Emile Ardolino – Immer mit Hingabe

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Ein Beitrag von Andreas Köhnemann

„Dirty Dancing“ zählt zu den Filmen, die sich viele Menschen wieder und wieder anschauen. Den Namen des Regisseurs könnten indes wohl nur die wenigsten nennen. Im Rahmen unserer Reihe „Wiederentdeckt“ blicken wir auf Emile Ardolino, der „Dirty Dancing“ den Rhythmus gab und dessen Todestag sich gerade zum 25. Mal jährt.

Emile Ardolino
Emile Ardolino

Man könnte behaupten, dass „Dirty Dancing“ doch bestimmt von vornherein ein Selbstläufer war – mit markigen Sprüchen wie „Nobody puts Baby in the corner“ sowie der zauberhaften Jennifer Grey aus „Ferris macht blau“, dem unerhört attraktiven Patrick Swayze aus „Fackeln im Sturm“ und Schmacht-Liedern wie „She’s Like the Wind“. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich aber, dass erst Ardolinos Gespür für Tanz und für die intimen Momente beim Tanzen den Film zu dem machten, was er auch heute noch ist: ein Werk, das wir lieben – ob wir wollen oder nicht.

Ardolino wurde am 09.05.1943 in Maspeth – einem Vorort von Queens in New York City – geboren. Seine Eltern Emilio und Ester waren aus Italien in die USA immigriert; bereits mit sechs Jahren verlor Emile seinen Vater. In seiner Jugend entwickelte er eine Passion für Broadway-Shows und soll all sein Geld für Eintrittskarten ausgegeben haben. So sah er sich angeblich die Original-Aufführung des Musicals Gypsy mehr als zwei Dutzend Mal an. Wenn er gerade knapp bei Kasse war, soll er sich heimlich in der Pause in Veranstaltungen hineingeschmuggelt haben: Regelbruch aus Leidenschaft – ein Motiv, das in seinem späteren Schaffen noch eine zentrale Rolle spielen sollte. Während seiner Zeit am Queens College, wo er Tanz studierte, trat er in einigen Theaterproduktionen auf und nahm Schauspieljobs an, merkte jedoch bald, dass sein größtes Talent im Regieführen lag. Obendrein wandte sich sein Interesse bald den Mitteln des Films zu.

 

„A lot of fun“

Nach der Gründung der Firma Compton-Ardolino Films mit seinem Kollegen Gardner Compton im Jahre 1967 begann Ardolino damit, Dokumentarfilme zum Thema Tanz zu inszenieren, zu schneiden und zu produzieren sowie Bühnenstücke und Ballettaufführungen filmisch einzufangen. Dies brachte ihm 1969 einen Obie Award ein. Er war unter anderem für die TV-Senderkette Public Broadcasting Service tätig und in den 1970er und 1980er Jahren an der Fernsehreihe Dance in America beteiligt, wofür er mit zwei Emmy Awards und einem Directors Guild of America Award ausgezeichnet wurde. Die Reihe soll maßgeblich dazu beigetragen haben, dass Tanz in den USA in all seinen Ausprägungen populär wurde.

Ardolinos Tätigkeit in diesem Bereich weckte die Aufmerksamkeit von Jacques d’Amboise: Der 1934 geborene US-Balletttänzer, -Choreograf und -Schauspieler suchte im Jahre 1983 nach einer Person, die sein Engagement als Tanzlehrer an öffentlichen Schulen filmisch begleiten sollte. So entstand unter Ardolinos Regie der 51-Minüter He Makes Me Feel Like Dancin’, der bei der Oscar-Verleihung 1984 als Bester Dokumentarfilm hervorging. Ardolino nahm den Preis gemeinsam mit zahlreichen Kindern aus dem Film entgegen – was zu einem der schönsten Bühnen-Gewimmel und -Gewusel in der Geschichte der Academy Awards führte. Zudem zeigt Ardolinos Umsetzung bereits, weshalb er der perfekte Kandidat für das Projekt Dirty Dancing war: He Makes Me Feel Like Dancin’ lässt sowohl in den Statements der Kids als auch in den Aufnahmen der Übungen und Proben immer wieder erkennen, dass Tanzen großen Spaß bereitet – und dass es zu einem wichtigen Teil des Coming-of-Age-Prozesses werden kann. So konzentriert sich Ardolino etwa auf einen Jungen, der seine Unsicherheit in der Erlernung von Tanzschritten überwinden muss.

 

Ein persönlicher Zugang

Im Kern wurde in He Makes Me Feel Like Dancin’ die Story von Dirty Dancing (1987) schon erzählt, wie Eleanor Bergstein – die Autorin des Dirty-Dancing-Drehbuchs – im Rahmen eines Gedenkvideos an Ardolino sagt:

„Es war, als wäre He Makes Me Feel Like Dancin’ die Version von Dirty Dancing, die passierte, bevor ich mein Skript überhaupt geschrieben hatte. Sein Film schilderte, was Tanzen dem Herzen, der Seele und dem Geist bedeutet. Emile war brillant in der Inszenierung von Tanz und wusste genau, wo die Kamera platziert werden muss, damit man versteht, wie sich Tanzen körperlich und seelisch anfühlt.“

 

Seine Arbeit sei, so Bergstein, sehr persönlich gewesen. Wie sehr diese Aussage stimmt, lässt sich auch in Dirty Dancing feststellen – einem Stück Unterhaltungskino, das auf Wunsch einiger verantwortlicher Personen zunächst eher im Stil einer frivolen Teen-Komödie wie Porky’s (1981) realisiert werden sollte, wie die Dirty-Dancing-Choreografie-Assistentin und -Nebendarstellerin Miranda Garrison berichtet. Stattdessen fokussierte sich Ardolino auf die Darstellung von Tanz als „Form der Kommunikation“, wie er selbst es in einem Video-Interview beschreibt. In einem Gespräch mit der New York Times zum damaligen Kinostart des Films erläutert er überdies: „Ich liebe Tanz. Ich liebe Musik.“ Das Dirty-Dancing-Skript nutze den Tanz, um den Plot voranzubringen und um die Charaktere zu entwickeln. Er habe darin durchweg den Subtext der Körpersprache erkannt und zu all dem sofort eine Verbindung aufbauen können.

"Dirty Dancing"
Dirty Dancing; Copyright: Concorde Home Entertainment

 

Von Herzen kommend

 

Die Geschichte der 17-jährigen Frances „Baby“ Houseman (Jennifer Grey), die im Sommer des Jahres 1963 in einem Ferienresort den jungen Tanzlehrer Johnny Castle (Patrick Swayze) kennen- und lieben lernt, ist fraglos formelhaft. Die Dialoge sind zwar teilweise ins kollektive Gedächtnis eingegangen – aber gewiss nicht wegen ihrer Fulminanz. Was Dirty Dancing ausmacht, sind Musik und Tanz. Allerdings weiß der Film selbst: „Die Technik alleine macht’s nicht, du musst den Rhythmus spüren!“ und „Das muss von Herzen kommen!“ Genau darin lag nun die Stärke von Ardolino.

Wie der Dirty-Dancing-Choreograf Kenny Ortega in besagtem Gedenkvideo mitteilt, ließ Ardolino die Kamera oft einfach (weiter-)laufen. Diverse Momente des Werks, die heute als ikonisch gelten, verdankt die Filmhistorie ebenjener Methode. Wenn zum Beispiel Johnny und Baby gemeinsam ihren Tanz üben und Baby anfängt zu lachen, als Johnny ihr langsam mit seiner Hand über den ausgestreckten Arm streicht, ist dies nicht etwa eine im Drehbuch angelegte Szene, sondern eine Situation, die sich bei den Dreharbeiten ergab. Greys Kichern ist echt und ungewollt – und dieser authentische Augenblick wurde in die Endfassung einmontiert. Auch die berühmte Situation, in welcher sich das Paar auf dem Boden kriechend aufeinander zubewegt, entstand spontan beziehungsweise war eigentlich nur Teil des Warm-ups.

Zudem gehörte Ardolino zu den Regisseuren, die es verstehen, wie wichtig eine angenehme Atmosphäre am Set ist. „Er war sehr beschützend“, meint Grey – ein good guy, voller Güte. Als das durchwachsene Arbeitsverhältnis zwischen Swayze und Grey einmal seinen Tiefpunkt erreichte, soll Ardolino den beiden gemeinsam mit Bergstein das Video ihres äußerst gelungenen Screen-Tests vorgespielt haben, um sie daran zu erinnern, welch atemberaubende Chemie sie miteinander erzeugen können. Dies soll dem Duo neuen Enthusiasmus in der Interaktion vor der Kamera gegeben haben, um den romantischen Szenen die nötige Glaubwürdigkeit zu verleihen.

"Dirty Dancing"
Dirty Dancing; Copyright: Concorde Home Entertainment

 

„Sie müssen immer mit Hingabe singen!“

Auf Ein himmlischer Liebhaber (1989), einen Mix aus Fantasy und RomCom mit Cybill Shepherd und Robert Downey Jr. in den Hauptrollen, und die Familienkomödie Drei Männer und eine kleine Lady (1990), die das US-Remake Noch drei Männer, noch ein Baby (1987) von Leonard Nimoy fortsetzte, folgte in Ardolinos Regie-Karriere ein weiteres Werk, das zum modernen Genre-Klassiker avancieren sollte: Sister Act (1992) zeigt Whoopi Goldberg als selbstbewusste Casino-Sängerin Deloris aus Reno, die Zeugin eines Mordes wird und sich deshalb vorübergehend als Nonne in einem Konvent in San Francisco verstecken muss. Auch dieser Film lebt zweifelsohne nicht von einer ausgefeilten Story, sondern funktioniert in erster Linie auf einer emotionalen Ebene. „Ich mag es, wenn das Publikum beim Verlassen des Kinosaals etwas fühlt. Ich will nicht, dass es wie betäubt herauskommt“, so Ardolino.

Wie in Dirty Dancing werden in Sister Act durch das Entfachen von Leidenschaft Regeln gebrochen. Deloris verwandelt den drögen Kirchenchor in eine begeisterte Gruppe, indem sie die Frauen auffordert, „mit Hingabe“ und „mit dem ganzen Körper“ zu singen. Auch hier unterbrechen die Performance-Einlagen die Handlung nicht, sondern tragen zur Veranschaulichung und zur individuellen Veränderung der Figuren bei: Sie fühle, dass da noch etwas ganz tief in ihr sei, meint die extrem schüchterne Schwester Mary (Wendy Makkena) an einer Stelle zu Beginn des Films zu Deloris; im Laufe der Erzählung findet sie ebenjenes in ihrer unverhofft starken Stimme, in ihrem zunehmend ungehemmten Gesang. Ardolino setzt dies mit Schwung um – und entlockt seinem Ensemble um Goldberg, Makkena, Kathy Najimy, Maggie Smith, Bill Nunn und Harvey Keitel dynamische Spiel-Leistungen.

"Sister Act"
Sister Act; Copyright: Buena Vista

 

Am 20.11.1993 starb Ardolino im kalifornischen Bel Air im Alter von 50 Jahren an den Folgen seiner AIDS-Erkrankung. Der Ballettfilm The Nutcracker (mit dem damaligen Kinderstar Macaulay Culkin in der Titelrolle) sowie Gypsy, die Fernsehfilmfassung von Ardolinos gleichnamigem Lieblingsmusical mit Bette Midler im Hauptpart, erschienen beide posthum noch im selben Jahr. Ardolino hinterließ seinen Lebensgefährten Luis Miguel Rodriguez-Villa und seine drei Schwestern – sowie zahlreiche Kolleg_innen, die ihn und seine Arbeit(sweise) überaus schätzten. „Emile war wie ein Renaissance-Mann“, meint Miranda Garrison: gebildet, sanft, ruhig. Sein Œuvre zeugt davon, dass selbst im Unterhaltungskino, mitten im US-Mainstream, eine Auseinandersetzung mit Themen, die einem persönlich etwas bedeuten, mit Herzensangelegenheiten und Passionen möglich ist – und dass man sich in diesem System seinen Charakter und seine Sensibilität bewahren kann.

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