darauf geachtet, den gängigen Klischees zu widersprechen, eben um einen guten Gegenpol zu bilden.

Trailer zu Touch Me Not

 

Manchen Kritikern waren der offene Umgang und die Art, behinderte Körper zu zeigen, offenbar zu viel. Das finde ich ehrlich gesagt recht surreal. Wir leben in einer Gesellschaft, in der Sexualität medial sehr vordergründig gezeigt wird und man dem Thema eigentlich an jeder Ecke begegnet, zumindest, wenn es zu Marketingzwecken benutzt werden kann oder durch eine Provokation Aufmerksamkeit sicherstellt. Da bin ich doch sicherlich nicht der erste Mann, der über seinen Penis spricht. Allerdings bin ich der erste Mann mit Behinderung. Die Frage ist nun, was bei mir vornehmlich anders wäre als bei anderen Männern. Ich behaupte: nichts.

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Christian Bayerlein
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