Features: Albträume, Kuschelkiller und Riot Grrrls – Die Regisseurin Kristine Peterson

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Ein Beitrag von Andreas Köhnemann

Frauen sind im Regiefach im Allgemeinen unterrepräsentiert. In einigen Genres, etwa Action, Krimi, Thriller und Horror, ist diese Ungleichheit besonders eklatant. Die Regisseurin Kristine Peterson zählt mit ihrem Œuvre zwischen 1988 und 1997 zu den Ausnahmen.

Mitchell Anderson in „Träume des Wahnsinns“ von Kristine Peterson
Mitchell Anderson in „Träume des Wahnsinns“ von Kristine Peterson

Wenn man Freude daran hat, bei Videothekenauflösungen, auf Flohmärkten oder im Internet obskure Filme aufzustöbern, die der Vergessenheit anheimgefallen sind, wird man zwangsläufig mit reichlich audiovisuellem Unflat konfrontiert. Zuweilen macht man jedoch auch eine echte Entdeckung. Und vermutlich ist besagte Methode der einzige Weg, um heutzutage noch auf das Regiedebüt von Kristine Peterson aus dem Jahre 1988 zu stoßen. Mir jedenfalls erging es so.

Träume des Wahnsinns – das sind knackige 79 Minuten, in denen Horror auf Psychodrama und Dark Fantasy auf Intrigen-Thriller folgt. Man kann sich gut vorstellen, was Peterson an dem Drehbuch von Thom Babbes, der ebenfalls ein Debütant war, gereizt haben mag. Und es ist herrlich zu sehen, wie sie die hochtourig erzählte Geschichte mit so vielen inszenatorischen Ideen ausstattet, dass sich Herzblut und Filmblut die Waage halten – wie es bei gelungenem Gruselkino stets der Fall sein sollte.

Das Werk beginnt an Weihnachten. Eine geschmückte Tanne im Vorgarten, die Klänge einer Spieluhr im Hintergrund, ein kleiner Junge, der die Bescherung nicht mehr abwarten kann, aber von seinen Eltern vertröstet wird: Sie wollen noch auf seinen älteren Bruder warten. Dann hat das betuchte Idyll allerdings auch schon ein Ende: Während der Vater am Telefon mit einer Frau streitet, deren Ehemann er wohl gerade geschäftlich ruiniert hat, öffnet der Junge die Haustür und lässt ungewollt ebenjenen Gatten hinein, der kurz darauf zum Mörder der Eltern wird. In Jagdkleidung, mit einem Gewehr und einer Wolfsmaske verfolgt der Mann schließlich den 10-Jährigen durch den dunklen Wald – ehe dieser angsterfüllt als Erwachsener im Collegealter in seinem Bett erwacht und hochschreckt.

 

Die Räume sprechen lassen

Schon in dieser Einstiegspassage steckt etliches drin, wodurch sich Peterson als Könnerin von Spannungsszenarien erweist. Die Motive vom Jagen und Gejagtwerden, vom bösen Wolf und vom bedrohten Reh werden früh etabliert; Heimeligkeit wird von Horror zerstört. Doch dann geht es erst richtig los. Dieses Blau der Wände und der Türen im Zimmer des Protagonisten. Diese seltsamen Masken und Lampen überall. Dieser Einsatz von Zeitlupe, von match cuts und von Detailaufnahmen. Und diese Lichtsetzung, die jedem Raum etwas Irreales verleiht. Es gibt Filme, in denen wirkt jedes Zimmer wie aus einem öden Einrichtungskatalog eilig zusammengestellt. Und es gibt Filme wie die von Peterson, in denen die Umgebung noch mal ganz eigene Geschichten, die nicht im Skript stehen, zu erzählen vermag, in denen die Farben und Formen der Kulissen mindestens so viel Aufmerksamkeit verdienen wie der exzentrische Plot.

Mitchell Anderson in „Träume des Wahnsinns“; RCA/Columbia Pictures International Video
Mitchell Anderson in „Träume des Wahnsinns“; RCA/Columbia Pictures International Video

 

Träume des Wahnsinns hat, wie auch die späteren Arbeiten von Peterson, etwas sehr Zeitgeistiges. Ein Tanzstudio im Industrielook, ein durchgestyltes Yuppie-Büro – alles schreit nach den 1980er Jahren und ist zugleich hochartifiziell. Die garstigen Albtraummomente, wenn etwa Messerklingen aus dem Bett schießen, mögen von Wes Cravens Nightmare – Mörderische Träume (1984) inspiriert sein; aber Peterson gibt auch der Wirklichkeit etwas Entgrenztes: Wenn der Held zum ersten Mal mit seiner neuen Freundin Maggie (Juliette Cummins) schläft, schwebt das Bett durch den Raum und dreht sich. Das klingt komisch? Es funktioniert aber verdammt gut!

 

Male Scream-Queen

Und überhaupt, der Held: Mitchell Anderson spielt den erwachsenen Alex Torme so zart und zerbrechlich, wie man es sonst vielleicht nur von Mark Patton kennt. Dieser bezeichnete sich aufgrund seiner Hauptrolle in Nightmare 2 – Die Rache (1985) einmal scherzhaft als „first male scream-Queen“. Was Nightmare 2 und Träume des Wahnsinns ferner verbindet, ist ein homoerotischer Subtext, der in letzterem vor allem in der ambivalenten Freundschaft zwischen Alex und Danny (verkörpert von Drehbuchautor Thom Babbes) zum Tragen kommt. Durch seinen Bruder Jack (Xander Berkeley), der nun das Geschäft des Vaters leitet, muss sich Alex mit toxischer Maskulinität auseinandersetzen: „Ein Torme kennt keinen Schmerz“, exklamiert Jack an einer Stelle – und Peterson zeigt den jüngeren Bruder dabei im perfiden Würgegriff des älteren. Danny ist derweil von der Jagd besessen; einmal lässt Peterson das Kameraauge zum Visier von Dannys Waffe werden – und Alex gerät als Ziel ins Bild.

Mitchell Anderson und Thom Babbes in „Träume des Wahnsinns“; RCA/Columbia Pictures International Video
Mitchell Anderson und Thom Babbes in „Träume des Wahnsinns“; RCA/Columbia Pictures International Video

 

Zu den wenigen Zitaten, die sich von Peterson finden lassen, gehört eine kluge, aus dem Jahre 1992 stammende Beobachtung der Filmemacherin über Männer und Frauen im Genrekino:

„In order for a woman to be a savior, she has to be raped, she can also save a child. But she can’t save a man because men can’t be portrayed as vulnerable. We are in a cultural era in which film fantasies are supposed to make men feel better about themselves. Supposedly, their fantasy is to be a savior.“ (Kristine Peterson, zitiert in „Women Film Directors: An International Bio-critical Dictionary“ von Gwendolyn Audrey Foster)

 

In Träume des Wahnsinns wird diese Regel sowohl dramaturgisch als auch inszenatorisch immer wieder gebrochen. Der junge Alex ist eine Figur, die am eigenen Verstand zu zweifeln beginnt. Peterson lässt ihren Hauptdarsteller diese Ängste und Qualen sehr stark in zahlreichen emotionalen Momenten ausspielen. Und dann werden wir sogar zu Kompliz_innen der Gegenseite, da wir plötzlich mehr wissen als der Protagonist. Alex ist kein savior, er kann weder sich noch andere aus beziehungsweise vor seinem feindlichen Umfeld retten. Die zentrale Frauenfigur Maggie ist wiederum eine interessante Femme fatale, die nicht gerettet werden muss und auch nicht – wie üblich – für ihr unmoralisches Verhalten bestraft wird. Womöglich sind all diese Verstöße gegen die Filmgrammatik der Grund, weshalb Träume des Wahnsinns heute nicht neben Halloween (1978), Freitag, der 13. (1980) und Nightmare zum Kanon des Horrorkinos zählt, sondern quasi verloren ging.

Juliette Cummins in „Träume des Wahnsinns“; RCA/Columbia Pictures International Video
Juliette Cummins in „Träume des Wahnsinns“; RCA/Columbia Pictures International Video

 

Vor ihrem Regiedebüt im Jahre 1988 war Peterson für die von Francis Ford Coppola und George Lucas gegründete Filmproduktionsgesellschaft American Zoetrope an der Entstehung von Apocalypse Now (1979) beteiligt. Überdies war sie bis ins Jahr 1990 hinein bei 16 Werken als second assistant director oder first assistant director im Einsatz – etwa bei Der Exterminator – 2. Teil (1984), Grunt – Der Wrestling Film (1985), Traumfrau vom Dienst (1987), Bill & Teds verrückte Reise durch die Zeit (1989), Nightmare on Elm Street 5 – Das Trauma (1989) und Im Land der Raketen-Würmer (1990). Als zweites Regieprojekt suchte sich Peterson 1990 den von Jackson Barr verfassten Erotikthriller Eine verhängnisvolle Verbindung aus. Dank Adrian Lynes Eine verhängnisvolle Affäre (1987) verfügte jenes Subgenre seinerzeit über eine enorme Popularität; von Frauen inszenierte Beiträge dürften hier jedoch noch seltener sein als im Horrorbereich.

 

Meta-Erotik

Den erzählerischen und visuellen Reiz von Träume des Wahnsinns erreicht Eine verhängnisvolle Verbindung fraglos nicht. Der Plot und vor allem die Zeichnung der weiblichen Hauptrolle lehnen sich zu offensichtlich an Lynes Kassenhit an; Petersons Umsetzung leidet am schwachen Spiel des Ensembles und an einem lieblos anmutenden, zu dominanten Score. Was den Stoff um einen verheirateten Forscher und eine verführerische Kollegin, die bald eine gefährliche Obsession für den Protagonisten entwickelt, dennoch interessant macht und womöglich auch die Aufmerksamkeit von Peterson erregen konnte, ist die Metaebene der Geschichte. Denn Tom Redding (Marc Singer) und Claire Archer (Lisa Pescia) forschen auf dem Gebiet der Sexualität. Das Werk beginnt mit Bildern und Geräuschen aus pornografischen Filmen – und diese kombiniert Peterson mit Detailaufnahmen, in denen etwa die Augen und Hände von Probanden gezeigt werden. Etliche Szenen des Thrillers spielen im Labor; auch die erste Verführung des Wissenschaftlers durch seine Kollegin findet dort statt, abermals mit pornografischem Material im Hintergrund.

Marc Singer und Lisa Pescia in „Eine verhängnisvolle Verbindung“; RCA/Columbia Pictures International Video
Marc Singer und Lisa Pescia in „Eine verhängnisvolle Verbindung“; RCA/Columbia Pictures International Video

 

In den erotischen Passagen ist es zumeist Claire, die die Oberhand gewinnt; Sex hat hier stets etwas von einem Machtspiel und von Verausgabung – und wird in den Dialogen kühl analysiert. Während der von Glenn Close verkörperten Frau in Eine verhängnisvolle Affäre im Finale etwas äußerst Dämonisches verliehen wurde, das von dem Helden und der betrogenen Gattin bekämpft werden musste, liegt Eine verhängnisvolle Verbindung nichts an einem moralischen Abschluss der Ereignisse. Petersons Beitrag zum Subgenre zog drei Sequels nach sich, selbstverständlich alle von Männern in Szene gesetzt. Der Erfolg des Films dürfte dazu beigetragen haben, dass Peterson nach der soliden Videoproduktion Lower Level – Todesangst im Hochhaus (1991), in welcher das Thema Obsession mit vertauschten Geschlechtern in Form eines Actionfilms behandelt wird, der dritte Teil einer beliebten Horror-Comedy-Reihe angeboten wurde.

Szene aus „Critters 3 – Die Kuschelkiller kommen“; Warner Home Video
Szene aus „Critters 3 – Die Kuschelkiller kommen“; Warner Home Video

 

Critters 3 – Die Kuschelkiller kommen (1991) genießt bis heute eine gewisse Berühmtheit für die Tatsache, dass es das Leinwanddebüt von Leonardo DiCaprio war. Der Mix aus Science Fiction, Splatter und schwarzem Humor führt die Erzählung von Critters – Sie sind da! (1986) und dessen Sequel (1988) weiter – und im Mittelpunkt stehen natürlich die titelgebenden Mini-Monster aus dem All, die sich rollend und hüpfend fortbewegen, Betäubungsstacheln abschießen können und sehr, sehr gefräßig sind. In der Inszenierung dieser Wesen nutzt Peterson anfangs eine subjektive Kamera, wenn die kleinen Biester etwa durch das Gras huschen, sich unter einem Auto verstecken oder im Keller eines Mietshauses lauern. Eine Sequenz in einer verwüsteten Küche setzt Peterson als teuflische Version der Muppet Show in Szene. Zudem demonstriert sie ein Gespür für visuellen Humor, wenn sie die einfallsreiche Bekämpfung der Critters durch die adoleszente Heldin Annie (Aimee Brooks) mit der kommentierten Fernsehübertragung der Bowling-Meisterschaft der Frauen parallelmontiert.

 

Ein Mietshaus wehrt sich

Am bemerkenswertesten sind aber, wie schon in Träume des Wahnsinns, das Ambiente und die Geschlechterrollen. Critters 3 spielt größtenteils in einem heruntergekommenen Apartmentkomplex in Los Angeles. Der Hausverwalter Frank (Geoffrey Blake) soll die Bewohner_innen des Hauses im Auftrag des Eigentümers nach und nach herausekeln, damit das Gebäude einem Einkaufszentrum weichen kann. Das Personal des Films gehört somit zu den Verlierer_innen der Gentrifizierung – und Peterson fängt das Mietshaus als Mikrokosmos gekonnt ein. Wenn sich diese Menschen mit Courage, Grips, Fäusten, Füßen und einem Hackebeil gegen die außerirdischen Ungeheuer wehren, ist das auch ein Akt der Ermächtigung – und die Frauenfiguren erweisen sich dabei als deutlich wehrhafter als die Männerfiguren.

Leonardo DiCaprio und Aimee Brooks in „Critters 3 – Die Kuschelkiller kommen“; Warner Home Video
Leonardo DiCaprio und Aimee Brooks in „Critters 3 – Die Kuschelkiller kommen“; Warner Home Video

 

Auf Episoden zu zwei TV-Serien sowie den Action-Krimi The Hard Truth – Gnadenlose Enthüllung (1994) und den Martial-Arts-Film The Redemption: Kickboxer 5 (1995) folgte 1997 Petersons bis dato letzte Regiearbeit, bei welcher sie erstmals auch als Produzentin fungierte. Harte Girls und zarte Bande atmet, wie so oft bei Peterson, den Zeitgeist; hier liefert sie, basierend auf einem Drehbuch von Bill Cody, ein Porträt der damaligen Generation X in Seattle. Sie lässt ihre Cast-Mitglieder zuweilen direkt in die Kamera sprechen, während die Figuren über alte Filme, die Liebe und das Leben sinnieren. Es geht um Identitäten und deren Ablehnung (Jimmy: „I’m not a slacker!“ – Shelly „I’m not a riot grrrl!“), um eine aus vier Frauen bestehende Grunge-Band und um ein sexuell ambivalentes Liebesdreieck zwischen Shelly (Molly Gross), Suzy (Marisa Ryan) und Jimmy (Jason Bortz) – sowie um den Umgang mit beziehungsweise die Konsequenzen von sexueller Gewalt.

Jason Bortz und Molly Gross in „Harte Girls und zarte Bande“; Arsenal
Jason Bortz und Molly Gross in „Harte Girls und zarte Bande“; Arsenal

 

Das Werk war auf dem Sundance Film Festival für den Grand Jury Prize nominiert und erhielt, unter anderem in der New York Times, gute Kritiken. Warum sich Petersons Regiekarriere daraufhin nicht fortsetzte – darüber lässt sich nur spekulieren. Mehr Arbeiten von ihr, die lustvoll Genreregeln brechen, mit Genderklischees spielen und den visuellen Hintergrund zum Ereignis machen, wären indes gewiss eine Bereicherung für die Filmwelt.

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Lisa, Johnny und Mark aus The Room
Lisa, Johnny und Mark aus The Room
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