Feminismus in pfirsichpink

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Ein Beitrag von Maria Wiesner

Der Bandfilm Spice World wird 20 Jahre alt. Was bleibt nach der Zeit von Girl Power übrig?

Spice World schmeckt nach pinkfarbenem Pfirsich-Lutschern. Zumindest war das meine erste Assoziation, als ich mir den Film nach 20 Jahren noch einmal ansah. Das hat einen Grund: Als der Film herauskam, war er ein weiterer Teil der großen Werbemaschine, die diese Band um die Welt trieb. Und zu deren Merchandise gehörten eben auch jene pinkfarbenen Pfirsich-Lutscher, eingepackt in knisterndes Silberpapier, auf dem das Bild der fünf jungen Frauen prangte – in meiner Erinnerung machen sie zusammen irgendeine offene, witzige Geste, wie sie nur Girlies in den 1990er Jahren draufhatten.

Dass der penetrante süße Pfirsich-Geschmack bis heute im pawlowschen Reflex in meinem Gehirn mit den Spice Girls verbunden ist, zeigt wie gut das Merchandise funktionierte. Ich habe in jenem Sommer wahrlich viele dieser Lutscher gekauft. Ich wusste ja nicht, was Merchandise überhaupt war – ich war einfach Fan, meine Freundinnen auch. Und das war einfach, denn die Spice Girls waren eine Ausnahme in der sonst ziemlich männerdominierten Popwelt der 1990er. Es gab zwar ein paar Sängerinnen wie Mariah Carey oder später Britney Spears – viel zu sanfte Frauen, die von Liebe sangen, was sollten wir damals schon damit anfangen? Und sonst waren da nur N Sync und die Backstreet Boys oder Take That. Und mit diesen Jungs konnten wir noch weniger anfangen. Die Spice Girls waren neu, sie waren wild, sie waren frech und sie traten sehr selbstbewusst auf. Zudem war da dieses ewige Girl Power, von dem Geri Halliwell immer sprach – und von dem wir zwar nicht genau wussten, was es bedeuten sollte, aber es fühlte sich gut an. Natürlich hatten wir Spice World damals im Kino gesehen. Eine Karte zum Konzert der Band hätten wir uns niemals leisten können, und schon die Reise durch die Brandenburgische Pampa ins 60 Kilometer entfernte Multiplex-Kino fühlte sich ein bisschen nach Event und Konzertbesuch an. Der Film war großartig, fanden wir. Wahrscheinlich haben wir im Kino sogar mitgesungen.


(Trailer zu Spice World)

Was bleibt davon 20 Jahre später und ohne pubertäres Fandom? Große Unentschlossenheit. Was wollte dieser Film eigentlich sein? Er schwankt irgendwo zwischen Komödie, Karikatur und Bandvehikel, ohne sich je für eine Richtung entscheiden zu können. Das mag daran liegen, dass man für die Regie zwar Bob Spiers gewinnen konnte, der sonst für TV-Shows wie Das verrückte Hotel mit John Cleese oder Absolutely Fabulous Regie führte, aber das Drehbuch dann Kim Fuller anvertraute, seines Zeichens jüngerer Bruder von Simon Fuller, der später American Idol und die Videos der Castingband S Club 7 produzierte. Simon war auch bei Spice World Produzent, aber Kim eben ziemlich talentfrei, was das Schreiben eines 90-Minüters anbelangt. Er probiert, den großen Gründungsmythos für die Band zu erschaffen, die selbst nur zusammengecastet wurde. Wahrscheinlich schwebte ihm etwas in der Liga von Yeah, Yeah, Yeah mit den Beatles vor. Und so versuchte er es mit folgender Handlung: Die Spice Girls, eine Band von fünf jungen Frauen, stehen kurz vor ihrem ersten Live-Konzert. Ein verpeilter Musikjournalist will sie mit seinem Kamerateam in dieser Woche der Anspannung begleiten, Touralltag, Konzerte, Stress, Fan-Termine, Freundschaft im Tourbus. An dieser Stelle fragt man sich, ob Spice World als Dokumentarfilm aus dem Touralltag nicht besser gewesen wäre, doch man wollte ja am Gründungsmythos arbeiten, also musste hier noch etwas Spannung und Handlung hinein. Das driftet mitunter in Klamauk ab, etwa wenn die Sängerinnen bei der Pinkelpause nachts im Wald auf Außerirdische treffen, die noch Karten für ihr Konzert wollen. Oder wenn an Bord des Busses plötzlich eine Bombe auftaucht, die erst für große Panik sorgt und von der dann nie wieder die Rede ist.

Dann gibt es da noch als Antagonisten zu den fünf jungen Frauen die fiesen Männer. Da wären zum einen der schmierige Boss eines Klatschblattes, der sie scheitern sehen will – Barry Humphries spielt eine schleimige Murdoch-Version. Dann ist da der Big Boss hinter der Band, der die Mädchen von einem Termin zum nächsten schickt, ohne dabei auf ihre Gesundheit zu achten. Für diese Rolle hat man Ex-Bond Roger Moore gewinnen können, dem es sichtlich Spaß gemacht hat, im Satinbademantel Anweisungen gespickt mit pseudoasiatische Weisheiten in ein Telefon zu raunen, Martinis zu schlürfen und dabei wahlweise eine weiße Perserkatze oder ein Ferkel mit Diamanthalsband im Stil eines Bondbösewichts zu kraulen. Und dann ist da noch Cliffort (Richard E. Grant), der cholerische Tourmanager, der immer ein bisschen wirkt, als wäre er auf Koks und/oder kurz vorm Herzinfarkt. Nun wäre hier natürlich eine gute Gelegenheit gewesen, tatsächlich zu zeigen, was Girl Power ist. Die Spice Girls also als neue Frauen ihrer Generation jung, selbstbewusst, im Kampf um Gleichberechtigung oder wenigstens als Gegenentwurf zu diesen toxischen Männertypen zu zeigen. Doch weit gefehlt. Geri, Melanie C, Victoria, Emma und Melanie B bleiben reine Abziehbilder ihrer Bandrollen, singen hübsch und sehen gut aus, was ihnen eben jene Männer immer wieder bestätigen.

Die Spice Girls in Aktion

(Bild aus Spice World; Copyright: Polygram)

Dabei war Girl Power einmal so viel mehr. Den Begriff hatte ursprünglich die Riot-grrrl-Bewegung in den Vereinigten Staaten geprägt. Zu Beginn der 1990er Jahre entstand sie in Olympia (Washington State). Dort waren es besonders die feministischen Punk-Bands wie Bikini Kill, die Riot grrrl ins Leben riefen, weil sie die durchweg männlich dominierte Musikszene satthatten. Auf einem undatierten Flyer der Band soll der Begriff wie folgt definiert worden sein: „Weil wir Mädchen Medien kreieren wollen, die zu UNS sprechen. Wir haben es satt, dass auf jede Boy Band eine Boy Band, auf jedes Boy Zine ein Boy Zine, auf jede Boy Punk Band eine Boy Punk Band …Wir müssen miteinander reden. Kommunikation und Inklusion sind der Schlüssel dazu. Sonst werden wir den Schweigecode nie brechen … denn in jedem Medium sehen wir uns immer nur ins Gesicht geschlagen, enthauptet, verlacht, objektiviert, vergewaltigt, trivialisiert, herumgeschubst, ignoriert, stereotypisiert, getreten, belästigt, zum Schweigen gebracht, herabgesetzt, erstochen, erschossen, erwürgt und umgebracht. Wir brauchen einen sicheren Raum für Mädchen, in dem wir unsere Augen öffnen können und auf einander zugehen, ohne dass wir von dieser sexistischen Gesellschaft und dem gleichen Bullshit Tag ein, Tag aus bedroht werden.“

(Because we girls want to create mediums that speak to US. We are tired of boy band after boy band, boy zine after boy zine, boy punk after boy punk after boy... Because we need to talk to each other. Communication and inclusion are key. We will never know if we don't break the code of silence... Because in every form of media we see ourselves slapped, decapitated, laughed at, objectified, raped, trivialized, pushed, ignored, stereotyped, kicked, scorned, molested, silenced, invalidated, knifed, shot, choked and killed. Because a safe space needs to be created for girls where we can open our eyes and reach out to each other without being threatened by this sexist society and our day to day bullshit." (Darms, Lisa. The Riot Grrrl Collection. Feminist Press (CUNY). p. 168.)

Die Riot-grrrl-bands nahmen das Ernst. Ihre Lieder beschäftigten sich mit Vergewaltigung und häuslicher Gewalt, dem Patriarchat, Sexualität, Rassismus – vor allem aber damit, den Frauen eine Stimme und einen Raum zu geben. Sie prägten auch als erste den Begriff „Girl Power“.

Riot grrls
(Das Zine von Bikini Kill; Copyright: Tigersnaps / CC BY-SA 4.0)

Der Begriff sollte die Bands überleben. Er war knackig und einprägsam. In den späten 1990ern kaperten ihn die Spice Girls. Da hatten längst die Girlies die Bühne der Popkultur übernommen, bunt, gutgelaunt, ein bisschen frech, auf keinen Fall aber mehr allzu politisch wie ihre Punk-Vorgängerinnen. Wenn Geri Halliwell „Girl Power“ in die Kameras schrie, war das zu einer leeren Hülle verkommen. Da konnten ihre engen Kleider noch so sehr mit den Riot-Grrrl-Schlagwörtern wie „Female Empowerment“ bedruckt sein – ein weißes Exemplar mit der Aufschrift „Girl Power“ trägt sie beispielsweise während der Eröffnungsnummer des Spice World-Films.

Die Spice Girls hatten damit maßgeblich den Pop-Feminismus mitgeprägt. Das Bild, das die Band transportierte, war das der jungen Frau, die eine große Klappe hatte, sich nichts vorschreiben ließ und einfach Spaß haben wollte. Eine Frau, die von Gleichberechtigung sprach, aber diese nicht mit intellektuellen Theorien untermauern wollte. Wenn Feministinnen sich gemeinhin humorlose Verbissenheit vorwerfen lassen mussten, so war das der Beweis, dass man von Feminismus reden konnte, ohne dabei Sorgenfalten und Latzhose zu tragen. Die Spice Girls ebneten damit den Weg für Künstlerinnen wie Lady Gaga und Beyoncé, deren feministische Botschaften sich ebenfalls nicht an große Theoriegebäude hängen, sondern die ihren Fans vielmehr zurufen: Sei stark! Tu, worauf du Lust hast! Du hast jedes Recht dazu, zu tragen, was Du willst, zu lieben, wen Du willst, und zu sein, wie Du willst. Denn das ist Gleichberechtigung. Natürlich zog diese sehr verknappte Botschaft etliche Kritik auf sich. War es noch Feminismus, eine goldene Statement-Kette mit dem Slogan „Feminist“ oder „Girl Power“ zu tragen?

Und doch kann man den fünf Frauen dieser Castingband ihre Rolle im Feminismus nicht absprechen. Ohne sie wäre „Girl Power“ niemals bis in die südlichste Ecke Brandenburgs gekommen. Von Punk-Bands hatten wir keine große Ahnung, von den Riot Grrrls noch nie gehört, wo sollte man auf dem Land auch ein Zine aus Amerika erhalten?  Dass ein Ort namens Olympia in Washington State existierte, wussten wir nicht. Das Internet hatte es 1998 noch nicht flächendeckend bis zu uns geschafft. In der Musik der Spice Girls aber fanden sich im Gegensatz zu den schnulzigen Liedern der Boybands immerhin Ankläge an sexuelle Selbstbestimmung („Too much“, „Stop“). Ja, das war purer Popfeminismus, aber es war das erste Mal, das wir uns überhaupt mit Gleichberechtigung und Selbstbestimmung beschäftigten. Und nach dem Film fühlten wir uns stark. Trivialer Plot hin oder her, aber diese fünf Frauen hatten es irgendwie geschafft mit einer großen Klappe und wenig Respekt vor männlicher Hierarchie nach oben zu kommen. Und wenn sie das schafften, was sollte unseren Träumen dann im Weg stehen?

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