Darling der Woche: Im Labyrinth der Zensur: Filmemacher im Iran

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Darling der Woche

Ein Beitrag von Katrin Doerksen

Filmstill zu There is no Evil (2020) von Mohammad Rasoulof
There is no Evil (2020) von Mohammad Rasoulof - Filmstill

Nur wenige Tage nachdem Mohammad Rasoulof auf der Berlinale der Goldene Bär für sein Episodendrama Es gibt kein Böses zugesprochen wurde, erreichte den Filmemacher eine Nachricht der Behörden. Darin wurde er aufgerufen, eine einjährige Haftstrafe anzutreten.

„Zur Geschichte des iranischen Kinos gehört die Zensur. Das ist nichts Neues. Manchmal greifen die Zensoren härter zu, manchmal sind sie milde gestimmt. 80 Prozent ihrer Energie und Fantasie müssen iranische Filmemacher dazu verwenden, sich im Labyrinth der Zensur und ihrer Vorschriften zurecht zu finden.“ (Jafar Panahi)

Jafar Panahi und Mohammad Rasoulof sind dem iranischen Regime ein Dorn im Auge. Seit Jahren beschäftigen sich die beiden Regisseure in ihrem Filmen mit Missständen in ihrer Heimat, der Unterdrückung der Frauen, dem von der Regierung geschürten Misstrauen. Das Resultat: Panahi verbrachte 2010 drei Monate im Gefängnis — im Anschluss wurde ihm ein 20-jähriges Berufsverbot auferlegt — keine Filme, keine Interviews. Rasoulof hat kein offizielles Berufsverbot. Dafür wurde ihm bei seiner Rückkehr aus Cannes, wo er 2017 den Hauptpreis der Sektion Un Certain Regard für A Man of Integrity gewonnen hatte, sein Pass abgenommen. Drehgenehmigungen erhält er ebenfalls nicht.

Das Verrückte: Die beiden schaffen es dennoch regelmäßig Filme zu drehen, sie außer Landes zu schmuggeln und auf internationalen Festivals zu zeigen. Dass das möglich ist, liegt an ihrer internationalen Berühmtheit, die sie vor allzu harschen Repressionen bewahrt. Aber vor allem an einem Netz loyaler Unterstützer vor Ort und einer stattlichen Portion Mut und kreative Schlitzohrigkeit.

 

Seinen ersten Film nach dem Urteil drehte Panahi 2011 unter Hausarrest: Für This Is Not A Film stellte er in seinem eigenen Schlafzimmer Szenen aus einem Film nach, der ihm nie genehmigt wurde: Die Geschichte eines Mädchens aus einer traditionellen Familie, das nicht an einer Kunsthochschule studieren darf. Mit Klebeband markiert Panahi ein Viereck auf dem Boden: „Das ist das Zimmer meiner Heldin.“ Er liest aus dem Skript vor, beschreibt die Figuren. This Is Not A Film wurde auf einem USB-Stick, eingebacken in einem Kuchen, außer Landes geschmuggelt.

Seitdem tritt Panahi in all seinen Filmen auf — aus praktischen Gründen, aber auch, weil es dem Publikum sein Gesicht in Erinnerung behält. Zugleich wird er immer dreister. Für Taxi Teheran, der ihm 2015 den Goldenen Bären der Berlinale einbrachte, bediente er das iranische Subgenre des Autofahrfilms. Das Auto gilt im Iran juristisch als Innenraum. So sind dort Dinge erlaubt, die im Land sonst verboten sind. Etwa dass sich Männer und Frauen im selben Raum aufhalten. So spielt Panahi einen Taxifahrer — die Kameras sind auf seinem Armaturenbrett installiert und zeigen in dokumentarischer Anmutung (das Ganze war jedoch selbstverständlich inszeniert) seine Gespräche mit Leuten die ihn wiedererkennen. Ein Mann, der westliche DVD auf dem Schwarzmarkt vertickt. Seine Nichte, die als Hausaufgabe einen Film drehen soll. Die Menschenrechtsanwältin Nasrin Sotoudeh, die über ihre Arbeit spricht — und mittlerweile selbst im Gefängnis sitzt.

 

Noch weiter hinaus wagte sich Panahi 2018 in Drei Gesichter, in dem ein Regisseur und seine Hauptdarstellerin auf einen Videohilferuf einer jungen Schauspielerin reagieren. Für den Film fuhr Panahi in sein Heimatdorf im Nordwesten Irans. Er habe stets zwei Drehbücher, beschreibt die Darstellerin Mastaneh Mohajer in einem Interview: Eines mit dem Manuskript selbst und eines, das beschreibt wie er die Szenen drehen will: „Er hat ein Dorf ausgesucht, das er gut kennt und wo die Leute ihn kennen. Sie sind stolz auf ihn und beschützen ihn. Das macht es einfacher, sie würden ihn nicht ausspionieren oder so etwas.“

Nicht nur für die Regisseure selbst ist das Drehen gefährlich, sondern auch für ihre Crew. Davon zeugt etwa der schwarze Abspann in Mohammad Rasoulofs Manuscripts Don’t Burn — um die Mitwirkenden und ihre Familien zu schützen. Rasoulofs Filme sind mitunter drastischer als Panahis — Manuscripts Don’t Burn ist ein politischer Thriller und basiert auf einer tatsächlichen Reihe von Massenmorden an iranischen Intellektuellen in den 1990er Jahren. Nur zwei der sieben Schauspieler leben im Iran — ihre Szenen wurden unter strengster Geheimhaltung in Teheran gedreht, alles andere im Ausland. 

 

Wie Rasoulof hingegen für seinen neusten Film Es gibt kein Böses vorging, der sich in vier lose zusammenhängenden Episoden mit der Todesstrafe im Iran befasst, erzählte er kürzlich im Skype-Interview mit dem Tagesspiegel:

„Der Film besteht aus vier Kurzfilmen. Wir haben vier Produktionen von vier Filmemachern angemeldet, es sind zufällig meine Regieassistenten. Bei Kurzfilmen schaut das Zensursystem noch nicht so genau hin. Die Filme spielen an vier sehr unterschiedlichen Orten, sie wurden zu unterschiedlichen Zeiten realisiert. Es war knifflig: Während der eine Film geschnitten wurde, fing beim nächsten erst der Dreh an.“

„Dank meiner Assistenten hat es aber gut funktioniert, vor allem bei der in Teheran gedrehten Episode, bei der ich selber nicht am Set auftauchen durfte. Wenn wir in den Bergen, auf dem Land oder in Innenräumen drehten, war ich dabei. Aber in Teheran stand ich nicht auf der Setliste und achtete darauf, dass ich „unsichtbar“ blieb. Wenn auch das nicht ging, studierten wir die Szenen vorab so genau wie möglich ein.“

 

Es sind jedoch nicht nur die Filme von Jafar Panahi und Mohammad Rasoulof, die einen staunen machen darüber, dass sie überhaupt existieren. Immer wieder gehen Filmemacher im Iran große professionelle und persönliche Risiken ein, um ihre Geschichten zu erzählen, um Schlaglichter auf Missstände zu werfen. Sina Ataeian Dena etwa, der für Paradise drei Jahre lang ohne Drehgenehmigung in einer islamischen Mädchenschule filmte und wegen der erschwerten Drehbedingungen in der Postproduktion auf visuelle Effekte und aufwändige Rekonstruktionen des Tons zurückgreifen musste. Gerade junge Filmemacher_Innen orientieren sich ins Ausland. Wie etwa Ida Panahandeh, deren Debüt Nahid sich auf berührende Weise mit den unerträglichen Bedingungen einer Scheidung im Iran auseinandersetzten. Ihr neuer Film The Nikaidos‘ Fall ist eine Koproduktion von Japan und Hongkong.

Die Schlinge um den Hals kritischer iranischer Filmemacher zieht sich zu. Was wir tun können? Ihre Filme schauen und diskutieren. Aufmerksamkeit schaffen.

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