Darling der Woche: Wie im Traum: Die wunderbaren Welten des Satoshi Kon

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Darling der Woche

Ein Beitrag von Christian Neffe

Paprika / Perfect Blue / Tokyo Godfathers
Paprika / Perfect Blue / Tokyo Godfathers

Jeder Tod einer/s Filmschaffenden oder anderweitig kreativen Menschen kommt zu früh. Dennoch gibt es die ganz besonders tragischen Fälle. Die, die viel zu früh kamen, von denen, die viel zu wenig hinterlassen haben, obwohl sie noch so viel Großes hätten leisten können. Einer dieser Fälle ist der des japanischen Anime-Regisseurs Satoshi Kon, der vor genau zehn Jahren — am 24. August 2010 — an Bauspeicheldrüsenkrebs starb. Sein Œuvre umfasst eine Handvoll Kurzfilme, eine Serie und vier Langspielfilme, die allesamt beweisen, wie versiert Kon darin war, komplexe Charaktere und Geschichten aufzuziehen, die Psyche seiner (ausschließlich weiblichen) Protagonistinnen auszuloten sowie soziale Stigmata zu dekonstruieren.

Den Einstieg in sein späteres Schaffen fand der 1963 in Kushiro geborene Kon während seines Studiums. Er begann erste Mangas zu zeichnen und wirkte wenig später am 1993 erschienenen Anime Patlabor 2 mit. Sein erster eigener Film, das Kurzwerk Magnetic Rose, erschien 1995 als Teil der Anthologie Memories und legte den Grundstein für sein Langfilm-Debüt: Perfect Blue (1997).

Kon gelang aus dem Stand ein bis heute viel zitierter Anime-Klassiker. Im Mittelpunkt steht die Sängerin Mima, die ihre Band für eine Solo-Karriere beim Film verlässt. Bald sieht sie sich einem Stalker ausgesetzt, der ihr Leben bedroht. Nicht minder schlimm ist die Aktfotografie, zu der sie genötigt wird, sowie die Vergewaltigung, die sie als Teil ihrer Rolle in einer Serie fingieren muss. Wahrheit und Fiktion, der Privatmensch Mima und ihre öffentliche Persönlichkeit verschwimmen immer mehr, sodass irgendwann weder Heldin noch Publikum unterscheiden können, in welcher Sphäre sie sich gerade befinden.

Kons realitätsnaher Zeichentrickstil trägt einen Großteil zu dieser Wirkung bei: Für die Szenenübergänge nutzt er immer wieder Match-Cuts, die eine visuelle Verknüpfung der unterschiedlichen Wahrnehmungs- und Realitätsebenen schaffen. Die Paranoia und innere Zerrissenheit von Mima werden sicht- und spürbar, die anfängliche Künstlerruhm-Geschichte wandelt sich zu einem bitterbösen Thriller auf Leben und Tod und zeigt die Schattenseiten des kommerziellen Erfolgs. Darren Aronofsky ließ sich ein Jahrzehnt später davon inspirieren: Visuelle und inhaltliche Ähnlichkeiten zwischen Perfect Blue und Black Swan sind unverkennbar.

Auf Perfect Blue folgte Millennium Actress (2001). Darin will ein Dokumentarfilmer die Karriere einer ehemals erfolgreichen Schauspielerin mittels Interviews rekonstruieren. Anhand ihres Lebensweges zeichnet Kon die historische Entwicklung Japans seit den 1930er-Jahren nach, verwebt abermals verschiedene Erzählebenen: Gegenwarts- mit Vergangenheits-, Realitäts- mit Traumsequenzen. Die echte Welt und die Fiktion der Filmdrehs verschwimmen erneut so weit, dass es unmöglich scheint, eine Grenze zu ziehen.

Nach seinen inhaltlich doch recht ähnlichen Erstlingswerken schlug Kon eine andere Richtung ein: weg von Psycho-Thriller und -Drama, hin zu einer herzergreifenden Tragikomödie in Gestalt eines Weihnachtsfilms. Tokyo Godfathers (2003) dreht sich um drei Obdachlose - eine Ausreißerin, einen Transvestit und einen Alkoholiker -, die an Heiligabend ein ausgesetztes Baby finden und es seinen Eltern zurückbringen wollen. Kons dritte Spielfilmregiearbeit ist sein geradlinigstes Werk, verzichtet er hier doch auf Mindfucks und eine verkomplizierte Erzählstruktur. Was ihm dafür umso mehr gelingt, ist, die bedrückende Lage seiner Hauptfiguren und ihre von schweren familiären Konflikten gezeichneten Hintergrundgeschichten mit luftig-skurrilem Humor zu verknüpfen.

Kaum ein Film ist weiter von der Verkitschung des Weihnachtsfestes entfernt: Gekonnt wandelt Kon auf der Schwelle zwischen herzerwärmendem Familienporträt und kritischer Sozial- und Gesellschaftsstudie. Hinzu kommen ein expressiver Zeichenstil, eine erneut herausragende Montage und diverse Wendungen, die Tokyo Godfathers ein überraschendes und doch stimmiges Finale bescheren. (Zu sehen ist der Film hierzulande übrigens völlig kostenlos bei Watchbox beziehungsweise TVNow.)

Für manche ist Tokyo Godfahters Satoshi Kons Opus Magnum - für andere hingegen sein vierter und letzter Film: Paprika (2006). Ein knallbunter, visuell und inhaltlich verspielter Science-Fiction-Krimi über eine Psychotherapeutin, die mit einem neuartigen Gerät tief in die Träume von Menschen eintauchen kann, bis sich ein Krimineller diese Technologie zunutzen macht. Die Idee klingt bekannt? Kein Wunder: Christopher Nolan bediente sich für Inception so einiger inhaltlicher und visueller Motive von Paprika. Im Gegensatz zu dem US-Blockbuster kommt Kons Film jedoch ohne ausufernde Erklärdialoge aus und überlässt — passend zum Haupthema „Traum“ — deutlich mehr der Fantasie des Publikums. Der Regisseur kehrt hier zu seinen Ursprüngen zurück und treibt die Verschmelzung von Realität und Fiktion, Bewusstsein, Traum und Fantasie auf die Spitze.

Ein fünfter Film war in Arbeit — Kons Krebserkrankung machte dem jedoch einen Strich durch die Rechnung. Die Produktion von Dreaming Machine wurde ein Jahr nach seinem Tod 2010 eingestellt. Zuletzt hieß es 2018, dass der Film in absehbarer Zukunft nicht fertiggestellt werde, da niemand gefunden werden konnte, der Kons Vision adäquat umsetzen könne. Ein letztes Werk hinterließ er aber doch: den Kurzfilm Good Morning, der innerhalb nur einer Minute das Gefühl, morgens aufzustehen, perfekt visualisiert. Und der erneut deutlich macht: Mit Satoshi Kon haben wir einen großen Künstler viel zu früh verloren.

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