Darling der Woche: Immer Ärger mit dem Grünzeug: Ohne Greenspersons geht nichts am Set

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Darling der Woche

Ein Beitrag von Katrin Doerksen

"Immer Ärger mit Harry" von Alfred Hitchcock
"Immer Ärger mit Harry" von Alfred Hitchcock

Ah, der goldene Oktober… Wenn das warme Licht der tief stehenden Sonne durch rot und orange leuchtende Blätter fällt und die klare Luft dazu einlädt durch das aromatisch duftende Laub zu spazieren. Es ist wie im Film. Aber Stopp mal! Wenn ein Film nach goldenem Oktober aussieht und vielleicht auch noch pünktlich dazu in die Kinos kommt… Dann stehen die Chancen gar nicht mal so günstig dafür, dass er auch tatsächlich im Herbst gedreht wurde.

Hollywood ist zum Glück noch nicht in dem Stadium angekommen, in dem wirklich alles am Computer entsteht. Aber das bedeutet auch immer wieder, dass in einem frühlingshaften Wald, in dem gerade gedreht wird, plötzlich tiefster Winter herrschen muss. Ein lange verlassenes Cottage braucht von heute auf morgen einen Garten, der aussehen soll als würde darin täglich jemand liebevoll seine Blumenrabatten pflegen. Und exakt in der Mitte einer völlig kahlen Lichtung soll innerhalb kürzester Zeit der perfekte Baum sprießen. Genau das ist die Aufgabe der Greenspersons.

Es ist vielleicht nicht der prestigeträchtigste Job an einem Filmset. Genau genommen haben wahrscheinlich noch nicht viele Leute überhaupt von ihnen gehört. Doch ohne die Greenspersons geht im Film nicht viel, zumal außerhalb kontrollierter Studioumgebungen. Ein Lied kann davon etwa der deutsche Regisseur Philip Gröning singen, dessen Drama Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot fast vollständig auf schwäbischen Getreidefeldern gedreht wurde — von August bis Oktober, wo sich das Farbenspiel der Natur quasi täglich ändert und es galt optisch die Zeit anzuhalten. Im Monopol Magazin berichtet Gröning vom Aufwand, der ihm blühte:

„Wir haben ein Getreide gesät, kurzstielige Triticale, das sehr witterungsstabil ist. Um das Getreidefeld haben wir Plastikfäden spannen lassen. Die [Landwirtschaftsexperten] sagten nämlich, dass Monsanto das auch immer so macht, wenn riesige Weizenfelder für Saatgut-Werbung gefilmt werden. Die Fäden stabilisieren das Getreide, denn ein Feld ohne Schneisen, die der Wind geschlagen hat, so etwas gibt es in der Natur gar nicht. Später mussten wir sogar noch feines Ockerpigment, natürlich biologisch abbaubar, im Feld versprühen, um die Farbe des Getreides konstant zu halten. Klingt irre, ging aber nicht anders. Weil Julia Zanges [die Hauptdarstellerin, Anm.d.Red.] blondes Haar so dicht an der Farbe von reifem Weizen dran war, dass sich ihre Haarfarbe von Einstellung zu Einstellung geändert hätte, wenn wir versucht hätten, diesen Farbton in der Postproduktion zu erzielen.“

"Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot" von Philip Gröning © W-Film
„Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot“ von Philip Gröning © W-Film

Die Natur sorgt für Fallstricke, an die im Vorfeld einer Produktion (und im Nachhinein in den Kinosesseln) kaum einer denkt. Trotzdem gab es außerhalb von Hollywood lange Zeit keine entsprechende Position, die sich nur auf botanische Belange spezialisierte. Filmemacher wandten sich mit ihren Wünschen an die Set Designer und Ausstatter oder lagerten die Arbeit gleich ganz an lokale Landschaftsgärtner und Agrarexperten aus. Im Gespräch mit der New York Times spricht der inzwischen pensionierte Greensman Will Scheck davon, dass er in den 1990er Jahren einfach eine Marktlücke sah, sich als greens coordinator bezeichnete und so seine ersten Jobs einfuhr. Heute findet man in den Abspännen auch die Bezeichnungen key greens, chief greens oder lead greens.

Zunächst einmal müssen gute Greenspersons wissen, wo sie etwas finden — selbst wenn es selten oder außerhalb der Saison ist. Sie müssen Tropengewächse am Leben halten können, auch wenn im Winter in eisigen Räumen gedreht wird. Sie verstecken Töpfe gekonnt unter dichtem Blattwerk, so dass schlicht nebeneinander gestellte Setzlinge aussehen wie ein aufwändig bepflanztes Beet. Sie entwickeln ein Konzept dafür wie Raumpflanzen sich verändern, wenn im Film mehrere Wochen, Monate oder Jahre erzählt werden. Sie müssen Blätter anmalen oder Blüten in aufreibender Kleinstarbeit an kahle Zweige kleben und gelegentlich auch ganze Bäume mitsamt der Wurzeln aus dem Erdreich heben und verpflanzen. Kurz: Sie müssen ihr umfangreiches Wissen über die Flora so anwenden, dass sie sich kaum merklich und wie ganz natürlich in die Welt des Films einfügt. An dieser Stelle sei auch noch einmal das Feature der New York Times empfohlen, das reich bebildert den oftmals absurden Workload der Greenspersons zeigt.

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Aber apropos Goldener Oktober. Wenn ich an einen perfekten, pittoresken Herbst im Film denke, denke ich an Alfred Hitchcocks Immer Ärger mit Harry. Der Regisseur hatte die Krimikomödie im September 1954 on location in Vermont drehen wollen. Doch als das Team ankam, musste es mit Entsetzen feststellen, dass ein großer Sturm Anfang des Monats alles bunte Laub von den Bäumen geweht hatte. Eine neue Gegend in Vermont war zwar schnell gefunden, doch Ende September machte das wechselhafte Wetter der Crew häufig einen Strich durch die Rechnung. Anhaltende Regenfälle und der bedeckte Himmel veranlassten die Production Designer, spontan ein Indoor-Set in einem örtlichen Gymnasium aufzubauen. Doch Hitchcock bestand bei gutem Wetter weiterhin darauf in den Wäldern zu drehen — und das rächte sich nach Ende der anberaumten Drehzeit. Denn wie sich herausstellte, waren Nachdrehs nötig, für die der Produzent John B. Goodman hastig ein Studiosetting mit Bäumen aus Gummischaum aufbauen und den Hügel, auf dem im Film Harrys Leiche gefunden wird, nachbauen ließ. Kistenweise wurde Laub aus Vermont in die Paramount Studios verschickt und in Handarbeit an die Bäume geklebt.

Die Hürden beim Dreh von Immer Ärger mit Harry sind seit Jahrzehnten bekannt und wie wir über solche Fälle berichten, hat sich aber seither auch nicht großartig verändert. Das ist sogar an diesem kleinen Text zu sehen: Der Regisseur wird namentlich erwähnt — und vielleicht noch ein Produzent oder Production Designer. Sonst muss die gute alte Passivform herhalten: Blätter wurden geklebt, Bäume wurden nachgebaut, Ersatzlocations gesucht. Tatsächlich waren es dutzende helfende Hände, die diese Aufgaben übernahmen. Auch wenn Texte künftig nicht zu langen Aufzählungen unbekannter Namen werden sollen: Ein bisschen mehr Wertschätzung stünde uns gut zu Gesicht. Vielleicht wäre es eine Idee, beim nächsten Filmabend kurz auf Pause zu drücken, sich die Einstellung in Ruhe anzusehen und genau zu überlegen, wie viel Arbeit jedes einzelne Detail für die Crew bedeutete.

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