Empfehlungen: Die Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen

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Darling der Woche

Ein Beitrag von Joachim Kurz

Vor dem Lichtburg Filmpalast anläßlich der Kurzfilmtage Oberhausen
Vor dem Lichtburg Filmpalast (64. Kurzfilmtage Oberhausen)

„Hier habe ich meine erste Zigarette geraucht. Hier habe ich bei den Westdeutschen Kurzfilmtagen jahrelang jeden Film gesehen, mich alljährlich gefreut auf die Tage in Oberhausen. Diese Ereignisse waren für mich, für meinen Entschluss Filme zu machen, wichtig.“ (Wim Wenders)

Am Samstag begannen die 68. Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen, die sowohl vor Ort wie auch im Netz stattfinden. Wobei das so nicht ganz stimmt, denn eigentlich sind es gleich zwei Festivals, die stattfinden: Das Online-Festival begann bereits am 30. April, während das Kinofestival am 4. Mai folgt. Was auf den ersten Blick verwirrend aussieht, ist andererseits die konsequente Folge einer Haltung, die versucht, Kino und Festival neu und anders zu denken: „Während Oberhausen das erste Festival in Deutschland war, das 2020 seine Programme vollständig online präsentierte, ist es nun auch das erste Festival, das in diesem Jahr eine Abfolge von unabhängigen analogen und digitalen Angeboten zum Prinzip erhob. Das wirft den Glaubenssatz über den Haufen, wonach ein Festival auf Ort und Zeit beschränkt sein müsse“, so Lars Henrik Gass, seit 1997 Leiter der Kurzfilmtage Oberhausen und deren unermüdlicher Motor.

Seit 68 Jahren schon gibt es sie, die Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen, 1954 unter der Leitung des damaligen Direktors der Volkshochschule, Hilmar Hoffmann (späterer Kulturdezernent von Frankfurt am Main und wesentlicher Impulsgeber für die Gründung der Kommunalen Kinos unter dem Schlagwort „Filmkunst für alle“), als Westdeutsche Kulturfilmtage gegründet. Mit wechselvoller Geschichte starten sie nun in eine neue Ausgabe, die sowohl vor Ort wie auch im Netz stattfindet. Damit geht das Festival unter der Leitung des ebenso streitbaren wie agilen Lars Henrik Gass, dessen Buch Film und Kunst nach dem Kino eigentlich zur Pflichtlektüre erklärt werde müsste, konsequent seinen Weg weiter, der vor vielen Jahren begann.

 

Filme von hinter dem Eisernen Vorhang

Bekannt wurde Oberhausen, das sich 1959 in Westdeutsche Kurzfilmtage umbenannte, vor allem als Brückenbauer zwischen Ost und West und als Festival mit geschärftem politischem Bewusstsein, was schlicht daran lag, dass Oberhausen Filme zeigte, die von hinter dem Eisernen Vorhang kamen und die sonst kaum irgendwo zu sehen waren. 1962 bei der achten Ausgabe des Festivals schließlich kam es zu einem Akt, der auch heute noch als Urknall der deutschen Nachkriegsgeschichte und des Neuen Deutschen Films gilt, das „Oberhausener Manifest“, verfasst von 26 Regisseuren (ja, es war keine einzige Filmemacherin dabei), das „Papas Kino ist tot!“ diagnostizierte und dem neuen Film den Weg bereiten wollte. 

Widerständig ging es auch weiter mit dem Skandal um Hellmuth Codstards Film Besonders wertvoll im Jahre 1968, bei dem ein sprechender Penis beißende Kritik am gerade erst verabschiedeten Filmförderungsgesetz übte, was schließlich die Staatsanwaltschaft auf den Plan rief und zur Entfernung des Films aus dem Programm führte. Woraufhin dann weitere Filmemacher ihre Werke zurückzogen. 

Mit dem Wegfall des Ost-West-Konflikts und dem gleichzeitigen Aufkommen weiterer Festivals im Bereich Kurzfilm verlegten sich die Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen — so der Name ab 1991 — zunehmend auf die Integration neuer Medien wie Video, neuer Formen wie Musikclips (seit 1999 gibt es in dieser Kategorie den weltweit ersten Filmpreis „MuVi“ für herausragende Regieleistungen), Videokunst und anderer Werke aus den Randbereichen filmischen Schaffens. 

 

Ein Festival als permanenter Innovationstreiber

Unter Lars Henrik Gass sind die Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen seit Ende der 1990er unfassbar emsig und stets auf der Höhe der Zeit darum bemüht, Beschränkungen und Hürden in Sachen Zugänglichkeit abzubauen und auf allen Kanälen für das Anliegen des Fortbestands der Kurzfilmkultur zu weben. Und das Festival scheut dabei auch nicht davor zurück, selbst neue Wege und Strukturen mit aufzubauen und zu initiieren, bei Bedarf aber sich auch selbst zu korrigieren und eingeschlagene Pfade, die sich als Sackgasse(n) erwiesen haben, wieder zu verlassen. Ein Festival als permanenter Innovationstreiber, Störenfried, Impulsgeber und als Experimentierfeld für neuere und neueste Entwicklungen und, man verzeihe das hässliche Wort, „Trends“ — das ist die Rolle, die sich Lars Henrik Gass und die Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen selbst auf den Leib geschrieben hat.

Natürlich funktioniert ein Kurzfilmfestival völlig anders als ein Festival, das sich überwiegend der Langform und insbesondere dem fiktionalen und, wie heißt es so schön, „abendfüllenden“ Spielfilm verschrieben hat. In den Kinos spielen Kurzfilme kaum mehr eine Rolle, und abseits von Festivals und allenfalls schlechten Sendeplätzen bei öffentlich-rechtlichen Sendern spielen sie in der Kinoökonomie keine nennenswerte Rolle mehr. Dabei ist gerade die kurze Form ein wichtiges Sprungbrett für Talente und bringt auch bei erfahreneren Filmemacher:innen Bemerkenswertes in Form und Inhalt hervor — nur eben fast ausschließlich unter Ausschluss der Öffentlichkeit, sodass Festivals zunehmend die einzige Form von Auswertung und Aufmerksamkeit sind, die die kurze Form des Films überhaupt noch bekommt.

 

Erstes digitales Festival in der Pandemie

Dazu passt auch sehr gut, dass Oberhausen als weltweit erstes Festival während des ersten Lockdown eine komplette Digitalausgabe und noch eine weitere im Jahr 2021 auf den Weg bzw. ins Netz brachte und mit einem sehr inspirierenden Blog (2020) und einem eigenen Channel (2021) Diskussionen und Gespräche auch jenseits des eigentlichen Festivalzeitraums führten. 

2021 führten die Kurzfilmtage zwei neue Wettbewerbe ein, den Internationalen und den Deutschen Online-Wettbewerb, die für die langfristige Ausrichtung der Kurzfilmtage als hybrides Festival stehen. Außerdem ist Oberhausen für seine umfangreichen thematischen Programme bekannt, wie etwa „Die Sprache der Verlockung. Trailer zwischen Werbung und Avantgarde“ (2019) oder „Solidarität als Störung“ (2021). Weitere Sektionen sind einzelnen Künstler:innen gewidmet sowie Werkschauen zu Experimentalfilmen einzelner Verleiher und Archive. Der Themenschwerpunkt diesen Jahres liegt auf dem Fokus „Synchronisieren! Pan-Afrikanische Filmnetzwerke“.

Wer sich auf die Kurzfilmtage einstimmen will, dem sei der exzellent kuratierte Channel des Festivals empfohlen: www.kurzfilmtage.de/de/channel. Das digitale Programm gibt es derweil unter folgender Adresse: www.kurzfilmtage.filmchief.com/hub.

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