Features: Die Rückkehr des deutschen Genrekinos

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Ein Beitrag von Urs Spörri

Krystof Zlatnik und Paul Andexel, die beiden Initiatoren der Genrenale
Krystof Zlatnik und Paul Andexel, die beiden Initiatoren der Genrenale

„Der Neue Deutsche Genrefilm formiert sich!“ Mit diesen markigen Worten beginnt die Selbstdefinition einer spannenden Bewegung im deutschen Kino: Junge Filmemacher kämpfen für Genres wie Action, Science-Fiction, Horror oder Thriller. Für Filme, die mitreißend und unterhaltend sind, die die Zuschauer herausfordern und begeistern. Ihre Vision ist es, eine „bisher fehlende Genre-Kultur“ in Deutschland zu schaffen.

Zum Neuen Deutschen Genrefilm gehören neben noch weitgehend unbekannten Filmemachern auch Regisseure wie Dennis Gansel (Napola, Die Welle), Tim Fehlbaum (Hell), Marvin Kren (Rammbock, Blutgletscher), Rainer Matsutani (Nur über meine Leiche, Zimmer 205), Martin Schreier (Robin Hood, The Night Father Christmas Died), Jörg Buttgereit (German Angst) und Till Kleinert (Der Samurai). Seit 2013 kulminieren die Bemühungen der Bewegung in dem während der Berlinale stattfindenden ein- bis zweitägigen Festival „Genrenale“, deren nächste Ausgabe uns am 11. und 12. Februar diesen Jahres erwarten wird (mehr Infos unter www.genrenale.de).

Die Macher der Genrenale haben zweifelsohne einen Nerv getroffen. Es gibt die Sehnsucht einer ganzen Publikums-Generation, die mit den großen amerikanischen Unterhaltungsklassikern wie Jaws — Der weiße Hai, Star Wars, Terminator und E.T. aufgewachsen sind, vergleichbare Filme im heutigen Kino zu entdecken. Dieses Bedürfnis wurde viele Jahre weitgehend vernachlässigt — sowohl von Geldgebern und Förderern, als auch von Seiten der Macher, die mit nahezu jedem Genreversuch ins stets geöffnete Messer der Filmkritik zu laufen drohten. Dabei stellen die genannten Filme zugleich den Beginn der Blockbuster-Ära im Hollywood-Kino und einen generellen Einschnitt in der Filmgeschichte dar. Seit diesem Zeitpunkt ist eine bis heute anhaltende Ratlosigkeit im deutschen Film zu spüren, wie man auf die übermächtigen millionenschweren Produktionen aus den Vereinigten Staaten angemessen reagieren könne. Heute jedoch, in Zeiten der Krise Hollywoods, wo Sequels und Prequels von mangelndem Glauben an neue (wirtschaftlich rentable) Stoffe zeugen, gibt es eine Chance für das unterhaltende und anspruchsvolle Kino hierzulande, wenn es kreativ ist und neue Wege geht.

Doch anstatt sich zu verbünden, beging der Neue Deutsche Genrefilm gleichzeitig einen fatalen Fehler: Mit einem polemisierenden Rundumschlag gegen die komplette deutsche Filmlandschaft (im Stile von Äußerungen wie „gegen Kritik imprägnierten sozialen Realismus und melodramatisches Betroffenheitskino“ oder „normierte romantische Komödien und herzschlagloses Betäubungsfernsehen“) verfrachteten sich die Kämpfer gegen die Nischenstellung des deutschen Genres vorerst noch weiter ins Abseits. Dabei wäre gerade ein Schulterschluss mit den Autorenfilmern und Vordenkern des deutschen Kinos die beste und wünschenswerteste Möglichkeit, im Interesse von abwechslungsreichen Filmstoffen Lobbyarbeit zu betreiben.

Denn Deutschlands führende Auteurs der Berliner Schule haben das Genrekino ebenfalls für sich entdeckt: Thomas Arslan inszenierte mit Gold einen Western, Christian Petzold widmete sich in Phoenix einem in der Nachkriegszeit verorteten Historiendrama und Christoph Hochhäuslers Die Lügen der Sieger (der genaue Kinostart steht bislang noch nicht fest) zeichnet einen Politthriller im Stil der Paranoia-Filme aus den 1970er-Jahren (z.B. Pakulas Watergate-Thriller Die Unbestechlichen oder Die drei Tage des Condor von Sydney Pollack). Sie alle eint, dass sie das jeweilige Genre aber nicht nach den klassischen Genreregeln inszenieren. Sie gestalten eine Symbiose — in der Filmwissenschaft auch Synkretismus genannt — aus den eigentlichen Genrekonventionen und der Ästhetik ihrer eigenen „Berliner Schule-Werke“, die vom Museum of Modern Arts in New York mit einer großangelegten Retrospektive gewürdigt wurden. Die Zukunft des deutschen Genrefilms könnte in derartigen Hybridformen liegen, wenn man auf diese vertraut und diese womöglich zu neuen Subgenres weiterentwickelt. Berliner Schule-Horror? Improvisierter German Mumblecore-SciFi? Klingt lohnenswert. Alles ist möglich.

Doch auch überzeugende „klassische“ Genrefilme aus der Bundesrepublik kamen 2014 in die Kinos: Exemplarisch zu nennen sind der für deutsche Verhältnisse starbesetzte und politisch aktuell anmutende Hacker-Thriller Who Am I — Kein System ist sicher von Baran bo Odar (u.a. mit Tom Schilling, Elyas M’Barek und Hannah Herzsprung) sowie der in einem brandenburgischen Dorf spielende Debüt-Horrorfilm Der Samurai von Till Kleinert, für den bei der vergangenen Berlinale die Reihe „Midnight Movies“ in der Sektion Perspektive Deutsches Kino ins Leben gerufen zu worden scheint. Aber auch das deutsche Fernsehen wandte sich dem hochwertigen Genre zu, allem voran mit dem grandiose und vielfach auf Filmfestivals preisgekrönte Tatort — Im Schmerz geboren des Hessischen Rundfunks (Regie: Florian Schwarz), bei dem sich Ulrich Tukur und Ulrich Matthes in Wiesbaden einen Western-Showdown in bester Shakespeare vs. Tarantino-Manier lieferten.

Warum sind Genres eigentlich so wichtig für uns? Es ist diese unausgesprochene Vereinbarung zwischen Filmemachern und Publikum, Erwartungen zu erfüllen (was gerade im Zuge der Diskussion um das Vermittlungsproblem des deutschen Film für Verleiher und Kinobetreiber nachdenkenswert sein sollte). Und diese mit möglichst interessanten Abwandlungen neu zu adaptieren und präsentieren. So entstehen Geschichten „bigger than life“, die in die Traumwelt des Kinos entführen können.

In Deutschland sind die ersten Weichen für die Etablierung des Genrekinos gestellt, der Blick nach Österreich kann weiter inspirieren. Nicht ohne Grund kommen die spektakulären Stoffe wie der Alpen-Western im Schnee Das finstere Tal (Regie: Andreas Prochaska) oder der Horror-SciFi-Thriller Blutgletscher (Regie: Marvin Kren) aus dem Nachbarland, das schon jeher Filme von Michael Haneke zu Weltruhm befördert und zugleich schwarze Komödien vom Allerfeinsten zutage bringt. Hier erwartet uns 2015 wohl abermals ein neues Highlight: Man darf gespannt sein, wenn die neueste Wolf-Haas-Verfilmung Das ewige Leben mit Josef Hader nun den Schauplatz Graz erobern und die Fortsetzung der „Brenner“-Reihe darstellen wird.

 

Überhaupt sind die deutschsprachigen Nachbarländer stark vertreten, fünf schweizerische und zwei österreichische Produktionen tummeln sich im Wettbewerb des Max-Ophüls-Preises im Januar in Saarbrücken — lediglich neun Filme stammen aus Deutschland. Was natürlich nichts über deren Qualität aussagt, jedoch ein Fingerzeig sein könnte, dass auch der filmische Nachwuchs sich stärker (Genre-?)Stoffen fernab ihrer eigenen Realitätswelt widmen sollte.

Eine Entwicklung ist dennoch nicht mehr aufzuhalten, und das ist die vielleicht positivste Erkenntnis des turbulenten Filmjahres 2014: Im deutschen Kino gibt es immer mehr Regisseure, die eine Haltung haben. Eine Haltung zum Filmemachen selbst, zur Fördersituation und zu den von ihnen vermittelten filmischen Inhalten. Und das gilt von der Berliner Schule über den German Mumblecore bis hin zum Neuen Deutschen Genrefilm. Jetzt gilt es, sich nicht von kritischen Stimmen und Misserfolgen unterkriegen zu lassen. Wer sich aus dem Fenster lehnt, kann herausfallen. Aber frischen Wind bringt das auf alle Fälle in die deutsche Filmlandschaft.

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