Darling der Woche: Filmdrehs in den Zeiten von COVID-19

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Darling der Woche

Ein Beitrag von Katrin Doerksen

"Jurassic World: Dominion" war der erste Blockbuster, der im Sommer unter COVID-Schutzmaßnahmen gedreht wurde.
"Jurassic World: Dominion" war der erste Blockbuster, der im Sommer unter COVID-Schutzmaßnahmen gedreht wurde.

Kino in Zeiten von COVID — eine komplizierte, zuweilen auch tragische Liebesgeschichte. Verschobene Kinostarts und geschlossene Kinos am Rande des Existenzminimums dominieren die Berichterstattung, abgesagte und teils ins Internet verlagerte Festivals wie ausgeweitete Streamingangebote. Dabei kann man sich zunehmend eine Frage nicht verkneifen: In einer hoffentlich nicht mehr allzu weit entfernten Zukunft, wenn eine zumindest teils wiederhergestellte Normalität es Festivals und Kinos wieder ermöglicht physisch ihre Pforten zu öffnen: Wie wird dann das Programm aussehen?

Wer die Newsplattformen der Filmindustrie über einen gewissen Zeitraum verfolgt, kennt die üblichen Abläufe: Projekte werden geteast, offiziell angekündigt, Regisseur*Innen werden gefunden und Ensembles gecastet, die erste und letzte Klappe fällt, dann die Phase der Postproduktion, Festivals, Promo, Kinostart, Heimmedien. In den letzten Monaten haben sich Studios und unabhängige Filmschaffende vor allem auf die Arbeitsschritte fokussiert, die im stillen Kämmerlein möglich sind: Ideen und Drehbücher entwickeln, Drehs vorbereiten, Schnitt und FX.

Aber es hilft alles nichts: Filme müssen gedreht werden. Und kaum eine Arbeitsumgebung scheint so schwer mit Infektionsschutzmaßnahmen in Einklang zu bringen wie ein Filmset: Ein Ort der Arbeitsteilung und Kollaboration schon per Definition, wo der Cast auf eine kaum überschaubare Crew und ein Heer aus Statisten trifft, wo Menschen einander häufig auf kleinstem Raum begegnen, über Manuskriptseiten und Monitore gebeugt beratschlagen und diskutieren, wo Darsteller*Innen geschminkt werden und einander vor der Kamera küssen, ganz zu schweigen von noch intimeren Szenen.

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Umso spannender die Tatsache, dass 2020 dennoch auf der ganzen Welt Dreharbeiten stattfanden. Halb improvisierte Projekte einerseits, die von Filmschaffenden zuhause oder in kleinstem Kreis realisiert wurden und die sich mehr oder weniger konkret mit der Realität einer globalen Pandemie auseinandersetzen. Man denke an die Netflix-Anthologie Homemade oder Nick Caves Konzertfilm Idiot Prayer. Oder, von der internationalen Presse als ultimativer Lockdown-Film gepriesen, Pedro Almodóvars Kurzfilm The Human Voice mit Tilda Swinton, der auf dem Filmfestival in Venedig Premiere feierte. Der Dreißigminüter erzählt von einer einsamen Frau in einem stylishen Apartment, die mit ihrem Ex telefoniert. Wie so oft bei Almodóvar: am Rande eines Nervenzusammenbruchs. Gedreht wurde im Juli unter strengen Hygienemaßnahmen: In einer kontrollierten Studioumgebung mit einer kleinen Crew und regelmäßigen Tests. Tilda Swinton im Interview mit der New York Times:

„Nach einer Millisekunde, in der ich realisierte, dass da Crewmitglieder sein werden, die ich ohne ihre Maske nie wiedererkennen werde, sind wir diesen Dreh wie jeden anderen auch angegangen: Ein paar Dinge ändern sich in dieser neuen Welt und so viel anderes wird sich nie ändern.“

Aber wie sieht so ein Filmdreh unter COVID eigentlich genau aus? Das Branchenblatt Variety dokumentierte im vergangenen September einen Besuch am Set des Horrorfilms The Knocking vom Indieproduzententeam Maurice Fadida und Eric B. Fleischman. Die Einschätzung der beiden: Die Kosten für Schutzmaßnahmen machen neuerdings etwa 10% des zur Verfügung stehenden Budgets aus und schlagen sich vor allem in zusätzlichen Drehtagen nieder. Denn alles dauert länger: Nicht mehr alle Crewmitglieder gleichzeitig bereiten ein Set vor. Stattdessen betreten es Ausstatter, Beleuchter, Tonleute, Assistenten hintereinander. Besprechungen zwischen Regisseur und Cast sowie erste Sichtungen des Materials finden in Zoom-Meetings statt. In der Maske muss vor jeder Sitzung alles ausgiebig desinfiziert werden und es gibt kein großes Buffet mehr — stattdessen serviert oder schickt das Catering jedem seine Mahlzeiten und Getränke einzeln. Der Verbrauch von Einwegplastik schnellt in die Höhe.

Die neue wichtigste Position am Set: Der sogenannte COVID Compliance Officer, der die Einhaltung aller Regeln am Set strengstens kontrolliert. Von regelmäßigen Tests über die korrekte Passform aller Masken bis hin zum social distancing. Man gewöhne sich mit der Zeit an die Maßnahmen, so der Tenor in der Crew. Alles sei besser als ohne Arbeit allein zuhause zu sitzen.

Independentproduktionen wie The Knocking sind es, die laut Branchenexperten von der Coronakrise profitieren könnten. Denn solange Infektionsschutzmaßnahmen und Corona-Versicherungen das Business bestimmen, sei es wahrscheinlicher, dass kleine Projekte realisiert würden: Intime Kammerspiele mit wenigen Figuren, klaustrophobische Horrorfilme, Found-Footage-Experimente.

Am Set zu "Jurassic World: Dominion"; Universal Pictures International Germany GmbH
Am Set zu „Jurassic World: Dominion“; Universal Pictures International Germany GmbH

Der erste große Hollywoodblockbuster hingegen, der in diesem Jahr die Drehs unter COVID-Schutzmaßnahmen wieder aufnahm und somit als Modell für andere Produktionen galt, war Jurassic World: Dominion unter der Regie von Colin Trevorrow. Das Studio hatte im Sommer für Cast und Crew nahe der britischen Pinewood Studios ein komplettes Luxushotel gebucht, das nur betreten durfte, wer sich vorher 14 Tage lang in Quarantäne begeben hatte. Dazu kamen regelmäßige Tests, Temperaturchecks und Desinfektionsmittelspender überall am Set. „Bis jetzt wurden Schauspieler nie wirklich in die Vorbereitungen mit einbezogen“, erklärte Hauptdarstellerin Bryce Dallas Howard der New York Times. Nun musste sie vorab ein 107-seitiges Sicherheitsprotokoll durcharbeiten und lernen ihr eigenes Mikrofon anzubringen. Die strenge Aufteilung der Crew verglich sie mit dem sogenannten closed set, früher nur usus bei intimen Szenen. Die Kosten für sämtliche Maßnahmen am Set summieren sich auf 9 Millionen US-Dollar.

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Gleichzeitig verschiebt sich jedoch die Aufmerksamkeit auch hin zu den technischen Möglichkeiten, inspiriert etwa von der Videospielindustrie. Ein Vorreiter der sogenannten virtual production ist etwa Jon Favreau, der die zweite Staffel der Star-Wars-Serie The Mandalorian komplett auf einer kreisrunden Bühne drehte. Diese ist von gebogenen, lebensgroßen Bildschirmen umgeben, die jeden nur denkbaren Bildhintergrund heraufbeschwören können. Die Darsteller stehen nicht mehr vor einem Green Screen, sondern gewissermaßen direkt in der zum Leben erweckten Filmwelt. Eine Art des Filmdrehs, die Reisen an entlegene Orte überflüssig macht, Teamstärken reduziert, distanzierteres Arbeiten ermöglicht und dabei in den meisten Fällen auch noch umwerfend aussieht.

Ein anderer Profiteur der Krise ist die Animationsbranche. Im Laufe des Jahres 2020 explodierte die Auftragslage, auch dank der Menge neu gegründeter Streamingservices, die ihre Plattformen mit Content füllen müssen. Weil der Löwenanteil der zeitgenössischen Animationen am Computer entstehen, fiel den Firmen die nahtlose Umstellung aufs Home Office leicht. Viele der Maßnahmen, etwa regelmäßige Zoom-Konferenzen, waren längst implementiert. Wie soll es auch anders gehen, wenn an einem Film zugleich Firmen aus den Staaten, Europa und Indien arbeiten? Neue Software erwies sich ebenfalls als hilfreich. Etwa Tadici, ein Programm, dass Animatoren in einer virtuellen Arbeitungsumgebung vom heimischen PC aus die Pixel auf seinem Arbeitscomputer streamen lässt.

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Neue Episoden von Bob’s Burgers und Die Simpsons, Netflix‘ Die bunte Seite des Mondes und Central Park für Apple TV+, der neue Pixar-Film Soul oder Disneys Raya and the Last Dragon — sie alle entstanden im Laufe des Jahres trotz der Konsequenzen unserer neuen Realität. Selbst im renommierten Stop-Motion-Studio Laika ging die Arbeit nach ein paar Wochen weiter. Praktische Effekte wurden nach wie vor mit reduziertem Team, mit Abstand, Masken, Lüften und regelmäßiger UV-Reinigung der Puppen im Studio in Portland realisiert. Der CGI-Anteil hingegen zuhause. Produzentin Arianne Sutner findet sogar, die aktuelle Situation beflügele die Fantasie der Animatoren. Im Interview mit Entertainment Weekly verriet sie: „Sie machen Effekte, die im Film zu sehen sein werden, aus Dingen, die sie in ihren eigenen vier Wänden gefunden haben, wie Toilettenpapierrollen oder Schnur. Einfache Haushaltsgegenstände, die wir aufnehmen und tatsächlich verwenden.“ Wie sagte es Al Jean, ausführender Produzent der Simpsons ebenfalls im Interview mit EW so schön:

„Animation ist wie eine Kakerlake. Sie ist fast unmöglich zu töten, Gott segne sie.“ 

Fakt ist: COVID-19 wird uns noch eine ganze Weile beschäftigen und wenn die erzwungene Auseinandersetzung damit auch in langfristiger Hinsicht sicherere Arbeitsumgebungen schafft, umso besser. Die gute Nachricht: Jeans Spruch mit der Kakerlake lässt sich auf die gesamte Filmindustrie übertragen. Sie ist nicht so einfach totzukriegen.

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