Bücher: Leben mit einem Star

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Bücher

Ein Beitrag von Sonja Hartl

Im Fokus dieser Kolumne stehen Schauspielerinnen, fiktive und echte, ihr Leben, was sie zum Star machte, ihre Geheimnisse. Darüber hinaus gibt es Bücher über die Lust am Film, sowie über Deutsches und Österreichisches Kino zu entdecken — (fast) alle Publikationen mit einem Fokus auf Frauen.

Drei Buchcover nebeneinander
"She Found It at the Movies" / "Die Schauspielerin" / "Dread Journey"

„Die Leute fragen mich: „Wie war sie?“, und ich versuche zu verstehen, was genau sie damit meinen. Wie war sie als normaler Mensch, wenn sie Pantoffeln trug und Marmeladentoast aß? Als Mutter, als Schauspielerin? – Das Wort „Star“ verwendeten wir nicht.“ Mit dieser Frage beginnt Anne Enrights Roman Die Schauspielerin – und um gleich Missverständnissen vorzubeugen: Er erzählt von keiner existierende Schauspielerin, er ist keine Abrechnung einer Tochter mit ihrer berühmten Mutter, kein Mommie Dearest. Es ist eine fiktive Geschichte, die gerade deshalb viel über das Star-Sein und das Leben mit einer Schauspielerin erzählt.

Es ist Norah FitzMaurice, die die Geschichte ihrer Mutter erzählt, der Schauspielerin Katherine O’Dell. Sie war nicht nur ein Theaterstar, der Karriere in Hollywood gemacht hat, ehe sie schwanger wurde, ein Kind bekam und zurück nach Irland ging. Sie ist auch die Frau, die dem Filmproduzenten Boyd O’Neill, „dessen Bekanntheit sich wohl auf Irland beschränkte“, in den Fuß geschossen hat und anschließend in eine psychiatrische Klinik eingewiesen wurde. Deshalb schließt sich an die erste Frage immer noch eine weitere an: „Die meisten Leute wollen wissen, wie sie war, bevor sie verrückt wurde, gerade so, als könnte auch ihre eigene Mutter über Nacht schlecht werden wie eine Flasche Milch, die nicht in den Kühlschrank zurückgestellt wurde. “

Norah kennt die Antworten nicht. Sie weiß nicht, warum ihre Mutter geschossen hat – und auch dieser Roman wird keine eindeutige Erklärung liefern. Auch weiß sie nicht, ab wann ihre Mutter verrückt wurde. Obwohl ihre Lebensgeschichten untrennbar miteinander verbunden sind – „es war schwierig, einen eigenen Ton zu finden“ –, hat die Annäherung an ihre Mutter, die sie in diesem Roman vornimmt, Grenzen. Über manche Themen hat Katherine mit niemanden gesprochen, auch nicht mit ihrer Tochter. Außerdem war sie auf der Bühne am wahrhaftigsten.  

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Anne Enright im Literaturhaus Köln © Hpschaefer
via Wikimedia Commons (CC BY 3.0)

Die Beziehung zwischen Mutter und Tochter ist ein wichtiges Thema in diesem Buch, doch diese Mutter war eine berühmte Schauspielerin, ja, sie war ein Star. „Ein Star wird geboren, nicht gemacht, denn Stars sind keine Schauspieler – in der Tat sind einige von ihnen, wenn ich meiner Mutter Glauben schenken durfte, ziemlich schlechte Schauspieler. Was auch immer einen Star auszeichnet, Katherine O’Dell hatte es die ganze Zeit, und mit neunzehn hatte sie es im Überfluss.“ Das ist eine schlichte Auffassung, die Norah in diesem Buch äußert und konstant unterläuft. Erzählt sie doch, wie ein Agent die Haarfarbe ihrer Mutter bestimmte und anordnete, dass sie fortan stets etwas Grünes zu tragen habe. Damals wie heute gilt: Stars werden gemacht. Sie brauchen Verbindungen oder wenigstens einen glücklichen „Zufall“, mit Talent und Arbeit allein wird niemand ein Star.

Ein Star braucht Öffentlichkeit und zwar permanent. Anziehend ist die Gleichzeitigkeit von konstruierter und realer Person. Die Öffentlichkeit ist Katherine O’Dell abhandengekommen, nachdem sie ein Kind bekommen hat; diese Gleichzeitigkeit spürt Norah indes noch 25 Jahre nach dem Tod ihrer Mutter. Mittlerweile ist sie selbst verheiratet, hat zwei Kinder, dennoch kehrt sie immer wieder zu der Geschichte ihrer Mutter zurück. Sie wusste nie, wo die Schauspielerin aufhört und die Mutter beginnt. „Nicht nur auf der Leinwand oder auf der Bühne, sondern auch am Frühstückstisch war meine Mutter Katherine O’Dell ein Star.“

Norah ist nicht die einzige, die ihre Mutter zu ergründen versucht. Beständig bekommt sie Anfragen. In einer Szene schildert sie, wie sie mit einer Theorie über die Sexualität ihrer Mutter konfrontiert wird und tatsächlich gefragt wird, ob sie weiß, ob ihre Mutter als Kind missbraucht wurde. Norah verneint – tatsächlich wird aber im Buch von sexualisierter Gewalt zu lesen sein, die niemals an die Öffentlichkeit dringen wird. Das ist der Unterschied zwischen einer Biografie und einem Roman: Eine Biografie hat deutliche Grenzen, sie steuert immer auch das öffentliche Bild. Ein Roman hat diese Grenzen nicht.

Katherine O’Dell hatte ihren Karrierehöhepunkt mit 26, dann kamen andere Schauspielerinnen, die jünger waren sie als, die keine Kinder hatten. Auch deren Karrieren haben früh ihren Höhepunkt erreicht, ehe sie dank des Sexismus und Ageism in Hollywood ebenfalls in Vergessenheit gerieten. Doch es gibt in diesem feinen psychologischen Roman keinen Zynismus, allenfalls bitteren Witz – und wundervolle Szenen über das Theater. Norah gibt unumwunden zu, dass sie nicht weiß, warum ihre Mutter eine so gute Schauspielerin war – sie weiß nur, dass sie es war. In den Schilderungen von ihren Auftritten kommt Norah diesem Geheimnis oftmals nahe, aber niemals enttarnt sie es. Sie ist eben auch eine Tochter, die mit ansieht, wie ihre Mutter Gefühle mit ihrem Publikum teilt – und deren Aufgabe es oftmals ist, sie aus der Ferne zu bewundern und später die Bestätigung zu geben, die sie braucht.

Anne Enright: Die Schauspielerin. Übersetzt von Eva Bonné. Penguin 2020.

 

Weitere Empfehlungen:

  • Cover Dread Journey
    "Dread Journey" von Dorothy B. Hughes

    Fiktive Schauspielerinnen I

    Dass Sexismus und Ageism, die die fiktive Katherine O’Dell in Hollywood erfahren hat, keine Ausnahme sind, zeigt auch ein weiterer Roman, der seinen Ausgangspunkt in Hollywood nimmt: Die Schauspielerin Kitten Agnew fürchtet um ihr Leben. Sie weiß, dass der mächtige Hollywood-Produzent Vivien Spender sie aus dem Weg räumen will, weil er (mal wieder) eine jüngere Frau gefunden hat, um mi ihr sein Traumprojekt zu verwirklichen. Aber sie hat einen Vertrag mit ihm geschlossen, der genau das verhindert. Und nun sitzen sie beide in einem Zug von Los Angeles nach Chicago …

    Dorothy B. Hughes hat diesen Kriminalroman 1945 geschrieben, Ende 2019 wurde er in den USA neu aufgelegt. Und er enthält alles, was man von einem klassischen Krimi erwarten kann – dazu sehr viele Seitenhiebe auf Hollywood.

    Dorothy B. Hughes: Dread Journey. Introduction by Sarah Weinman. American Mystery Classics 2019. 

  • Cover Altlasten
    "Altlasten" von Sara Paretsky

    Fiktive Schauspielerinnnen II

    Sicherlich ist Sara Paretskys Altlasten kein Kriminalroman über eine Schauspielerin, aber es gibt in einer wesentlichen Nebenhandlung sehr viel über Black Cinema zu lernen. Die alternde Schwarze Schauspielerin Emerald Ferring macht sich hier nämlich mit dem Filmemacher Auguste Veridan auf den Weg nach Kansas, um ihm für seine Dokumentarfilm von ihrer Kindheit und Jugend in Lawrence zu erzählen. Doch dann verschwinden sie – und die Chicagoer Privatdetektivin V.I. Warshawski (einmal im Film dargestellt von Kathleen Turner) begibt sich auf die Suche nach ihnen. Schon bald stolpert sie über erste Leichen, erfährt etwas über ein Virus, das eine Lungenerkrankung auslöst, und stößt auf immerwährenden Rassismus. Bereits 2017 geschrieben, könnte ein Roman aktueller kaum sein.

    Sara Paretsky: Altlasten. Übersetzt von Else Laudan und Szelinski. Ariadne 2020.

  • Cover More than Love
    "More than love" von Natasha Gregson Wagner

    Erinnerungen an eine Mutter

    Elf Jahre alt war Natasha Gregson Wagner, als sie morgens aufwachte und aus dem Radio erfuhr, dass ihre Mutter Natalie Wood gestorben ist. Nun hat sie ein Buch über ihre Mutter geschrieben, das zum Teil eine Biographie über Wood ist, aber auch eine Autobiographie über Wagner selbst. Sicherlich idealisiert sie ihre Mutter zum Teil, aber sie verteidigt auch ihren Stiefvater gegen die Anschuldigungen, er habe ihre Mutter ermordet. Das Buch ist ein interessanter Beitrag zu einem der großen Geheimnisse in Hollywood – und abermals ein Bild der Beziehung zwischen einer Tochter zu ihrer berühmten Mutter.

    Natasha Gregson Wagner: More than love: An Intimate Portrait von My Mother, Natalie Wood. Scribner 2020.

  • Cover Asta Nielsen Biographie
    "Asta Nielsen - Filmgenie und Neue Frau" von Barbara Beuys

    Die größte Filmschauspielerin aller Zeiten?

    Als ich Medienwissenschaft studierte, war das Schwärmen des eines Professors für Asta Nielsen bald ein Running Gag unter uns Studierenden – und daran musste ich bei Barbara Beuys Biographie doch wiederholt denken: Sie schildert den Aufstieg der dänischen Schauspielerin zum Star des deutschen Kinos und sieht in ihr immer wieder exemplarisch die „neue Frau“: autonom, aber mit Sex-Appeal. Etwas vermisst habe ich eine stärkere filmhistorische Einordnung, denn so bleibt Barbara Beuys in ihrer informativen, unterhaltsamen und zitatreichen Biografie doch sehr der Faszination für diesen Star verhaftet.

    Barbara Beuys: Asta Nielsen – Filmgenie und Neue Frau. Insel Verlag 2020.

  • Cover She found it at the Movies. Women Writers on Sex, Desire and Cinema
    "She Found It at the Movies" von Christina Newland

    Begehren

    Unsere Vorstellung von Romantik, Liebe und Sex sind geprägt von den Medien, die wir konsumieren – darüber hat Eva Illouz ausführlich geschrieben. Filme spielen dabei eine wichtige Rolle: sie können Fantasien schaffen und Erwartungen entstehen lassen. In dem Sammelband „She Found it at the Movies“ versammelt Christina Newland eine ganze Reihe Autorinnen, die über die Begierde und Sexualität schreiben, die sie im Kino gefunden haben. 

    Christina Newland (Hrsg.): She Found it at the Movies. Women Writers on Sex, Desire and Cinema. Red Press Ltd. 2020.

  • Cover Eine eigene Geschichte
    "Eine eigene Geschichte - Frauen Film Österreich seit 1999" von Isabella Reicher

    Österreichischer Film

    In 34 Texten steht das Filmschaffen österreichischer Frauen im Mittelpunkt in dem Band „Eine eigene Geschichte“. Noch im Jahr 2018 lag der Regisseurinnenanteil bei Filmen, die zwischen 2012 und 2016 ins Kino kamen, bei 21 Prozent. Dieser Sammelband setzt im Jahr 1999 ein und beschäftigt sich u.a. mit Filmen von Barbara Albert und Jessica Hausner, außerdem kommen auch Sounddesignerinnen, Kamerafrauen, Kostümbilderinnen und andere Filmgewerk-Schaffende zu Wort. Er ist keine kritische Einführung, aber ein guter Anfangspunkt für eine nähere Beschäftigung mit den Filmen der Frauen.

    Isabella Reicher (Hrsg.): Eine eigene Geschichte – Frauen Film Österreich seit 1999. Sonderzahl Verlag 2020.

  • Cover Vor der Klappe ist Chaos
    "Vor der Klappe ist Chaos - Hommage an den Neuen Deutschen Film" von Beat Presser

    Neuer Deutscher Film

    Eine „Hommage an den Neuen Deutschen Film“ ist der Ausstellungskatalog „Vor der Klappe ist Chaos“ des Schweizer Fotografen Beat Presser. Neun Jahre lang hat er Personen begleitet, die den Neuen Deutschen Film wesentlich geprägt haben, und sie an von ihnen ausgewählten Orten fotografiert. Dazu gehören Mario Adorf, die Kostümbildnerin Barbara Baum und Hark Bohm. Die Ausstellung „Aufbruch und Umbruch“ war voriges Jahr in München zu sehen und sollte eigentlich ab März im Willy-Brandt-Haus in Berlin sein. Das hat aber derzeit noch geschlossen.

    Beat Presser: Vor der Klappe ist Chaos – Hommage an den Neuen Deutschen Film. Zweitausendeins 2020. 49,90 Euro.

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