I believe (in movies) - Religion im US-Kino

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Ein Beitrag von Andreas Köhnemann

Die Zehn Gebote

Seit jeher bedient sich die Lichtspielkunst biblischer Themen und Motive. In einem Deutschlandradio-Kultur-Interview nennt der Filmhistoriker und Journalist Andreas Kötzing zwei einleuchtende Gründe hierfür: Zum einen sei die Bibel "voll mit Kinogeschichten", die Dramatik, Tiefe und Spektakel ermöglichten – und zum anderen gebe es diese Geschichten erfreulicherweise umsonst, da niemand ein Urheberrecht auf sie habe.

Schon die französischen Brüder Auguste und Louis Lumière – die Erfinder des cinématographe – drehten (neben anderen Zeitgenossen) im Jahre 1897/98 gemeinsam mit Georges Hatot eine Bibelverfilmung: den Elfminüter La vie et la passion de Jésus-Christ. In Hollywood kam es in den 1920er Jahren zu einer ersten Blütezeit monumental gestalteter Bibeladaptionen, auf welche in den 1950er und 1960er Jahren eine zweite folgte. So widmete sich etwa Cecil B. DeMille nach seinem 136-minütigen Stummfilm-Epos Die zehn Gebote (1923) mehr als drei Dekaden später abermals dem Leben von Mose – nun in 220 Minuten, einer überwältigenden Breitwand-Optik sowie prächtigen Farben. In gigantischen Abenteuern wie König der Könige (1961, von Nicholas Ray) oder Die größte Geschichte aller Zeiten (1965, von George Stevens) rückte erneut der 'Sohn Gottes' in den Mittelpunkt, ehe die New-Hollywood-Ära dem auf Zelluloid gebannten Glaubens-Pomp ein vorläufiges Ende bereitete.

Mit Die letzte Versuchung Christi lieferte Martin Scorsese 1988 eine höchst ambivalente, auf dem Nikos-Kazantzakis-Roman Die letzte Versuchung basierende Variation der Messias-Erzählung, die ihren Protagonisten als einen von Zweifeln geplagten Mann konturiert. Auch die zu Recht umstrittene Mel-Gibson-Schöpfung Die Passion Christi (2004) steht mit ihrer ausführlichen Gewaltdarstellung gewiss nicht in der Tradition massenkompatibler Kolossalfilme aus der Traumfabrik; dennoch sieht Hanns-Georg Rodek in einem Welt-Artikel in dem Werk einen Wendepunkt hin zu einer Zeit, in der 'Gott ins Kino zurückkehrt': Die circa 30 Millionen US-Dollar teure Regiearbeit des einstigen Mad-Max-Stars konnte ein weltweites Einspielergebnis von knapp 612 Millionen US-Dollar erzielen – und habe, so Rodek, den Hollywood-Studios gezeigt, dass sich mit Filmen religiösen Inhalts doch wieder Geld verdienen lasse. Zu den kinematografischen Konsequenzen dieser Erkenntnis kann man groß angelegte Produktionen wie Darren Aronofskys Noah oder Ridley Scotts Exodus: Götter und Könige (beide von 2014) zählen, die ganz im Stil der erwähnten Filme aus den 1950er/60er Jahren mit Schauwerten und noch besseren, computergenerierten Effekten sowie zahlreichen bekannten Gesichtern in Haupt- und Nebenrollen aufwarten. In evangelikalen Kreisen stieß Noah allerdings auf heftige Ablehnung, wurde gar als "disgusting and evil" tituliert. Wie diffizil es sein kann, es bei einem religiösen Stoff allen recht zu machen, haben die Coen-Brüder in einer extrem komischen Passage ihrer Branchensatire Hail, Caesar! demonstriert, in welcher vier Kirchenvertreter sämtliche Bedenken zum gerade entstehenden Kino-Mammutprojekt äußern dürfen.

Noah von Darren Aronofsky
Copyright: Paramount Pictures

Ferner brachte der ungeahnte finanzielle Erfolg von Die Passion Christi eine Gruppe von US-Werken hervor, die der Hollywood Reporter als "inspirational movies" oder auch "faith-based movies" rubriziert. Für diese zeichnen insbesondere zwei Studios verantwortlich: 20th Century Fox gründete Mitte der 2000er Jahre das Label Fox Faith und Sony Pictures Entertainment zog alsbald mit Affirm Films nach. Auf der eigenen Website bezeichnet sich Affirm Films als 'Heimat für Qualitätsunterhaltung', die inspiriere, erbaue, herausfordere und fessele, sowie als Marktführer im faith-based-film-Segment. Darüber hinaus wird auf das breite Spektrum an Genres and Budgets hingewiesen. Zu jedem filmischen Werk aus dem Sortiment bietet die Homepage des Sony-Tochterunternehmens einen discussion guide zum Herunterladen an, in welchem neben der üblichen Synopsis sowie Cast- und Crew-Angaben auch viele Bibelzitate und ein in Themenblöcke unterteilter Fragenkatalog zu finden sind. Als Hauptzielgruppe der Filme und des didaktischen Begleitmaterials lassen sich unschwer (junge) evangelikale Christ_innen ausmachen.

Zunächst seien faith-based movies dieser Art innerhalb der Branche mit einem gewissen Stigma behaftet gewesen, heißt es im Hollywood Reporter. Noch im Jahre 2013 sei es etwa schwierig gewesen, populäre Darsteller_innen für den Film Den Himmel gibt's echt zu verpflichten, wie der Produzent Joe Roth zu berichten weiß. Letztlich konnten für die Geschichte eines jungen Pfarrersohnes, der während einer Not-OP angeblich eine Begegnung mit verstorbenen Angehörigen und Jesus hat, jedoch Namen wie Greg Kinnear (Little Miss Sunshine), Kelly Reilly (Flight) und Thomas Haden Church (Sideways) gewonnen und weltweit 101 Millionen US-Dollar bei vergleichsweise niedrigen Ausgaben von 12 Millionen eingespielt werden. Für das Familiendrama Himmelskind, das Anfang Juni 2016 in den deutschen Kinos anlief, habe es dann direkt mit der ersten Wahl an Interpret_innen – darunter Jennifer Garner und Queen Latifah – geklappt. Das Werk von Patricia Riggen erzählt von einem vermeintlich unheilbar kranken Mädchen, das nach einem Sturz plötzlich wieder kerngesund ist und fortan von einem kurzen Besuch im Himmel spricht. Sowohl Den Himmel gibt's echt als auch Himmelskind sparen ein kritisches Hinterfragen der geschilderten göttlichen Erfahrungen gänzlich aus; dass hier Wunder geschehen sind, steht schlicht und ergreifend außer Zweifel. Die formelhaften Plots, die wenig originelle Bildsprache sowie die (über)eindeutigen Botschaften werden höchstwahrscheinlich keine Person überzeugen, die nicht ohnehin schon überzeugt ist. Gleichwohl bleibt die durchaus interessante Feststellung: "Hollywood has rediscovered religion."

Himmelskind von Patricia Riggen
Copyright: Sony Pictures Releasing

Den Himmel gibt's echt wurde in 20 Ländern präsentiert; den Großteil ihres Publikums errang die von Randall Wallace inszenierte Geschichte indes im sogenannten 'Bibelgürtel' der USA, in Städten im Süden, Mittleren Westen sowie im ländlichen Kalifornien. Im filmdienst (Ausgabe 06/2016) beschreibt Franz Everschor in seiner Kolumne E-Mail aus Hollywood die auf Produktionsseite unternommenen Anstrengungen im Rahmen des Affirm-Films-Werks Auferstanden, um eine möglichst breite Zuschauerschaft zu erreichen. Es habe vier große Testscreenings gegeben, in denen die Rezipient_innen stets versichert hätten, den Film nicht wie eine Predigt empfunden zu haben. Im Zentrum des Werks, bei dem Kevin Reynolds (Robin Hood – König der Diebe) die Regie übernahm, steht der von Joseph Fiennes verkörperte römische Tribun Clavius, der von Pontius Pilatus (Peter Firth) den Auftrag erhält, zusammen mit seinem Adjutanten Lucius (Tom Felton) das Grab von Yeshua (Cliff Curtis) zu beobachten. Als der Leichnam des Gekreuzigten dennoch verschwindet, beginnt eine Spurensuche in Kriminalfilm-Manier. Hier wird die Perspektive eines Skeptikers eingenommen, welcher sukzessive zu einem Gläubigen wird; somit geht es nicht – wie in den zuvor erwähnten Familiendramen – um eine Bestätigung und Verfestigung religiöser Überzeugungen, sondern um einen existenziellen Gesinnungswandel, den sich das Team von Auferstanden womöglich auch bei einigen Menschen im Kinosaal erhofft. Ähnlich verfährt Cyrus Nowrastehs Der junge Messias – eine in den USA von Focus Features, in Deutschland vom Concorde Filmverleih distribuierte Adaption des gleichnamigen Anne-Rice-Romans, in welcher der römische Zenturio Severus (Sean Bean) den kleinen Jesus (Adam Greaves-Neal) und dessen Familie unerbittlich jagt, bis er schließlich bekehrt wird.

Auferstanden von Kevin Reynolds
Copyright: Sony Pictures Releasing

Wenn Jesus in Der junge Messias seine außergewöhnlichen Fähigkeiten entdeckt, mutet dies beinahe wie die origin story eines Superhelden an – während sich in einem tatsächlichen Superheldenfilm wie Man of Steel (2013) sowohl auf narrativer als auch auf visueller Ebene etliche Christus-Analogien entdecken lassen. Die eigentümliche Beziehung zwischen dem Biblischen und dem Filmischen wird sich wohl auch in Zukunft noch fortsetzen.

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