Darling der Woche: Nia DaCosta oder: Wie man mit 31 Jahren Regie-Geschichte schreibt

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Darling der Woche

Ein Beitrag von Christian Neffe

Nia DaCosta hat es mit „Candyman“ als erste Schwarze Regisseurin an die Spitze der US-Kinocharts geschafft. Woher kommt sie — und wohin führt sie ihre Karriere?

Nia DaCosta zusammen mit Yahya Abdul-Mateen II am Set von Candyman.
Nia DaCosta zusammen mit Yahya Abdul-Mateen II am Set von Candyman.

Fünf mal hintereinander vor einem Spiegel aufsagen sollten wir ihren Namen vorsichtshalber vielleicht nicht — ihn uns merken aber auf jeden Fall: Nia DaCosta. Schließlich hat die New Yorkerin bereits jetzt, im jungen Alter von 31 Jahren, einen Meilenstein in der Kinolandschaft hinterlassen: Sie ist die erste Schwarze Regisseurin, die es mit einem Film an die Spitze der US-Kinocharts geschafft hat. Die Rede ist von Candyman, und auch wenn in der PR-Kampagne allem voran mit Produzent und Autor Jordan Peele geworben wurde, der dank Get Out und Wir zum Synonym für Horrorstoffe mit sozialpolitischen Botschaften und Schwarze Protagonist*innen geworden ist (ein New New Black Cinema vielleicht sogar?), so ist DaCosta spätestens jetzt zu einer der relevantesten Regie-Newcomerinnen der USA geworden.

Bei der Suche nach biografischen Daten findet man nur das Grundlegendste: DaCosta wurde im November 1989 in Brooklyn geboren und wuchs in Harlem auf — viel mehr gibt sie über Privatleben dem Anschein nach nicht preis. Außer vielleicht noch ihre schicksalhafte Begegnung mit Apocalypse Now in jungen Jahren, der in ihr den Wunsch entflammte, Filme zu machen. Sie entdeckte Martin Scorsese als ihre Hauptinspirationsquelle und studierte deshalb wie er an der New York University Tisch School of the Arts. Bei ihrer darauffolgenden Stelle als TV-Produktionsassistentin arbeitete sie neben Steve McQueen und Steven Soderbergh auch mit ihrem großen Vorbild Scorsese am Set zusammen. Und von da an ging es aufwärts.

Für DaCostas erstes filmisches Lebenszeichen müssen wir ein paar Jahre zurück: 2009 begab es sich, dass sie ihren ersten Kurzfilm auf YouTube hochlud, der wohl einige Zeit zuvor zu Schulzeiten entstanden war. The Black Girl dies Last ist mit minimalen Mitteln inszeniert, laienhaft gespielt und trotz der Laufzeit von gerade mal sechseinhalb Minuten nur schwer am Stück anschaubar. 

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Dass sie es besser kann, weiß DaCosta selbst (zumindest wenn die Beschreibung des Videos tatsächlich von ihr stammen sollte), und schreibt deshalb scherzhaft darunter: 

If you stumble upon this and you aren’t in this vid or know anyone in it, this is not to be taken seriously, it was made late one night in high school. i swear I make better movies now :P

Recht hat sie, aber jede*r fängt nun mal klein an — und zumindest lässt schon dieser erste Versuch DaCostas Affinität für Horror und den kritischen Umgang mit Filmklischees insbesondere in Bezug auf Schwarze Figuren, erkennen. Nach einem weiteren Kurzfilm namens Night and Day im Jahre 2013 (leider im Netz nicht auffindbar) versuchte sie es für ihr nächstes Projekt mit Crowdfunding. 5100 Dollar kamen für den Kurzfilm Little Woods zusammen, den sie, nachdem das Skript für das Sundance Screenwriters and Directors Lab ausgewählt wurde, schlussendlich als Spielfilm umsetzte — DaCostas Langfilmdebüt. Das spielt in einem Szenario, das man einer Filmschaffenden aus der Stadt nicht auf den ersten Blick zutrauen würde: im ruralen North Dakota. Er erzählt von zwei Schwestern gespielt von Tessa Thompson und Lily James, die erste eine ehemalige Drogendealerin, die zweite bereits Mutter und nun nochmals schwanger. Sie will das Kind abtreiben lassen, doch die strikten Vorgaben und Geldmangel machen ihr dieses Vorhaben schwer.

„I was really struck by how different my life was from the women who lived in these places“, beschrieb DaCasto ihre — neben klassischen und modernen Western — Hauptinspiration für diesen Film. Ohnehin, das betont sie in vielen Interviews, liege der Reiz am Filmemachen für sie vor allem darin, mit anderen Menschen in Kontakt zu kommen, Neues (kennen) zu lernen und ihren Horizont zu erweitern, anstatt es sich in ihrer Komfortzone bequem zu machen. Little Woods konnte dann auch durchaus Erfolg für sich verbuchen: Beim Tribeca Film Festival 2018, wo er seine Premiere feierte, wurde DaCosta mit dem Nora Ephron Award für „excellence in storytelling by a female writer or director“ ausgezeichnet.

2020 dann die Rückkehr zu ihren filmischen Wurzeln: dem Horror. DaCosta inszenierte einen furchterregenden Clip zu Candyman als Puppen-/Scherenschnittanimation, der zugleich Promomaterial ist als auch die Vorgeschichte erzählt und bestens als Kurzfilm funktioniert:

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Und nun also die Langfassung von Candyman, inklusive bahnbrechendem Erfolg, einer Rückkehr in die Stadt als Schauplatz und einem sozialpolitisch relevanten Leitthema: Gentrifizierung. Ein wohlbekanntes Problem für jemanden, der in Harlem aufgewachsen ist, wo die Einwohner*innen schon lange über Verdrängung und Wohnraummangel klagen (siehe etwa auch Mein 40-jähriges Ich von Rahda Blank). Dazu Aspekte wie Rassismus, Polizeigewalt und urbane (Sub-)Kultur sowie deren Aneignung und Kommerzialisierung durch den Kunstbetrieb. In Interviews vergleicht DaCosta Candyman deshalb auch mit der Situation Schwarzer Filmemacher*innen in Hollywood — sehr deutlich wird das am im Film geäußerten Satz: „They love what we make, not us.“ Zumindest der erste Teil dieser Aussage (der zweite hoffentlich nicht) scheint aber angesichts des selbst für Branchen-Insider überraschend großen Erfolgs von Candyman auch aufs US-Publikum zuzutreffen.

So oder so: Nia DaCosta hat sich mit ihrem zweiten Spielfilm in die Geschichte des Mediums eingeschrieben. Und geht nun den gleichen Weg wie unter anderem Chloe Zhao (Eternals) und Cate Shortland (Black Widow), der direkt in Richtung Blockbuster-Kino führt: In London dreht sie aktuell The Marvels, die Fortsetzung von Captain Marvel — und es ist wohl nicht zu hoch gegriffen, wenn man darauf spekuliert, dass sie damit gleich ihren zweiten Boxoffice-Stürmer inszeniert. Mit dem Wechsel ins Superhelden-Genre wird sie zwar ihr großes Vorbild Scorsese vor den Kopf stoßen, der vor zwei Jahren ja sein Missfallen darüber öffentlichkeitswirksam bekundete. Doch so ist das eben bei einer neuen Generation: Mit Respekt für und Wissen um die Vergangenheit des Mediums und Spaß am Genre geht sie ihre eigenen Wege Richtung Zukunft. Eine Zukunft, die Nia DaCosta und hoffentlich noch mehr jungen, weiblichen und Schwarzen Regisseurinnen gehört.

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