Die neuen Königinnen der Exzentrik

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Ein Beitrag von Andreas Köhnemann

Dank ihrer Zusammenarbeit mit dem Independent-Filmemacher Noah Baumbach gilt die 1983 in Kalifornien geborene Greta Gerwig als Annie Hall "für die Generation der Millennials." Doch wie hat sich der Typus der Exzentrikerin seit Diane Keatons Annie-Hall-Verkörperung im Jahr 1977 verändert und fortentwickelt? Und welche Nachfolgerinnen lassen sich neben Gerwig auf der Leinwand oder den kleineren Bildschirmen noch entdecken?

Wiener-Dog
Bild aus "Wiener Dog"

Als Titelheldin in Woody Allens siebtem Langfilm, welcher in Deutschland als Der Stadtneurotiker in die Lichtspielhäuser kam, tritt Keaton fraglos als eigensinnige und starke, aktive Person in Erscheinung. Gleichwohl landete Annie Hall auf einer Liste mit "16 films featuring Manic Pixie Dream Girls", die 2008 von der Website The A.V. Club veröffentlicht wurde.

Ein Jahr zuvor hatte der Popkulturjournalist Nathan Rabin den Begriff Manic Pixie Dream Girl (kurz MPDG) in einem Essay auf The A.V. Club geprägt: Gemeint sind damit junge Frauenfiguren wie die liebenswürdige Flugbegleiterin Claire (Kirsten Dunst) in Cameron Crowes Elizabethtown oder die nicht minder liebenswürdige pathologische Lügnerin Sam (Natalie Portman) in Zach Braffs Garden State, deren einziger Existenzgrund darin zu liegen scheint, die grüblerischen männlichen Hauptfiguren wieder mit der abhandengekommenen Lebensfreude zu versorgen.

Die MPDG-typischen "wish-fulfillment elements", die Annie in dem Listen-Artikel zugeschrieben werden, stellt ein Gegenbeitrag auf dem Blog A Crowded Book Shelf zwar zu Recht infrage, da Annie sich den Wünschen und Vorstellungen des von Allen selbst gespielten Protagonisten entschieden widersetzt – dennoch bleibt sie eine Figur, die durchweg in Relation zu dem Mann in der Geschichte betrachtet wird. Das Drehbuch, das Allen mit Marshall Brickman verfasste, ist ebenso wie die Inszenierung ganz der Sicht des jüdischen 'Stadtneurotikers' verpflichtet. Die letztlich scheiternde Beziehung mit Annie dient diesem im Endeffekt als lehrreiche Erfahrung.

Auch Greta Gerwigs Durchbruchsrolle im Jahr 2010 trägt MPDG-Züge. Nachdem sich Gerwig mit Werken wie Hannah Takes the Stairs (2007) in der US-Mumblecore-Szene einen Namen gemacht hatte, erlangte sie mit Noah Baumbachs tragikomischer Charakterstudie Greenberg eine gewisse Bekanntheit. Der Film erzählt von einem Misanthropen in seinen Vierzigern, der nach einem Nervenzusammenbruch Zeit in seiner alten Heimatstadt Los Angeles verbringt und dort die Haushälterin seines Bruders kennenlernt. Die ziellos umherdriftende Florence Marr ist ein komplexer Charakter, wird vom Skript aber nur phasenweise als solcher gewürdigt. Wenngleich sie auch ein paar eigene Szenen ohne den von Ben Stiller verkörperten Roger Greenberg hat, kommt der Ex-Studentin in erster Linie die Aufgabe zu, mit ihrem exzentrisch-verschrobenen Naturell eine positive Veränderung des zentralen Anti-Helden sowie dessen Befreiung aus der Midlife-Crisis zu erwirken. Der Quarterlife-Crisis von Florence widmet sich die von Baumbach und seiner damaligen Ehefrau Jennifer Jason Leigh entwickelte Story indes nur in Ansätzen.

Greenberg
Bild aus Greenberg von Noah Baumbach; Copyright: Tobis Film

 

In Jason Winers Komödien-Remake Arthur, in dem Gerwig im Jahr darauf zu sehen war, zeigt sich diese Tendenz noch deutlicher: Hier fungiert ihre Figur Naomi als Katalysator für das späte coming of age des titelgebenden Milliarden-Erben (Russell Brand) und schlussendlich als Belohnung für dessen vorbildliche Wandlung. Dass Naomis Exzentrik dabei in einem gefällig-charmanten Rahmen bleiben soll, lässt sich daran erkennen, dass die Rolle, die im Original aus dem Jahr 1981 als Ladendiebin (gespielt von Liza Minnelli) unterwegs ist, nun weitaus harmloser daherkommt: als Frau, die unangemeldete und somit illegale Stadtführungen anbietet.

Die nächste Kollaboration von Baumbach und Gerwig bedeutete in vieler Hinsicht einen Fortschritt. Wie schon bei einigen ihrer Mumblecore-Projekte arbeitete die Schauspielerin bei Frances Ha (2012) am Drehbuch mit. Zum melancholisch-neurotischen Witz in Woody-Allen-Manier gesellt sich in der schwarz-weiß bebilderten Produktion eine Nouvelle-Vague-artige Kühnheit; im Zentrum steht keine Liebesbeziehung, sondern eine Frauenfreundschaft. "[W]omen with rich inner lives and complicated emotions and total autonomy" fordert Nathan Rabin 2014 in einem Artikel, in dem er sich von seiner Begriffsschöpfung des Manic Pixie Dream Girl distanziert: weibliche Filmcharaktere, die ihre Exzentrik auch dann ausleben (können), wenn keine männliche Figur in der Nähe ist, um sie dafür zu bewundern. Mit Frances haben Baumbach und Gerwig eine solche Protagonistin geschaffen. Wenn die 27-Jährige zu den Klängen von David Bowies Modern Love durch New Yorks Straßen tanzt, kuriert sie damit keinen betrübten Leinwandpartner, auch wird sie in Passagen wie dieser nicht zum reinen Schauobjekt für das Publikum, da diese Momente nichts Selbstzweckhaftes an sich haben, sondern der Charakterisierung von Frances dienen.

Frances Ha
Bild aus Frances Ha von Noah Baumbach; Copyright: MFA+ / Filmagentinnen

 

Mistress America (2015) – die neuste Schöpfung des Duos Baumbach / Gerwig – fokussiert ebenfalls eine Frauenbeziehung und thematisiert zugleich das Dilemma vieler MPDGs: Die Lebenskünstlerin Brooke inspiriert mit ihrer schillernden Persönlichkeit zwar ihr Umfeld, vermag sich jedoch selbst kaum weiterzuentwickeln. Die egoman-weltfremde Figur ist womöglich die bis dato radikalste in Gerwigs Rollenbiografie, da der selbstbewusste Verzicht auf jedweden Versuch, die Sympathie der Zuschauerschaft zu gewinnen, im (US-)Kino immer noch hauptsächlich den männlichen Charakteren vorbehalten zu sein scheint.

Auch in Todd Solondz' garstigem Episodenfilm Wiener Dog verkörpert Gerwig keine klassische Sympathieträgerin. Sie übernimmt darin einen Part, den Heather Matarazzo 1995 in Solondz' Willkommen im Tollhaus interpretierte und der in Palindrome (2004, gleichfalls von Solondz) eigentlich für tot erklärt wurde. Dawn Wiener wurde in ihrer Jugend mit Mobbing und familiären Problemen konfrontiert; sie wohnt nach wie vor in der Suburbia-Hölle von New Jersey und ist inzwischen in einer Tierklinik tätig.

Es dauert eine Weile, bis man sich an Gerwig in der Dawn-Rolle gewöhnt hat; zunächst wirkt sie mit ihrer überdimensionalen Brille und in ihrem betont nachlässigen Look seltsam verkleidet. Es gelingt Gerwig allerdings, ihre in den Baumbach-Filmen entstandene Persona stimmig in den makabren Solondz-Kosmos zu integrieren. Wie schon in Willkommen im Tollhaus wird es Dawn in Wiener Dog (in dessen zweiter Episode die junge Frau im Mittelpunkt steht) nicht leicht gemacht; trotz allem erkämpft sich die Figur immer wieder kleine Triumphe und bewahrt ihre Würde. Als sie sich spontan mit ihrem ehemaligen Mitschüler Brandon (Kieran Culkin) auf einen Road Trip nach Ohio begibt, geht es nicht darum, dass sie mit ihrer spleenigen Art ihrem drogenaffinen Begleiter auf die richtige Spur bringt – sondern vielmehr um einen für sie persönlich wichtigen Ausbruchsversuch. Dass dieser nicht zur instant happiness führt, ist dabei nur ehrlich – alles andere wäre ein schrecklicher Verrat sowohl an dem Werk Gerwigs als auch dem von Solondz gewesen.

Rebecca Millers wendungsreiche Beziehungskomödie Maggies Plan ist gewiss konventioneller als Wiener Dog; eine reizvolle Rolle hält die romcom-Demontage aber dennoch für Gerwig bereit. Als junge Single-Frau fasst Maggie den Entschluss, mittels einer Samenspende ein Kind zu bekommen. Gerade zu diesem Zeitpunkt lernt die intellektuelle 'Stadtneurotikerin' jedoch den Anthropologiedozenten John (Ethan Hawke) kennen, der mit der Professorin Georgette (Julianne Moore) eine freudlose Ehe mit zwei Kindern führt und an einem Roman arbeitet. Wie in Mistress America wird die Protagonistin zur Ratgeberin und Muse, allerdings fängt Maggies Geschichte damit erst an. Bald wir sie selbst zur Spielemacherin, die eine comedy of remarriage zu arrangieren versucht – und dabei nicht (nur) das Glück der anderen, sondern vor allem das eigene und das ihrer inzwischen geborenen Tochter im Sinn hat. Ihrem ungelenk-schrägen Wesen kommt letztlich nicht die Funktion zu, einen Mann zu verzaubern; stattdessen wird gezeigt, dass die Beziehung zwischen einem beflügelten Grübler und seinem vermeintlichen MPDG nicht zwangsläufig in ein Happy End münden muss – und dass deren geschickte Auflösung mindestens so viel Exzentrik erfordert wie deren Entstehung.

Maggies Plan
Bild aus Maggies Plan von Rebecca Miller; Copyright: MFA+ / Filmagentinnen

 

Als eine weitere Königin der Exzentrik im aktuellen (Indie-)Kino hat sich eine Schauspielerin erwiesen, die nach ihrem erfolgreichen Debüt viele Jahre eher unter dem Radar blieb: Die 1977 geborene Neuseeländerin Melanie Lynskey trat 1994 neben Kate Winslet in Peter Jacksons Heavenly Creatures auf und war seither in etlichen Filmen und Serien, zumeist in Nebenrollen, zu sehen.

In Joe Swanbergs Happy Christmas (2014) kollidiert die Exzentrik ihrer Thirtysomething-Figur mit der Exzentrik einer flatterhaften Twentysomething-Figur, die in ihrer Ambitionslosigkeit an Florence aus Greenberg erinnert: Als die 27-jährige Jenny (Anna Kendrick) nach der Trennung von ihrem Freund in den Keller des Hauses ihres älteren Bruders Jeff (Swanberg) und dessen Gattin Kelly (Lynskey) zieht, kommen rasch diverse Konflikte zutage. Auch hier steht das Verhältnis zwischen den Frauen im Zentrum; in vollständig improvisierten Szenen werden die verschiedenartigen Lebensentwürfe der beiden vermittelt. Als Brücke zwischen Jenny und Kelly dient schließlich interessanterweise ein gemeinsames kreatives Projekt: Kelly, die ihre schriftstellerische Karriere für Heim und Kind zurückgestellt hat, wird von Jenny dazu ermuntert, wieder zu schreiben und sich dabei von ihr beraten zu lassen. Statt ausschließlich als Musen und/oder Unterstützung für ihre männlichen Gegenparts zu fungieren, brainstormen diese zwei Exzentrikerinnen über ihr literarisches Vorhaben und diskutieren über Feminismus und gender roles.

In Clea DuValls The Intervention (2016) wirkt Lynskeys Figur Annie zunächst wie eine Klischeegestalt. Deren Alkoholkonsum wird anfänglich wie ein charakterliches Accessoire eingesetzt, das offenbar Annies Verschrobenheit demonstrieren soll. Erst im Laufe der Handlung entbergen sich die ernsteren Hintergründe der Rolle, wodurch der übermäßige Genuss alkoholischer Getränke zu mehr als einer Gag-Vorlage wird. Hier zeigt sich, dass der Typus der Exzentrikerin nicht nur im komödiantischen Kontext funktionieren kann.

The Intervention
Bild aus The Intervention von Clea DuVall; Copyright: Paramount Pictures

 

Dies gilt auch für Gaby Hoffmanns weitgehend improvisierte Performance in Sebastián Silvas Crystal Fairy (2013). Die titelgebende, junge Hippie-Frau, die sich einer Männergruppe auf der Suche nach einem San-Pedro-Kaktus in Chile anschließt, ist dem Protagonisten Jamie (Michael Cera) mit ihrer freigeistigen und -zügigen Art weniger eine Inspirationsquelle als vielmehr ein Dorn im Auge – und wird in einer dramatischen Schlusswendung zu einem erstaunlich schlüssigen Charakter.

 

Sogar in Horrorfilmen der jüngeren Zeit finden sich gelungene Beispiele des Exzentrikerinnen-Typus, etwa verkörpert von Natasha Lyonne. In Splatter-Werken wie Joshua Grannells All About Evil (2010) oder Danny Perez' Antibirth (2016) interpretiert Lyonne Frauenfiguren, die nicht dem bekannten Bild des Opfers oder der grundguten Horror-Heroine entsprechen. Deren Eigentümlichkeit ist integraler Bestandteil des Geschehens, keine entbehrliche Ausschmückung.

Hoffmann und Lyonne verbindet, dass sie auch im Serienbereich exzentrischen Charakteren Leben einzuhauchen vermochten: In den VoD-Produktionen Transparent (seit 2014) beziehungsweise Orange Is the New Black (seit 2013) changieren ihre Rollen zwischen Komik, Tragik und Unergründlichkeit, losgelöst von der dramaturgischen Aufgabe sowie der Heteronormativität der MPDGs. Zudem hatten beide bereits Gastauftritte in der von Lena Dunham entwickelten HBO-Serie Girls (seit 2012).

Girls
Bild aus Girls; Copyright: Warner Home Video

 

Das zentrale Liebespaar aus Girls – Hannah Horvath (Dunham) und Adam Sackler (Adam Driver) – hätte leicht zu einem weiteren Paar mit MPDG-Narrativ werden können; Hannah ist schrullig, Adam fühlt sich von allen missverstanden. Allerdings ist Dunham in ihrer Konzeption der zwei Figuren weitaus cleverer. Beide haben anstrengende und unangenehme Seiten, haben private sowie berufliche Träume und Ziele, die nicht nur etwas mit dem jeweiligen Gegenüber zu tun haben, und stecken so voller Widersprüche, dass wir sie gerade deshalb irgendwie 'begreifen'. In diese Richtung sollten sich die Exzentrikerinnen (und, falls vorhanden, deren Partner_innen) in den Bewegtbildmedien auch weiterhin entwickeln: Wir wollen Menschen mit Geschichten sehen, keine Fantasiegestalten ohne Autonomie.

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