Diagonale 2017: Diagonale Tagebuch 2017: Salzburg, Linz, Lanzenkirchen - Ortstermine

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Diagonale 2017

Ein Beitrag von Joachim Kurz

Die Beste aller Welten

Die filmische Reise, die die Diagonale unternimmt, macht naturgemäß häufig in Wien Station. Doch es sind gerade die Filme jenseits der Metropole, die in diesem Jahr auffallen und sich aus dem übrigen Angebot abheben. Da ist beispielsweise Adrian Goigingers Die beste aller Welten, der bereits bei der Berlinale in der Reihe Perspektive Deutsches Kino für einigen Wirbel sorgte. Wer sich nun ob der doppelten Reklamation als deutscher und als österreichischer Film (dergleichen erlebte man ja in den vergangenen Jahren häufiger) wundert: Der Film ist eine österreichisch-deutsche Koproduktion; der Filmemacher, auf dessen eigenen Kindheitserlebnissen der Stoff beruht, studiert an der Filmakademie Baden-Württemberg.

Außergewöhnlich ist bei diesem Film vor allem die ungewöhnliche Perspektive, die er einnimmt. Fast immer scheint die Kamera nur wenige Zentimeter über dem Boden zu schweben. Sie begibt sich buchstäblich auf Augenhöhe zu dem Kind, dessen Geschichte sie erzählt, folgt diesem ganz nah und erlaubt es dem Zuschauer so, das Unfassbare dieser Kindheit mit den Augen eines Kindes zu sehen. Für den kleinen Adrian sind die Heroinsucht seiner Mutter und die daraus resultierenden prekären Lebensumstände zunächst ein großes Abenteuer, lediglich in seinen Phantasien erahnt er, mit welchen Dämonen seine Mutter zu kämpfen hat – und wird sich dann selbst immer klarer darüber, dass auch er einen Kampf führen muss: um seine geliebte Mutter, aber auch um sein eigenes (Über)Leben. Weiß man mehr um die biographischen Verstrickungen Adrian Goigingers, erscheinen auch die melodramatischen Wendungen am Ende des Films als folgerichtig und besser einzuordnen und lassen den Zuschauer emotional zutiefst berührt zurück. Eine ausführliche Kritik zu dem Film gibt es hier. Ein deutscher Kinostart steht noch nicht fest, wäre aber nicht allein aufgrund der emotionalen Wucht mehr als nur wünschenswert.

Eine ganz andere Form der Annäherung an die Wunden der Kindheit wählt Djordje Čenić gemeinsam mit seinem Ko-Regisseur Hermann Pesackas in dem Dokumentarfilm Unten, der gerade mit dem Drehbuchpreis der Diagonale ausgezeichnet wurde. Im beiläufigen Plauderton erzählt Čenić von seinem Heranwachsen in der Stahlstadt Linz als „Jugo“-Kind und lässt so eine sehr persönliche Sozialgeschichte der Gastarbeiter und ihrer Familien entstehen, die man bisher filmisch nur ungenügend aufgearbeitet fand. Sein Tonfall ist dabei bemerkenswert unaufgeregt und fernab jeglicher Larmoyanz – und gerade das lässt einen immer wieder schlucken, wenn man bemerkt, wie tief verwurzelt Ablehnung und Ausgrenzung waren und das alltägliche Zusammenleben prägten: Dass „Jugos“ und andere Gastarbeiter aus Kneipen geschmissen oder gar nicht erst hineingelassen wurden, war keine Ausnahme, sondern die Regel. Später dann sind durch den Bürgerkrieg in Ex-Jugoslawien andere Identitätsfindungsprozesse hinzugekommen: Glaubte Čenić lange Zeit, er sei eigentlich Kroate, kam später die Erkenntnis hinzu, dass er Serbe ist – ein Umstand, der ihn für eine kurze Weile auf einen nationalistischen Irrweg schickte, den er aber längst hinter sich gelassen hat. Unten ist ein gelungenes Beispiel, wie Sozialgeschichte und Persönliches auf unterhaltsame und ehrliche Weise mit einer gelungenen Mischung aus Ernsthaftigkeit und Humor zusammengeführt werden können.


(Bild aus Unten; Copyright: Ceni Peseckas)

Der dritte Teil der Reise durch die österreichische Provinz führt schließlich nach Lanzenkirchen in Niederösterreich. Dort ist Monja Arts Coming-of-age/Coming-out-Drama Siebzehn angesiedelt, das in diesem Jahr den Hauptpreis beim Filmfestival Max Ophüls Preis gewann. Und auch wenn man diesen Film in Saarbrücken verpasst hat, ahnt man schnell, dass diese Auszeichnung überaus berechtigt ist. Siebzehn ist mit seinen Verweisen auf die neuen Medien und sozialen Netzwerke ein sehr gegenwärtiger Film – und zugleich auch genau dies nicht: Die Probleme seiner Figuren sind zeitlos, sie handeln vom Leben in der Provinz, vom Anderssein, der Suche nach der eigenen Identität, auch der sexuellen, und versammeln Typen und Charaktere, die man so oder ähnlich überall finden kann, sei es nun in Lanzenkirchen in Niederösterreich oder in Berlin: die Träumerin, den Verschüchterten, die Intrigante, den Hengst usw. Dass dieses Personal, das man in ähnlicher Weise auch aus US-amerikanischen Filmen kennt, dennoch fast nie zum Klischee gerät, liegt vor allem an Monja Arts Herangehensweise beim Inszenieren, an ihr Vertrauen, dass sie ihren Darsteller_innen schenkt und durch das umgekehrt sie, der Film und damit auch die Zuschauer reich belohnt werden. Entstanden ist der Film in einer Mischung aus festem Drehbuch mit geschriebenen Dialogen und freier Improvisation, die vor allem immer dann zu tragen kam, wenn die Szenen mit zwei Darsteller_innen recht intim waren. Das Wunderbare ist, dass man diese Wechsel überhaupt nicht bemerkt, sondern vielmehr beinahe durchgängig das Gefühl hat, dass man hier ganz nah dran ist an der Seelenwelt der Heranwachsenden.


(Trailer zu Siebzehn)

Drei Orte, drei Erfahrungswelten von Kindern und Jugendlichen, drei Sichtweisen und filmische Visionen — und alle drei überzeugen auf ihre je eigene Weise.

Da nimmt es sich schon fast heiter aus, dass ausgerechnet Niki Lists Malaria aus dem Jahre 1982 (gezeigt im Sonderprogramm „1000 Takte Filme“ über die Schnittmengen von Popkultur und Kino) als Rückgriff auf die eigene Jugend neben aller dargebotenen Peinlichkeiten (diese Klamotten, diese Frisuren, diese Drinks und – ganz schlimm – diese Musik!) auch sichtlich und hörbar schlecht gealtert ist – und das lag nicht allein an der abgrundtief schlechten Tonqualität der gezeigten Filmkopie, die klang, als seien alle Dialoge, Songs und Geräusche in den Mülltonnen der Geschichte eingesprochen und -gespielt worden. Da ist mir dann bei aller Nostalgie doch das gegenwärtige Kino mit all seinen Höhen und Tiefen (auch von diesen wird noch zu berichten sein) bedeutend lieber.

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