Darling der Woche: Destino – oder von schmelzenden Uhren

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Darling der Woche

Ein Beitrag von Bianka-Isabell Scharmann

Es brauchte über 50 Jahre, bis eine Idee ihre Vollendung fand: Walt Disneys und Salvador Dalís Projekt „Destino“.

wehende, schwarze Haare, Wüste, gezeichnetes Bild
"Destino"

Im Jahr 1946 begann etwas, was erst 2003 vollendet werden sollte, eine Liaison zweier Visionäre: Walt Disney und Salvador Dalí entschieden sich, zusammen an einem Film zu arbeiten. Das Projekt hieß Destino. Es sollte eine Mischung aus Real- und Animationsfilm werden, in dem es um die ‚Geschichte‘ eines jungen Liebespaares geht, die in der Erfüllung ihres Schicksals (Destino), verschiedene Hindernisse nehmen müssen.

 

War es Schicksal?

In Dalís Werk und seinem Selbstverständnis als Künstler spielte Film durchaus eine entscheidende Rolle. Im Jahr 1929 arbeitete er erstmalig mit Luis Buñuel zusammen und schuf mit ihm zusammen den surrealistischen Film Un Chien Andalou. Auf diesen sollte dann ein weiteres Projekt folgen: L’Age d’Or, an dessen Drehbuch Dalí mitgewirkt hatte. Und als der Surrealist und Disney begannen, über ein gemeinsames Projekt nachzudenken, arbeitete Dalí gerade an den Traumsequenzen für Hitchcock‘s Spellbound. Dalí war somit nicht nur Film erprobt, Film hatte auch sein eigenes Schaffen stark geprägt.

 

 

Dass bei einer Kollaboration dieser Art, zwischen dem als konservativ geltenden und doch höchst innovativen Walt Disney und dem exzentrischen Surrealisten, kein ‚einfacher‘ oder, sagen wir, leicht verständlicher Film entstehen kann, das versteht sich fast von selbst. Angedacht war, einen Film etwas unter Langspielfilmlänge zu schaffen. Dabei sollten traditionelle narrative Strukturen, die Hollywood in den letzten Jahren so wunderbar perfektioniert hatte, unbedingt vermieden, ja unterwandert, auf den Kopf gestellt werden. Hätte man etwas anderes erwartet?

„Disney and Dalí Join for Weird Film Opus” – so wurde das Projekt in einem zeitgenössischen Artikel betitelt. Man wusste zum Beispiel schon zu Produktionszeiten, dass der damalige Ballettstar Andre Eglevsky im Gespräch für Tanzszenen im Liebesplot war. Begleitet werden sollte der Film von der gleichnamigen Ballade von Armando Dominguez. Dabei war Dalí das Musikstück selbst nicht besonders wichtig, er mochte einfach die Idee von Schicksal, heißt es. 

 

Die Relativität der Zeit

Dass der Text bisher im Konjunktiv steht ist kein Versehen, sondern Absicht: Denn Dalí und Disney haben das Projekt zusammen nie beendet. Das einzige, was aus der gemeinsamen Zeit geblieben ist, sind einige Zeichnungen Dalís, sowie ein 17-sekündiger animierter Test, der für den Film gemacht wurde.

Es brauchte dann gut 57 Jahre, bis das Projekt, zumindest in einer Annäherung, beendet wurde, in dessen Form es uns auch heute zur Verfügung steht: Destino wurde 2003 unter der Regie von Dominique Monféry beendet, produziert von Baker Bloodworth und Roy Disney, der Neffe von Walt Disney. Für Destino gab es dann auch 2004 die Oscar-Nominierung für den besten Kurzfilm.

Die Neuschöpfung ist eine gut sechseinhalb-minutüge Entführung in einen surrealen Kosmos, voller Wandlungen, Dehnungen, Lebendigwerdungen und vielem mehr. So bleibt diese Version den Ideen Disneys und Dalís treu, zeigen sie doch die Formen, die man aus den originalen Zeichnungen, die man auch im Abspann sehen kann, entlehnt hat. Der Baseballspieler taucht auf — Dalí soll sich sehr für den Sport begeistert haben -, die Gesichter auf Schildkröten aus dem Testfilm, wie typische Symbole und Motive des Surrealisten: Das Brot auf dem Kopf, die schmelzenden Uhren. Und sind das nicht Anlehnungen an den prominenten Schnauzer Dalís, die man im Film entdeckt?

 

 

Es heißt, dass Dalí selbst im Film auftreten wollte. Ihm ging es darum, sein Konzept von Zeit anhand eben dieser ikonischen Uhren zu erklären: dass Zeit relativ ist und je nach Ereignis schneller oder langsamer verläuft. Dass der chronischen, messbaren Zeit eine subjektive, gefühlte Zeit gegenüber steht. Und dass beide nicht notwendigerweise in eins fallen. 

Das bedeutet außerdem, dass man sich der Zeit in Destino selbst nie sicher sein kann: Wie viel Zeit vergeht wirklich? Welche Zeit läuft ‚eigentlich‘ ab während der gut sechseinhalb Minuten, in denen wir den Film sehen? Von einem Meister des Surrealismus erwartet man nichts weniger als ein ebensolches Spiel mit Raum und Zeit.

Doch, auch das eine Konsequenz der späten Vollendung des Projekts, heute wirkt das Spiel mit der Relativität von Zeit weniger neu und provokativ als es das in den 1940ern wahrscheinlich gewesen wäre. So schleicht sich eine gewisse Traurigkeit beim Schauen ein, nicht direkt aufgrund des Sujets und der unmöglichen Liebesbeziehung, sondern weil die späte Umsetzung, die Verrückung in der Zeit des Films, auf Alternativen hinweist, die ob ihres verpassten Moments und der im Keim erstickten Chancen auch das eigene Leben reflektieren lassen. 

Destino ist in voller Länge auf YouTube zu sehen: 

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