Odessa 2018 – Fremd unter Filmfreunden

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Ein Beitrag von Falk Straub

Am Freitag begann in Odessa das 9. Internationale Filmfestival – Falk Straub berichtet für uns aus einer Stadt zwischen Tradition und Moderne und kämpft gegen Sprachbarrieren und die Festivalblase an.

In Odessa
In Odessa

Filmfestivals bieten Chancen für kulturellen Austausch, bergen aber auch die Gefahr, den Blick zu verengen, weil man die immer gleichen Filme sieht und mit den immer gleichen Kolleg*innen darüber diskutiert. Was aber tun, wenn sich die Gelegenheit zur Diskussion erst gar nicht bietet?

Der Festivalbetrieb ist eine Blase. Filmkritiker*innen bewegen sich in den immer gleichen Zirkeln durch die Stadt: vom Hotel zu Spielstätte A, von Spielstätte A zu Spielstätte B und so fort, bis sie schließlich wieder im Hotel landen. Die Zeit ist knapp, Effizienz gefordert. Die kürzesten Wege und der optimale Kinosessel, ob gut zur Leinwand oder nah zum Ausgang positioniert, sind schnell gefunden. Festivalstammgäste haben meist auch ihre Stammplätze.

Ich gehe dieses Mal einen anderen Weg. Jeden Tag wähle ich eine neue Strecke, jede Vorstellung einen neuen Sitz, um mir diese fremde Stadt Schritt für Schritt zu erschließen, aber auch, um mit möglichst vielen Sitznachbarn ins Gespräch zu kommen. Denn hier, fernab von den Filmfestivals, die ich sonst besuche, sind mir auch die Menschen fremd. Keine bekannten Kolleg*innen, kein vertrauter Klang im Ohr. Kein Englisch, Französisch oder Italienisch, kein Spanisch, Portugiesisch oder gar Deutsch. Im Zentrum höre ich einmal Hebräisch. Die Gruppe junger Männer sieht wie Touristen aus. Ob sie zum Urlaub oder wegen der Sektion über 70 Jahre israelisches Kino hier sind? Bevor ich fragen kann, sind sie weg.

Im Green Theatre; Foto: Falk Straub
Im Green Theatre; Foto: Falk Straub

Mein Unterfangen ist schwerer als gedacht. Bei Filmfestivals musste ich bislang nicht viel tun. Es war nur eine Frage der Zeit, bis mich der eine oder die andere von der Seite anquatschte. Nun bin ich selbst der nervige Solist, der um eine Konversation bettelt. Doch es kommt kaum eine auf. Zwar ist jedermann freundlich, aber auch kurz angebunden. Wer nicht in Gruppen unterwegs ist, zieht sein Handy dem Austausch mit anderen vor. Über das Gesehene kann ich nur mit mir selbst diskutieren.

Im Green Theatre; Foto: Falk Straub
Im Green Theatre; Foto: Falk Straub

Die Sprachbarriere bewirkt aber noch etwas ganz anderes. Weil ich die Unterhaltungen um mich herum nicht verstehe, höre ich nicht hin. Ukrainisch verschwimmt zu einem Hintergrundrauschen. Ich bewege mich wie in einer Tucherglocke. Die Filme spiegeln mein Empfinden. Wie die Protagonist*innen in Lukas Dhonts Girl (2018) und Pawel Pawlikowskis Cold War (2018) fühle ich mich fremd, wie Sam (Anders Danielsen Lie) in Dominique Rochers spektakulär abgeklärtem Regiedebüt The Night Eats the World (OT: La nuit a dévoré le monde) scheine ich ganz allein. Terry Gilliams The Man Who Killed Don Quixote (2018) nach 25 Jahren „in the making and unmaking“, wie es auf der Leinwand heißt, endlich zu sehen, mutet wie ein Traum an, der sich erst fantastisch und lustvoll, schließlich zäh anfühlt, je länger er andauert.

Träume ich oder wache ich? Während meiner Gänge durch die Stadt saugen meine Augen all die neuen Eindrücke auf und halten sich doch an Vertrautem fest. Hier in Odessa ist das vor allem Amerikanisches: die üblichen Produktanzeigen, Plakate für Filme und Serien. Vor den Vorführungen verbreitet ein Werbespot im Mission: Impossible-Stil eines schwäbischen Herstellers von Reinigungssystemen unerwartete Heimatgefühle. So fremd ich auch sein mag, wenn ich gemeinsam mit all den anderen Filmfreunden auf den Stufen der Potemkin Treppe sitze, um mir dort, wo der Kinderwagen bei Eisenstein hinabrollte, Harold Lloyds waghalsigen Aufstieg in Safety Last! (1923) anzusehen, dann sind wir alle im Kino zu Hause.

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