Darling der Woche: Grenzüberschreitend: Zum 90. Geburtstag von Alexander Kluge

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Darling der Woche

Ein Beitrag von Christian Neffe

Er wirkte am Oberhausener Manifest mit, war einer der Pioniere des Neuen Deutschen Films, schreibt und spricht über Filme und unsere Gesellschaft und prägte das Privatfernsehen mit anspruchsvollen Kulturformaten: Alexander Kluge. Am 14. Februar wird er 90 Jahre alt.

Alexander Kluge
Alexander Kluge

Nomen est omen — diese Phrase gilt freilich nicht immer. Im Falle von Alexander Kluge — für diesen Namen scheint sie fast erfunden worden zu sein, diese Floskel. Egal welchen deutschsprachigen Artikel oder Radiobeitrag man zum 1932 in Halberstadt, Sachsen-Anhalt, geborenen Kluge aufruft: Nahezu überall wird er als einer der gegenwärtig wichtigsten Denker, Intellektuellen und/oder Gelehrten des Landes bezeichnet. Nun lässt sich das mit dem „wichtig“ eher schwer beweisen; unzweifelhaft ist jedoch, dass Kluge einer der Produktivsten seines Faches ist.

Wobei: Welches Fach ist das eigentlich genau? Kluge ist schließlich Autor von Kurz- und Langgeschichten, von Essays, Kommentaren, theoretischen Schriften und Drehbüchern. Er ist Künstler, Philosoph und Anwalt, Film- und Fernsehproduzent, Regisseur, Vor-, Mit- und Nachdenker. Er schreibt, spricht und dreht in allen erdenklichen Formen und Medien. Sein Fach also, wenn man so möchte: das Produzieren von Gedanken und Gefühlen.

Wobei Kluge derartige Systematisierungen wohl selbst nicht gefallen dürften. Für ihn gilt, dass die Form selbst ein Gefühl ist respektive die Gefühle erst hervorbringt. Und auch, dass das oft konstruierte antagonistische Verhältnis von Verstand und Gefühl unhaltbar ist, dass beides zusammengehört und sich bedingt. Realismus und Antirealismus, Fiktion und Dokumentation — für Kluge ist beides untrennbar miteinander verknüpft, steht im Wechselspiel der gegenseitigen Beeinflussung, weshalb er in seinen eigenen Werken meist die Grenzen verschwimmen lässt.

Ein gutes Beispiel dafür ist Kluges 1983er Film Die Macht der Gefühle, eine assoziative Collage aus dokumentarischen Bildern, gespielten Szenen und Archivmaterial. In rund 25 kleine Geschichten wird die Wirkmacht der Gefühle — im Positiven wie im Negativen — auf den menschlichen Verstand ausgeleuchtet. Das Spiel mit den Kontrasten entsteht allein schon durch die Entgegensetzung des „kalten und rationalen“ Schauplatzes Frankfurt mit der Oper, die Kluge als „Kraftwerk der Gefühle“ bezeichnet. Anstatt einen Diskurs nach den klassischen Regeln der Dramaturgie zu entwerfen, versteht der Regisseur sein Werk vielmehr als „Stummfilm mit Ton“ — das Zusammenwirken der Bilder, ihrer unterschiedlichen Inhalte, Formen und Fiktionsgrade ist es, was hier im Mittelpunkt steht.

 

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Zugegeben, es ist ein relativ extremes Beispiel aus der Spätphase von Kluges Spielfilmschaffen (seit den späten 80ern konzentrierte er sich hauptsächlich auf Kurzfilme und TV-Produktionen), weshalb ein Blick weiter in die Vergangenheit lohnt. Da steht 1966 der Film Abschied von Gestern, der nicht nur den Silbernen Löwen in Venedig gewann, sondern auch als einer der ersten Filme gilt, die den Forderungen des Oberhausener Manifests entsprachen, an dem Kluge beteiligt war und das einen zeitgemäßen deutschen Film forderte: weg von „Papas Kino“ (exemplarisch dafür war der Heimatfilm nach dem Zweiten Weltkrieg) hin zu einem künstlerisch anspruchsvolleren, intellektuell herausfordernderen Film, unter anderem nach Vorbild der Nouvelle Vague.

Insofern bietet Abschied von Gestern auch kein heimeliges Wohlfühlprogramm, sondern erzählt von einer in der DDR aufgewachsenen jungen Frau, die nach ihrer Flucht in den Westen versucht, dort Fuß zu fassen, von den Verhältnissen jedoch zum Diebstahl genötigt wird und von der Gesellschaft — vor allem den Männern — nur Verachtung erfährt. Immer wieder unterbricht Kluge die Geschichte mit Zwischentiteln und Kommentaren, mischt Fiktion und Fakten (es taucht unter anderem Fritz Bauer auf, der für eine Humanisierung der Justiz plädiert), bleibt aber dabei kühl und distanziert, um nicht der Überemotionalität von „Papas Kino“ zu verfallen.

 

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Kluge kann aber nicht nur ernst, sondern auch lustig, siehe Der große Verhau aus dem Jahre 1971. „Es herrscht Bürgerkrieg im Weltraum“, heißt es zu Beginn dieser Science-Fiction-Klamotte, die eine ähnliche Ausgangslage wie der sechs Jahre später entstandene Star War präsentiert, jeglichen Pathos jedoch mit einer Nonsens-Erzählung, überzeichneten Figuren und satirischen Ansätzen kontert. Mit bewusster Künstlichkeit, Impro-Dialogen und (gewollt) billiger Tricktechnik (zugleich, wenn man so will, eine Hommage an Méliès) entwirft Kluge eine augenzwinkernde Kritik am Kapitalismus.

 

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Der Wechsel hin zum TV-Geschäft kam in den späten 80ern mit dem aufkeimenden Privatfernsehen: Kluge gründete die Produktionsgesellschaft dctp, entwickelte diverse Kulturmagazine sowie Interviewformate und folgte dabei dem Leitsatz „Lieber Quotenkiller als Quotennutte“. Dem Schreiben blieb er währenddessen aber immer treu, sieht seine Bücher nach wie vor als sein Hauptwerk und veröffentlichte erst im Januar 2022 mit Das Buch der Kommentare und Zirkus/Kommentar gleich zwei neue Schriftstücke. Am 14. Februar ist Alexander Kluge 90 Jahre alt geworden — und alles deutet daraufhin, dass dieser (mediale) Hansdampf in allen Gassen auch nach diesem Jubiläum noch lange nicht am Ende seines Schaffens ist. 

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