Darling der Woche: Minari und der Aufstieg des Asiatisch-Amerikanischen Kinos

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Darling der Woche

Ein Beitrag von Katrin Doerksen

Zwischen 1993 und 2018 gab es keinen einzigen Hollywoodfilm mit vorrangig asiatischem Cast. Diese Zeiten sind anscheinend endgültig vorbei.

"Minari" von Isaac Lee Cheung
"Minari" von Isaac Lee Cheung

„Du bist gar keine richtige Oma,“ ruft der kleine David (Alan S. Kim). „Richtige Omas backen Kekse. Sie fluchen nicht und tragen keine Männerunterwäsche.“ Natürlich ist Soonja (Youn Yuh-jung) eine richtige Oma, und was für eine! Aber David hat mit seinen gerade mal sieben Jahren sofort verstanden, das er und seine Familie in gewisser Hinsicht anders sind als die Jungen in der Schule und der Kirche.

Diese Woche startet endlich Minari — Wo wir Wurzeln schlagen in den deutschen Kinos. Ein Film, dem inzwischen eine längere Geschichte vorauseilt. Der unschöne Höhepunkt: Eine Kontroverse im Rahmen der Golden Globes, wo Minari lediglich als Bester Fremdsprachiger Film antreten durfte — als amerikanisch produzierter Film eines amerikanischen Regisseurs, der im Grunde die Geschichte des American Dream erzählt. Aber sie beginnt im Arkansas der 1980er Jahre, wo der Regisseur Lee Isaac Chung tatsächlich als Sohn koreanischer Einwanderer aufwuchs.

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Wie er haben in den vergangenen Jahren zahlreiche Regisseur*Innen mit asiatischen Wurzeln ihre eigenen Erfahrungen zum Ausgangspunkt für Filme genommen. Das asiatisch-amerikanische Kino ist derzeit überhaupt so sichtbar wie selten zuvor: Jon M. Chus Crazy Rich wurde 2018 zur kommerziell erfolgreichsten RomCom der 2010er Jahre und Bong Joon-ho gewann mit Parasite den Oscar für den Besten Film 2019. Arthousefilme wie Lulu Wangs The Farewell oder Kogonadas Columbus wurden zu Festivallieblingen, Disney schob das Live-Action-Remake von Mulan mit Liu Yifei in der Hauptrolle an und Oscarpreisträgerin Chloé Zhao (Nomadland) präsentiert im kommenden Herbst mit Eternals ihren ersten großen Superheldenfilm als Teil des Marvel Cinematic Universe.

 

Yellowface, Dragon Ladies und die model minority

Dabei ist die Geschichte asiatischen Filmschaffens in Hollywood in ihrer Gänze betrachtet eher eine Geschichte von Rassismen, fehlender Repräsentation, verschlossenen Türen. Von Mary Pickford in Madame Butterfly und Richard Barthelmess in Broken Blossoms über Mickey Rooney in Frühstück bei Tiffany bis zur Kontroverse um Scarlett Johansson in Ghost in the Shell war es lange Zeit weitreichend akzeptierte Praxis, dass weiße Schauspieler*Innen ostasiatische Rollen spielten, oftmals sogar in Yellowface-Makeup. Das Nachsehen hatten die ohnehin wenigen in Hollywood aktiven asiatischen Schauspieler*Innen (das bekannteste Beispiel ist wohl Anna May Wong), die fast ausschließlich in stereotypen Rollen gecastet wurden: Als mysteriöse Dragon Lady, später in der Nebenrolle des unauffällig glatten Arztes.

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Als erste Tauperiode dürften im Rückblick die 1990er Jahre gelten. In der damaligen Independent-Filmwelle schwammen einige amerikanisch-asiatische Produktionen mit. Darunter Terminal USA von Jon Moritsugu, der sich satirisch mit der Rolle der Asian Americans als sogenannte model migrants auseinandersetzt. Wayne Wangs The Joy Luck Club über das Verhältnis chinesisch-amerikanischer Frauen zu ihren eingewanderten Müttern. Oder Spencer Nakasakos Dokumentarfilm Kelly Loves Tony über die Kinder laotischer Flüchtlinge. Auch kommerzielle Erfolgsgeschichten erwuchsen aus dieser Zeit: Ang Lees Karriere nahm an Fahrt auf, Justin Lin, heutiger Hausregisseur des Fast-and-Furious-Franchises, gab sein Regiedebüt Shopping for Fangs.

Dennoch: Asiatische Namen vor und hinter der Kamera blieben die Ausnahme. In den letzten Jahren hat sich also einiges getan. Veränderungen, die natürlich nicht im luftleeren Raum vonstatten gingen. Kampagnen wie #OscarsSoWhite oder #StarringJohnCho wiesen seit Mitte der 2010er Jahre vehement auf mangelnde Diversität in Hollywood (und nicht nur dort) hin. Die sozialen Medien sensibilisieren seither zunehmend für Repräsentationsfragen, was umso dringlicher wurde, als im Jahre 2020 im Zuge der Pandemie rassistisch motivierte Kriminalität gegen Asiaten weltweit anstieg.

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Ausbruch aus dem literarischen Ghetto

Aber gilt nun, da eine chinesische Regisseurin den nächsten Marvel-Blockbuster dreht: Ende gut, alles gut? Wohl eher nicht. Wie schnell positive Entwicklungen mit der Aussicht auf kommerziellen Erfolg drohen mit Labels versehen und vereinnahmt zu werden, zeigt das Beispiel der Literatur. Auch dort gab es in den vergangenen Jahren einen erfreulichen Trend hin zu mehr Aufmerksamkeit für amerikanisch-asiatische Autor*innen. Ocean Vuong wurde für seinen autobiografisch inspirierten Roman Auf Erden sind wir kurz grandios, der als Brief eines Sohnes an seine vietnamesische Mutter verfasst ist, zu Recht international gefeiert. Việt Thanh Nguyễn erhielt für seinen Spionageroman Der Sympathisant über einen zwischen den politischen Systemen hin und her gerissenen Maulwurf den Pulitzer Preis für Belletristik. Und aktuell gehören Memoiren wie Michelle Zauners Crying in H Mart oder Cathy Park Hongs Minor Feelings zur Grundausstattung der US-Bestsellerlisten.

Wie lange man mit solchen Trends schnell in der literarischen Ghettoisierung landete, formulierte die chinesischstämmige Autorin Amy Tan in ihrem Essay Required Reading and other Dangerous Subjects schon 1996: „Meine Werke stehen auf den Literaturlisten für Seminare in Ethnologie, asiatisch-amerikanische Literatur, asiatisch-amerikanische Geschichte, Frauenliteratur, Literatur von feministischen Autor*Innen of Color und so weiter. Ich bin stolz darauf, in diesen Listen vertreten zu sein. Aber eine kleine, nervige Frage flüstert mir gelegentlich ein: Was ist mit amerikanischer Literatur?“

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Dieser drohenden Schubladisierung sind sich auch asiatisch-amerikanische Filmemacher*Innen mehr als bewusst. In einer Roundtable-Diskussion der New York Times äußerte etwa Lee Isaac Chung, der Regisseur von Minari: „Ich habe das Gefühl, die Leute wissen nicht wie sie Filme schauen sollen, außer durch die Brille des aktuell vorherrschenden Diskurses.“ Und an anderer Stelle: „Erst gab es eine Bewegung des reinen Identitätskinos, einen Kampf überhaupt unsere Gesichter auf die Leinwand zu bekommen und uns einem breiteren Publikum zu erklären. Jetzt gibt es eine Verschiebung: Wir sind einfach Leute, die ihre Geschichten erzählen, das muss nicht immer zum weißen Amerika oder einer Mehrheitskultur in Relation stehen. Wir sind einfach Leute. Wir wollten nicht, dass Minari ein Film „von uns, für uns“ wird. Denn ich fand, darüber müssen wir hinauswachsen.“

 

Doch nur ein Trend?

Überhaupt: Was soll das eigentlich genau sein, asiatisch-amerikanisches Kino? Dass diese Zusammenfassung ähnlich absurd ist wie von Afrika als einem Land zu sprechen, zeigt schon ein kurzer Blick auf die Biografien der Filmemacher*Innen. Lee Isaac Chung: Als Sohn südkoreanischer Einwanderer in Denver geboren und im ländlichen Arkansas aufgewachsen. Chloé Zhao: Geboren und aufgewachsen in Peking, Ausbildung in England und den USA. Jon M. Chu: Geboren im kalifornischen Palo Alto als Sohn einer Mutter aus Taiwan und eines Vaters aus Sichuan. Mira Nair: Geboren und aufgewachsen im ostindischen Bundesstaat Odisha, Stipendium in Harvard. Crazy Rich ist eine glitzernde RomCom über Superreiche in Singapur, Nomadland ein semidokumentarisches Arthousedrama über prekäres Leben in Amerika.

Nun beginnt also die Arbeit, die ansteht, wenn die ersten trailblazer ihre Spuren hinterlassen haben. Der Trend soll zur Selbstverständlichkeit werden. Dass wir dabei vorsichtig optimistisch sein dürfen, ist vor allem dem kommerziellen Erfolg von Crazy Rich zu verdanken, der in Hollywood einige zuvor verschlossene Türen öffnete. So entbrannte etwa ein Bieterkrieg um eine Serienadaption des Romans Pachinko von Min Jin Lee; ein Projekt, das Jahre zuvor wohl nur schwer eine Finanzierung gefunden hätte. Den Zuschlag sicherte sich Apple, angeführt von TV-Produzentin Michelle Lee. Diversity braucht es eben auch hinter den Kulissen — und auch hier geht es langsam bergauf. Die AUM Group, 2020 von den Produzenten Nina Yang Bongiovi, Bing Chen und Kevin Lin gegründet, spezialisiert sich auf multikulturelle Filmprojekte. Mary Lee, vormals Produzentin bei Justin Lins Perfect Storm Entertainment, zog Anfang 2020 ebenfalls ihre eigene Firma auf: A-Major Media, mit Fokus auf asiatisch-amerikanische Film- und Fernsehinhalte. Wenn das so weitergeht, erleben wir womöglich schon bald den Tag, an dem der nächste Minari bei den Golden Globes als Bester Film ausgezeichnet wird.

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