Features: „Ein Ohr für falsche Töne“: Wie Wolfgang Kohlhaase das Leben in der DDR einfing

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Ein Beitrag von Christian Neffe

Nicht viele Filmschaffende der DDR haben den Sprung in das neue System gemeistert. Einer der Glücklichen war Wolfgang Kohlhaase. Für den Drehbuchautor stand das Politische nie im Vordergrund. Trotzdem macht er das Private stets zum Sprungbrett für etwas Größeres.

Wolfgang Kohlhaase
Wolfgang Kohlhaase

Wird Wolfgang Kohlhaase danach gefragt, was einen guten Drehbuchautor ausmacht, nennt er drei Eigenschaften. Dem Autor müsse die Welt sinnlich begegnen. Er müsse ein „poetisches Verständnis der Wirklichkeit“ besitzen. Vor allem aber: Er müsse sich für Menschen interessieren. Betrachtet man die Filme, die auf Kohlhaases Drehbüchern basieren, wird schnell deutlich, dass Letzteres das zentrale Element seines Schaffens ist. Kohlhaase – seit 2010 Träger des Goldenen Ehrenbären der Berlinale – interessierte sich, wenn überhaupt, nur in zweiter Linie für politische Botschaften. Sein Fokus lag stattdessen stets auf der glaubwürdigen Darstellung der Figuren, der Abbildung ihrer Lebenswirklichkeiten sowie der gesellschaftlichen Umstände, die sie formten und denen sie sich widersetzten. Der Rest ergab sich ganz von selbst.

Dass sich der gebürtige Berliner, Sohn eines Maschinenschlossers sowie einer Hausfrau, so sehr mit dem Leben und den Problemen der Menschen aus seinem unmittelbaren Umfeld auseinandersetzte, war wohl auch dem Umstand geschuldet, dass er bereits in früher Jugend Zeuge eines massiven politischen Umbruchs wurde, dessen Folgen er sehen und spüren konnte. Kohlhaase kommt am 13. März 1931 zur Welt, beginnt schon während seiner Kindheit zu schreiben und 1947 ein Volontariat bei der Jugendzeitung Start, wo er seine handwerklichen Kenntnisse ausbaut. Denn glaubt man Kohlhaase, ist Schreiben vor allem dies: ein Handwerk.

Dieses Verständnis kommt nicht von ungefähr. In der DDR (als der neue Staat 1949 ausgerufen wird, fällt Kohlhaase in Ohnmacht – allerdings nur, weil er am Morgen nichts gefrühstückt hatte) wird der junge Redakteur zunächst Mitarbeiter der FDJ-Zeitung Junge Welt und kommt 1950 über einen Freund mit der staatlichen Filmproduktionsfirma DEFA in Kontakt. Dort arbeitet er als Dramaturgie-Assistent. Was genau das bedeutet und wie man Drehbücher schreibt, davon hat Kohlhaase zu diesem Zeitpunkt jedoch noch keine echte Vorstellung. Die Historie des Kinos ist ihm ebenso wenig geläufig. Also probiert er es einfach aus und lernt Schritt für Schritt dazu. Handwerk eben.

 

Italienischer Neorealismus als Vorbild

Inspiration bezieht er vor allem von den italienischen Neorealisten. Vittorio De Sica, Roberto Rossellini, Frederico Fellini – sie bringen Kohlhaase die Idee nahe, dass der Alltag, das Leben an der Ecke nebenan, die Freunde hinter dem Zaun, Material für Geschichten im Kino hergeben können. Zuvor habe er nur „Kino zu Pferde“ gesehen: „Das waren feinere Leute, die da [auf der Leinwand] ihre Geschichten abhandelten.“ Sein Interesse gilt vielmehr einer ebenso lakonischen wie leichtfüßigen Abbildung der realen gesellschaftlichen Verhältnisse.

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Wolfgang Kohlhaase 1955 (c) Bundesarchiv/
Peter Heinz Junge / CC-BY-SA 3.0

Seine ersten Drehbücher erzählen folglich von Ereignissen und Figuren, die aus Kohlhaases direktem Umfeld stammen könnten. Seine Werke handeln von jungen Menschen auf der Suche nach Sinn und Perspektive, in einem sich eben erst konstituierenden politischen und gesellschaftlichen System. Er lotet gleichsam menschliche Abgründe wie auch die kleinen und großen Freuden des Alltags aus – das also, was man allgemeinhin unter Leben versteht. Regisseur Wolfgang Schleif setzt erstmals ein Drehbuch von Kohlhaase um, es entsteht der Jugendfilm Die Störenfriede (1953). Er erzählt die Geschichte zweier schwer erziehbarer Schüler, deren Tatendrang erst durch eine Klassenkameradin in sinnvolle Bahnen gelenkt wird. Es ist eine erste Fingerübung für den Autor.

Mit dem nächsten Film beginnt etwas, das sich fortan wie ein roter Faden durch Kohlhaases Werkbiografie zieht: Die wiederholte Zusammenarbeit mit einem spezifischen Regisseur. Der hört in diesem Fall auf den Namen Gerhard Klein und setzt in den kommenden Jahren insgesamt sechs von Kohlhaases Drehbüchern um. Gemeinsam berichten beide über das Lebensgefühl und die Desorientierung der jungen Generation in der Nachkriegszeit. Wie auch die Neorealisten setzt das Duo auf Laiendarsteller und eine ungeschminkte Darstellung der Stadtkulisse. Und sie erzählen Geschichten in, aus und über Berlin.

 

Berlin, du bist so wunderbar…

Alarm im Zirkus ist 1954 Kohlhaases und Kleins erste Zusammenarbeit. Das Drehbuch basiert auf Vernehmungsprotokollen zweier Jugendlicher aus prekären Verhältnissen, die sie beinahe in die Kriminalität treiben. Der Film erzählt vom geplanten Diebstahl wertvoller Zirkuspferde, welcher von beiden in letzter Minute verhindert wird. Solidarität und Moral triumphieren über Eigennutz und Egoismus. 1956 folgt Eine Berliner Romanze, der von der Affäre eines Westberliner und einer Ostberlinerin erzählt. Eine junge Liebe, die durch die Trennung der Systeme erschwert wird — Romeo und Julia auf Neu-Berlinerisch. Beide Filme zeichnen sich (wie auch spätere Werke des Autors) durch eine zurückhaltende Inszenierung und eine fragmentarisch-episodische Erzählstruktur (statt einer klassisch dramaturgischen) aus, die die Fiktion umso authentischer erscheinen lassen.

Um die Lebenswirklichkeit junger Menschen dreht sich auch Kohlhaases und Kleins dritte Zusammenarbeit: Berlin – Ecke Schönhauser… (1957) porträtiert das Leben einer Gruppe von Halbstarken, die sich unter den U-Bahn-Bögen im Prenzlauer Berg treffen, zu Rock’n’Roll tanzen, kleinere Delikte begehen und den Blick gen Westberlin richten. Als eines der Mitglieder in einem Auffanglager stirbt, setzt dies eine unheimliche Gruppendynamik in Gang.

Kohlhaases Anspruch auf Authentizität verträgt sich anfangs noch gut mit dem sozialistischen Kunstverständnis, das ebenfalls auf die Abbildung der Realität statt auf eskapistische Genre-Ausflüge setzt. Doch mit dem damit (zumindest in der Theorie) verbundenen erzieherischen Anspruch hat Kohlhaase wenig am Hut. Er setzt lieber auf Ambivalenz, Vielschichtigkeit und die subversive Kritik, die daraus erwächst. Es dauert nicht lange, bis erste Konflikte aufkommen: Mit Berlin – Ecke Schönhauser… trifft der Autor einen Nerv und provoziert Diskussionen bei der politischen Führung. Die vermeintlich negative Darstellung des Ostens stößt bei der Hauptverwaltung Film auf Ablehnung, im FDJ-Zentralrat wird der Film allerdings als positives Gegenbeispiel zu westdeutschen Filmen mit ähnlichem Szenario begriffen. Berlin – Ecke Schönhauser… darf erscheinen und wird zum Kassenerfolg.


Ausflüge in den Genrefilm

Anschließend legt Kohlhaase eine kreative Pause von seinen Berlin-Filmen ein. 1960 ist er als einer von fünf Autoren am Skript zum ersten Science-Fiction-Film der DDR beteiligt: Der schweigende Stern warnt im Angesicht des Kalten Krieges vor der nuklearen Katastrophe, wird in erster Linie aber für seine Ausstattung gelobt. Ein Jahr später erfolgt die nächste Zusammenarbeit mit Gerhard Klein und Mitautor Günther Rücker, diesmal in einem historischen Szenario: Der Fall Gleitwitz rekonstruiert den fingierten Überfall auf den gleichnamigen Radiosender, der den Nationalsozialisten als Anlass für den Einmarsch in Polen diente. Inszenatorisch bleibt der Film den früheren Werken Kleins und Kohlhaases treu, bietet einen quasi-dokumentarischen und kühlen Stil, der die Propaganda-Prinzipien des Dritten Reichs erfahrbar machen soll. Das stößt nicht überall auf Zustimmung: Mehrere Kulturfunktionäre werfen ihm Verherrlichung vor, der Film wird nur in wenigen Programmkinos gezeigt.

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Wolfgang Kohlhaase 1971 (c) Bundesarchiv / Sig Kutscher / CC-BY-SA 3.0

Eine Rückkehr zu den Geschichten des Alltags gelingt dem Duo Kohlhaase und Klein sowohl mit Sonntagsfahrer (1963) als auch mit Berlin um die Ecke (1965). Der erste erzählt von mehreren Familien aus Leipzig, die kurz vor dem Mauerbau ihre Flucht planen. Der zweite spielt im Arbeitermilieu der Hauptstadt und behandelt einen Generationenkonflikt innerhalb des Metallbetriebs, in dem Kohlhaases Vater einst arbeitete. Abermals stößt das Thema bei der politischen Führung auf Unmut – zu kritisch sei er, heißt es, zu pessimistisch und zu subjektiv. Während des Rohschnitts wird die Arbeit unterbrochen, der Film (zusammen mit einer Handvoll anderer Werke, die zu dieser Zeit entstehen) verboten. Die endgültige Fertigstellung von Berlin um die Ecke erfolgt erst 1990.

 

Alles sagen, aber nicht über alles reden

Ab 1968 beginnt Koohlhasses langjährige Kooperation mit einem anderen Regisseur, namentlich Konrad Wolf. Gemeinsam schaffen sie zwei Filme, die die Schrecken der letzten Kriegstage beispielhaft anhand der Schicksale einzelner Figuren aufarbeiten (Ich war neunzehn, 1968, und Mama, ich lebe, 1977), sowie eine Künstlergeschichte (Der nackte Mann auf dem Sportplatz, 1974, über einen Bildhauer). 1980 entsteht die letzte Zusammenarbeit des Duos, die bis heute als eines von Kohlhaases am häufigsten zitierten Werken gilt und bei dem er erstmals an der Regie beteiligt ist: Solo Sunny.

Erneut ist es eine Künstlergeschichte, die sich diesmal um die junge Sängerin Ingrid „Sunny“ Sommer (Renate Krößner) dreht. Die pflegt einen selbstbestimmten Lebensstil und setzt sich mit bisweilen groben Mitteln gegen moralische Vorwürfe und aufdringliche Männer zur Wehr, etwa als einer ihrer Bandkollegen übergriffig wird oder ihre neue Liebe – ein abgehalfterter Philosoph – sie betrügt. Solo Sunny ist der Film, in dem Kohlhaases Handschrift wohl am deutlichsten erkennbar ist: Wieder rückt das Lebensgefühl eines jungen, anpassungsunwilligen Menschen (in diesem Fall eine Frau, die Kohlhaase für die prinzipiell interessanteren Figuren hält) in den Mittelpunkt. Wieder ist Berlin – mit seinen grauen, aber doch vitalen Fassaden, mit seinen eigenwilligen Bewohnern, seinen verwinkelten Gassen, kargen Wohnungen und verrauchten Bars – der zentrale Schauplatz. Und wieder zeigt sich, dass der Autor ein unnachahmliches Gefühl für authentischen Sprachgebrauch ist.

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„Es muss alles gesagt werden, aber es muss nicht über alles geredet werden“, konstatierte Kohlhaase vor einiger Zeit, kritisch in Richtung aktueller deutscher Produktionen blickend. Getreu dem Credo Show, Don’t tell legt der Autor seinen Figuren nur das Nötigste in den Mund. Ihre Sätze sind knapp, ihre Ausdrucksweise ist alltäglich, aber zeitlos. Ihre Authentizität schöpft sich aus den sprachlichen Fehlern, die Kohlhaase einbaut. Er habe einfach „ein Ohr für falsche Töne“. Modewörter und -ausdrücke gehören für Kohlhaase allerdings in den Giftschrank: Was zählt, seien die Denk- und Gefühlsstrukturen, die der Sprache zugrunde liegen. „Die muss man erwischen.“


Worte und Taten

Kohlhasse hat sie erwischt – immer und immer wieder. Ihm genügen nur wenige Worte, um seinen Figuren das nötige Profil zu verschaffen. Zu beobachten ist das direkt zu Beginn von Solo Sunny, als die Titelfigur ihre aktuelle Affäre mit einem knappen „Is‘ ohne Frühstück“ aus der Wohnung heraus komplimentiert und auf sein Murren ein ebenso knappes „Is‘ auch ohne Diskussion“ folgen lässt. Oder als sie auf die Aussage ihres Kollegen, sie habe doch ein „nettes glattes Gesicht“ ein gewitztes „Weil Falten vom Denken kommen“ erwidert. Oder als sie sich am Ende des Films einer neuen Band vorstellt und ihr ganzes Selbstbewusstsein in nur wenigen Zeilen ausschüttet: „Ich schlaf mit jemandem, wenn’s mir Spaß macht. Ich nenn ‚nen Eckenpinkler ‚nen Eckenpinkler. Ich bin die, die bei den Tornados rausgeflogen ist. Ich heiße Sunny.“ Ebenso gern lässt Kohlhaase seine Figuren aber auch einfach nur durch Taten sprechen, etwa in dem großartigen Moment, in dem Sunny einem aufdringlichen Anzugträger, der an der Bar einfach ihr Glas austrinkt, die Brille vom Gesicht nimmt, sie entzwei bricht und ihm unters Hemd schiebt.

In den folgenden Jahren drehen sich Kohlhaases Drehbücher abermals um die Vor- und Nachwehen des Krieges: 1983 entsteht Der Aufenthalt, ein Film über einen deutschen Kriegsgefangenen, zugleich das erste von drei Drehbüchern des Autors, die von Frank Beyer inszeniert werden. 1985 dann Die Grünstein-Variante (eine Umsetzung von Kohlhaases gleichnamigem Hörspiel) über drei Männer, die sich im Paris von 1939 in einer Gefängniszelle begegnen. Und 1989 Der Bruch, welcher auf wahren Begebenheiten basierend einen Bankraub im Nachkriegs-Berlin auf humorvolle Weise nachzeichnet, zugleich jedoch die existentiellen Nöte der Zivilbevölkerung aufzeigt. Zwischenzeitlich schreibt Kohlhaase auch das Skript für einen Dokumentarfilm über seinen inzwischen verstorbenen Freund Konrad Wolf.

 

Stilistische und politische Wende

Dann kommt die Wende. Abermals ein grundlegender Umbruch in der Biografie Kohlhaases, der jedoch seiner Berufung treu bleibt und als einer der wenigen renommierten Filmschaffenden der DDR den Sprung ins neue System schafft. Seine Stoffe werden zum Teil tragischer und düsterer, dennoch fügt der Autor ihnen oft eine humoristische Note bei. Etwa in der Carl-Zuckmeyer-Adaption Der Hauptmann von Köpenick (1997). Oder in Baby (2004) über zwei Männer, die nach dem Unfall-Tod ihrer Frauen zusammenziehen. Die Stille nach dem Schuss (2000), in dem das Leben einer in der DDR untergetauchten RAF-Terroristin porträtiert wird, geht er allerdings mit der gebotenen Ernsthaftigkeit an.

Der vierte Regisseur, mit dem Kohlhaase eine langjährige Zusammenarbeit eingeht, ist der in Gera geborene Andreas Dresen. Ihr erster gemeinsamer Film heißt Sommer vorm Balkon (2005). Auch hier stehen Frauen im Mittelpunkt, die beiden Freundinnen Katrin (Inka Friedrich) und Nike (Nadja Uhl), die mit alltäglichen Problemen zu kämpfen haben. Abermals schwankt die Stimmung zwischen melancholisch und humoristisch, abermals dreht sich die Handlung um die Themen Freundschaft, Liebe, Arbeit(slosigkeit) und Einsamkeit. Atmosphärisch bleibt sich das Duo auch bei ihrem nächsten Projekt, Whisky mit Wodka (2009), treu. Der dreht sich um einen alkoholkranken Schauspieler (Henry Hübchen) in den 1920er Jahren, dem ein jüngerer Kollege zunehmend Konkurrenz macht. Das Skript basiert auf einer Anekdote, die Frank Beyer einst Kohlhaase erzählt hatte, laut der der Schauspieler Raimund Schelcher bei den Dreharbeiten zu Schlösser und Katen (1957) wiederholt aufgrund seiner Trunkenheit am Set ausfiel. Auch mit knapp 80 Jahren lässt sich der Autor nach wie vor vom echten Leben inspirieren.

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„Als wir träumten“ (c) Rommel Film / Pandora Filmverleih

In ihrer bisher letzten Zusammenarbeit Als wir träumten (2015) widmen sich Kohlhaase und Dresen der unmittelbaren Nachwendezeit. Die Grundlage liefert der gleichnamige Roman des Leipziger Autors Clemens Meyer, in dem dieser seine eigenen Erfahrungen im Stadtteil Reudnitz verarbeitet und von Amateur-Boxkämpfen, wilden Techno-Partys und Schlägereien mit Nazis berichtet. Das Material scheint wie geschaffen für Kohlhaase zu sein, steht doch abermals eine Gruppe Jugendlicher im Fokus, die in einem neuen System mit anderen Regeln, Werten und gesellschaftlichen Dynamiken nach Orientierung und Perspektive suchen. Der Film bedient bekannte Bilder und Sujets, doch wieder sind es Kohlhaases nüchterne Aufarbeitung, die authentische Sprache und der episodische Erzählstil, der Als wir träumten zu einem sehenswerten deutschen Beitrag des Coming-of-Age-Genres machen.

 

Alles verdorben?

Sein bisher letztes Werk, In Zeiten des abnehmenden Lichts (2017), lässt sich in gewisser Weise als Kohlhaases Abschluss mit der DDR lesen. Der 90. Geburtstag eines verbitterten Parteimitglieds (Bruno Ganz) wird hierin zum Schauplatz harscher Diskussionen, in denen sich erneut – so wie in nahezu allen bisherigen Werken des Autors – das Politische mit dem Privaten vermischt. „Haben wir alles verdorben?“, lautet die abschließende Frage des Films, und es wäre wohl naiv, sie ausschließlich als Symptom der Trauer über den Tod der Mutter zu verstehen, vor deren Grab die Kinder in diesem Moment stehen.

Kohlhaases Drehbücher fußen stets auf einem intimen, menschlichen Kern. Sie handelten von Individuen, die mit ihrer Umwelt haderten, ausgestoßen oder anderweitig unangepasst waren; von den Themen Freundschaft, Liebe, Hoffnung und der Suche nach einer Perspektive auf eine bessere Zukunft. Selbstbewusste Frauen und Durchschnitts-Kerle waren seine liebsten Beobachtungssubjekte; alltägliche, fehlerbehaftetet Sprache stets ein Mittel, um Nähe und Authentizität zu schaffen. Das Private diente ihm immer wieder als Sprungbrett für das Politische – auch wenn das vielleicht nicht immer eine bewusste Entscheidung des Autors war. Denn, wie er es einst in einem Interview sagte: „Geschichten, wissen Sie, wenn die gut sind, sind klüger als die Leute, die die Geschichten machen.“

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