Bücher: Wechselwirkungen

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Bücher

Ein Beitrag von Sonja Hartl

Bei Buch und Film denkt man automatisch an Literaturverfilmungen. Aber Filme und Bücher können noch andere Beziehungen miteinander eingehen. Welche das ist, erzählt Sonja Hartl in ihrer Buchkolumne.

Timothée Chalamet in "Call Me By Your Name"
Timothée Chalamet in "Call Me By Your Name"

Sehr selten passiert mir im Kino etwas, was ich über alle Maßen liebe: ich schaue einen Film und verspüre spätestens beim Abspann, oftmals aber schon zwischendurch, den unbändigen Wunsch, das Buch zu lesen, das in diesem Film eine Rolle spielt. Das passiert bei ganz klassischen Literaturverfilmungen wie Call me by your name, den ich auf der Berlinale 2018 gesehen habe. Ich weiß noch, wie bezaubert ich von diesem Film war, wie sehr ich wissen wollte, wie viel von der Klugheit dieses Films in dem Buch steckt – und wie das Ausgangsmaterial eines der schönsten Liebesfilme aller Zeiten aussieht. Denn wirklich wundervolle Liebesromane, ohne Kitsch, Klischees und Augenrollen meinerseits, sind eine Seltenheit.

Penguin
Penguin

Ich denke oft an diesen Moment zurück, weil er rar ist – in diesem Jahr ist mir bei der Berlinale aber ähnliches passiert. Montagmittag, 12 Uhr. Ich saß im Cinemaxx und schaute Josephine Deckers Shirley. Eine vertrauenswürdige Kollegin und erste Reaktionen aus den USA ließen mich auf einen guten Film hoffen – und diese Hoffnung wurde mehr als erfüllt. Filme, die kreative Arbeit und die Bedingungen des Schreibens tatsächlich mit filmischen Mitteln einfangen, sind ungemein selten. Noch dazu ist Shirley Jackson eine hochspannende, komplexe, widersprüchliche, alles andere als einnehmende oder „sympathische“ Figur, hervorragend gespielt von Elisabeth Moss.

Penguin Modern Classics
Penguin Modern Classics

In meinem Kopf hatte ich sie als Horror-Schriftstellerin abgelegt, das ist nun überhaupt nicht mein Genre. Doch hier saß ich nun und dachte nur, dass ich mehr über diese Frau und ihre Bücher wissen will. Durch diesen Film wurde mir klar, dass ich offenbar zumindest teilweise in eine der typischen Fallen getappt bin – die Genre-Falle, die besagt, dass ein Werk weniger wert/interessant sei, weil es Genre und nicht „richtige Literatur“ (ironisch!) ist. Bei Shirley Jackson kommt dann noch hinzu, dass sie eine Frau ist, die gar nicht in das Weiblichkeitskonzept ihrer Zeit passte. Und dass das Werk einer Frau, die sich öffentlich als „a practicing amateur witch“ bezeichnete, und das noch dazu Genrebezüge hat, von Kritikern allenfalls als mittelmäßig angesehen wird, sollte mir eigentlich klar sein. 

University of Illinois Press
University of Illinois Press

Aber nicht nur Literaturverfilmungen lösen diesen Buch-Impuls bei mir aus. In Steven Soderberghs High Flying Bird gibt ein Agent seinem Rookie-Basketballspieler am Anfang ein Paket und sagt, es sei die „Bibel“. Er werde schon wissen, wann er es auspacken müsse. Immer wieder wird dieses Paket herumgereicht, es ist das große Geheimnis des Films, das erst am Ende enthüllt wird: in ihm steckt das Buch The Revolt of the Black Athlete, veröffentlicht von Dr. Harry Edwards im Jahr 1968. Mir war sofort klar, dass ich es lesen will – und nun weiß ich, dass es die Handlungen des Agenten erklärt. Darüber hinaus aber bringt der Film diesem Buch notwendige und wichtige Popularität – in einer Zeit, in der Schwarze Amerikaner weiterhin um grundlegende Rechte und Zugang kämpfen müssen. Drehbuchautor Tarell Alvon McCraney hat in einem Interview gesagt, dass er mit dem Film Fragen aufwerfen und keine Antworten liefern wollte – er wollte einen Dialog starten. Das beschreibt in erster Linie eine Reaktion auf High Flying Bird, zugleich aber ist es eine Wirkung, die Bücher in Filmen haben können: sie eröffnen einen Dialog, der über den Film hinaus geht. 

Kiepenheuer & Witsch
Kiepenheuer & Witsch

Das passiert hoffentlich auch bei Die Unbeugsamen von Torsten Körner. Sein Film verschafft einen ersten Eindruck, wie wenig über die Politikerinnen in der BRD bekannt ist. Auch hier entstand bei mir der Wunsch, mehr über sie zu erfahren. Als hätte Körner es geahnt, hat er ein Buch dazu geschrieben, das bereits im Februar erschienen ist. In In der Männerrepublik führt er das Thema noch weiter aus und macht insbesondere auch deutlich, wie Frauen von Presse und Geschichtsschreibung ignoriert wurden bzw. in gängige männliche Narrative von Macht gepresst wurden, die wiederum von den Männern geprägt wurden. Es ist also weit mehr als ein „Buch zum Film“: Es führt das Thema weiter und verweist auf noch weitere Blindstellen.  

Wechselwirkungen von Film und Literatur werden oftmals auf Adaptionen beschränkt. Aber sie können noch viel weiterreichen: sie können Geschichten fortspinnen, sie können am Rand stehende Schriftstellerinnen in den Mittelpunkt rücken. Und sie können dazu anregen, sich nach dem Film weiter mit einem bestimmten Thema zu beschäftigen. 

 

 

André Aciman: Call Me By Your Name. Übersetzt von Renate Orth-Guttmann. dtv 2018 (Filmausgabe). 10,90 Euro.

Shirley Jackson: Hangsaman. 240 Seiten. Penguin Modern Classics 2013. ca. 9,99 Euro

Susan Scarf Merrell: Shirley. A Novel. 276 Seiten. Penguin US 2015. ca. 15,99 Euro.

Harry Edwards: The Revolt of the Black Athlete. 232 Seiten. University of Illionois Press 2018. ca. 19,50 Euro. 

Torsten Körner: In der Männerrepublik. Wie Frauen die Politik erobern. 368 Seiten. Kiepenheuer & Witsch 2020. 22 Euro. 

  • The Sound of Fury - Hollywoods Schwarze Liste
    The Sound of Fury - Hollywoods Schwarze Liste

    Hollywood

    Im Jahr 2018 lief in Berlin, Frankfurt und Zürich eine Retrospektive zur „Hollywood Blacklist“, die von Hannes Brühwiler konzipiert wurde. Dazu ist nun ein Buch erschienen, in dem er kundig in das Thema einführt. Dazu kommen weitere Essays, in denen sich beispielsweise Patrick Holzapfel mit der Politisierung von Dorothy Baker beschäftigt und sich Chris Fujiwara mit der Männlichkeit im Film auseinandersetzt. Abgerundet wird das Buch mit exemplarischen Filmanalysen sowie Kurzbiografien der Opfer der Blacklist. 

    Hannes Brühwiler (Hrsg.): The Sound of Fury. Hollywoods Schwarze Liste. 280 Seiten. Bertz + Fischer 2020. 25 Euro. 

  • Macht, Ohnmacht, Widerstand - Frauen in der Zeit des Nationalsozialismus
    Macht, Ohnmacht, Widerstand - Frauen in der Zeit des Nationalsozialismus

    Nazi-Frauen

    50 Frauenporträts versammelt Christine Kruse in ihrem Buch über Frauen in der Zeit des Nationalsozialismus, darunter sind neun Frauen aus der Filmindustrie: die Schauspielerinnen Zarah Leander, Anny Ondra, Sybille Schmitz, Kristina Söderbaum, Marika Rökk und Lida Baavorá, die Autorin Thea von Harbou, die Filmkritikerin Libertas Schulze-Boyse und die Regisseurin Leni Riefenstahl. Ein informativer Band. 

    Christiane Kruse: Macht, Ohnmacht, Widerstand. Frauen in der Zeit des Nationalsozialismus. Edition Braus 2019. 164 Seiten. 14,95 Euro.

  • Klassiker des russischen und sowjetischen Films
    Klassiker des russischen und sowjetischen Films

    Eisenstein und Co. 

    In der Reihe zum osteuropäischen Film liegt im Schüren Verlag nun Band 1 zu den Klassikern des russischen und sowjetischen Films vor. In den 22 Filmtexten finden sich fast alle legendären Namen des russischen Kinos, deren frühen Meisterwerke in die Filmgeschichte eingegangen sind. Dennoch strebt das Buch nicht an, die Geschichte des Films nachzuerzählen, sondern setzt auf eine kulturgeschichtliche Kontextualisierung. Alle Filme sind vor dem Kalten Krieg entstanden, die nachfolgende Periode bis zum post-sowjetischen Film wird Band 2 behandeln. 

    Peter Klimczak, Christian Ostwald, Barbara Wurm (Hrsg.): Klassiker des russischen und sowjetischen Films. 236 Seiten. Schüren 2020. 14,90 Euro.

  • Cameron Douglas - Long Way Home
    Cameron Douglas - Long Way Home

    Berühmte Familien

    Cameron Douglas wurde in eine privilegierte Hollywood-Familie hineingeboren: Großvater Kirk und Vater Michael sind berühmte Schauspieler, dennoch hat er – von außen betrachtet – den Weg vieler Kinder von Schauspielgrößen eingeschlagen: Schlagzeilen wegen Drogenbesitz und Sucht gab es immer wieder. Doch seine Lebensgeschichte besteht nicht nur aus unzähligen Therapien und Abstürzen, Cameron Douglas saß acht Jahre im Gefängnis wegen Heroinbesitz und des Verkaufs von Drogen. In seiner Autobiographie erzählt er von seiner Sucht, seiner Strafe und seiner Familie. 

    Cameron Douglas: Long Way Home. 400 Seiten. Knopf 2019. ca. 22,56 Euro.

  • Home Work - A Memoir of my Hollywood Years
    Home Work - A Memoir of my Hollywood Years

    Mary und Maria

    Sie hat zwei ikonische Frauenfiguren der Filmgeschichte gespielt: Mary Poppins und Maria von Trapp – und sie hat einen Großteil ihres Erwachsenenlebens damit verbracht, sich mit den Erwartungen auseinanderzusetzen, die diese Rollen in der Realität geweckt haben. Nachdem Julie Andrews‘ erster Memoirenband mit ihrer Ankunft in Hollywood endete, schreibt sie nun in Home Work über die Jahre, die diese Filme und die Erwartungen brachten. Ein aufschlussreiches Buch über eine Frau, die immer wieder darauf hinweisen musste, dass sie nicht ist, wen sie gespielt hat. 

    Julie Andrews: Home Work. A Memoir of My Hollywood Years. 352 Seiten. W&N 2019. ca. 23,51 Euro.

  • Narziss und Goldmund
    Narziss und Goldmund

    Klassiker I

    Klassiker-Alarm im Kino! Stefan Ruzowitzky hat Herman Hesses Narziß und Goldmund adaptiert – das könnte ein Anlass sein, das Buch, das Generationen von Erwachsenen geprägt hat, heute (wieder) zu lesen. Immerhin ist das die erste Leinwandadaption von Hesses Erzählung, die von der Freundschaft zweier Jungen erzählt, die sich im Erwachsenenalter aus den Augen verlieren und doch immer wiederfinden. 

    Hermann Hesse: Narziss und Goldmund. 305 Seiten. Suhrkamp 2020 (Filmausgabe). 10 Euro.

  • Berlin Alexanderplatz
    Berlin Alexanderplatz

    Klassiker II

    Bleibt Ruzowitzky in seiner Adaption Zeit und Ort der Vorlage verbunden, transportiert Burhan Qurbani Alfred Döblins Klassiker Berlin Alexanderplatz in die Gegenwart und vom Alex in die Hasenheide. Dennoch lädt dieser Film ein, Döblins erstmals 1929 erschienene Geschichte des Franz Biberkopf wiederzuentdecken. Nicht nur wegen der vielfach beschworenen Parallelitäten unserer Zeit mit der Weimarer Republik.

    Alfred Döblin: Berlin Alexanderplatz. 560 Seiten. S. Fischer Verlag 2013. 13 Euro.

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