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Berlinale 2017

Ein Beitrag von Jennifer Borrmann

Ikarie

Die 67. Berlinale widmet ihre Retrospektive – und das ist ein schönes ironisches Absurdum an sich – dem zukunftsgewandten Blick, dem Science-Fiction-Film: Future Imperfect. Science – Fiction – Film. Bereits mit dem Titel wägt das Kuratierungsteam bewusst ab, es soll mit den 27 internationalen Spielfilmen und zwei Kurzfilmen, die für die Reihe ausgewählt wurden, weder ein negatives noch ein positives Zukunftsbild gezeichnet werden. Die Zukunft ist nicht perfekt. So die einfache Aussage. Was sie bringt, welche inhaltlichen und ästhetischen Ansätze hierzu filmisch umgesetzt, welche Arten von Zukunftsvisionen präsentiert werden, das soll die Filmauswahl in thematischen Blöcken, quasi kanonisiert, in all ihren Facetten zeigen.

In den Filmen werden unvollkommene Zukunftsentwürfe auf unterschiedlichste Arten in visuelle Phantastiken übersetzt. In Zeiten „postfaktischer“ Individuen muss der Science-Fiction-Zuschauer gar davon ausgehen, dass die Realität einige Klassiker längst eingeholt hat. Beständig verhandelt im Science-Fiction-Genre werden Identitätsfragen. Es sind demnach grundlegende Aspekte, mit denen sich diese Filme beschäftigen, soziale und geographische Grenzüberschreitungen, aber auch die Gegenüberstellung von Mensch und Maschine sind immer wieder Thema.

Gesellschaftsbilder in der Zukunft

Letztlich stellen sich alle Science-Fiction-Geschichten dieselbe Frage: Wie geht die Menschheit mit veränderten – seien es nun soziale, atomare, ökologische oder ökonomische – Umständen um? Immer wieder werfen die Filme philosophische Fragen auf, reflektieren über persönliche zwischenmenschliche Beziehungen im Rahmen größerer gesellschaftlicher (Herrschafts-)Systeme.
Das bekannteste Beispiel ist sicher die Verfilmung des George-Orwell-Romans 1984 von Michael Anderson aus dem Jahr 1956. Der Staat, der Big Brother, beobachtet, lenkt und indoktriniert. Der Film über einen dystopischen totalitären Staat ist nicht zufällig in der McCarthy-Ära entstanden und bildet gerade deshalb als Science-Fiction-Verfilmung in einer Zeit der Verfolgung durch staatliche Organisationen einen umso ernsteren Spiegel der aktuellen Gesellschaftsstrukturen.

Kommunikationsbarrieren und -brücken

Die Begegnung mit dem Fremden, mit Außerirdischen, bildet ebenfalls ein durchgängiges Motiv im Science-Fiction-Film. Das Himmelsschiff aus dem Jahr 1918 von Holger-Madsen zeichnet ein Bild einer vegetarischen und pazifistischen Gesellschaftsordnung auf dem Mars. Auch Kōji Shimas Die Außerirdischen erscheinen über Tokio aus dem Jahr 1956 entwirft ein friedliebendes Gesellschaftskonstrukt. Sogar Steven Spielbergs Unheimliche Begegnungen der Dritten Art verpflichtet sich der idealen Wunschvorstellung einer Kommunikationsebene, die positiv in die Zukunft deutet. Der Wunsch nach funktionierenden Kommunikationssystemen mit dem Anderen, die Hoffnung nach einer friedlichen Welt auch außerhalb der Erde wurde filmisch immer wieder umgesetzt. Auf der anderen Seite gibt es in Alien von Ridley Scott aus dem Jahr 1979 keine Möglichkeit der Koexistenz mehr. Die Zukunft hier ist schmutzig, hart und laut. Die Fremden bilden die Ausgeburt des Bösen und psychoanalytische Lesarten des Films eröffnen eine neue Welt des Science Fiction, in dem Frauen Zukunftsheldinnen sind und Männer schwanger werden.


(Bild aus Alien — Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt; Courtesy: Park Circus / Twentieth Century Fox Film Corporation)

Postapokalyptische Zeiten

Die Auswüchse atomarer Katastrophen wie in O-Bi, O-Ba: The End of Civilization des polnischen Regisseurs Piotr Szulkin werden in klaustrophobischer Eindringlichkeit auf die Leinwand gebracht. Die beängstigende Endzeitstimmung, in der es praktisch keine Hoffnung mehr gibt, wird visuell umgesetzt in lange dunkle Gänge, beleuchtet durch kaltes blaues Neonlicht. Das Raumschiff, das kommen und die Überlebenden retten soll, gibt es gar nicht. Die Dystopie entstand während des polnischen Kriegsrechts, in denen unzählige Verhaftungen stattfanden und der Staat massiv gegen demokratische Bewegungen vorging.

Öko-Dystopie

Auf ganz andere Weise geht … Jahr 2022 … die überleben wollen von Richard Fleischer aus dem Jahr 1973 mit dem Thema Überleben um. Nicht mehr geht es wie bei Szulkin um eine einzige Gruppe von Überlebenden, sondern im Gegenteil: Hier hat die Welt mit dem Thema der Überbevölkerung und Umweltverschmutzung zu kämpfen. Der Klassiker unter den Öko-Science-Fiction-Filmen brachte auf drastische und ästhetisch eindringliche Art und Weise die Thesen des Club of Rome auf die Leinwand, die 1972 über Die Grenzen des Wachstums publizierten.

Filmgeschichte

Die Retrospektive gewährleistet einmalige Einblicke in cinematographische Vergangenheiten. So zeigt sie auf einer 70mm-Kopie Eolomea von Herrmann Zschoche. Der Film wurde 1972 im Berliner Kino International aufgeführt und eröffnete nun am selben Ort die aktuelle Retrospektive. Ikarie XB 1 aus Tschechien und der amerikanische GOG, ein 3D-Film aus dem Jahr 1954, sind nach ihrer digitalen Restaurierung erstmals in Deutschland öffentlich zu sehen. Der Großmeister des subversiven polnischen Kinos, Andrzej Żuławski, hat ebenfalls einen Film in er Retrospektive: Der silberne Planet. Die Arbeit am Film konnte erst 1989 beendet werden, nachdem er seit 1978 nur in einer zensierten Version zu sehen war.


(Bild aus Der silberne Planet; Copyright: KADR FILM STUDIO/www.SFKADR.com)

Zwei Dinge hätten zum Thema der diesjährigen Retrospektive geführt, so Rainer Rother: Die Museumsausstellung „Things To Come“ über Science Fiction-Film einerseits und die große Produktion solcher Filme in der vergangenen Dekade. Die beiden Punkte mögen überzeugen, gleichzeitig muss sich der filmistorisch interessierte Retrospektivenfreund fragen: Wo ist das große Jubiläum, das für die deutsche Filmgeschichte so nachhaltig prägend und wechselvoll war? 100 Jahre UFA hätte der Sektion der Berlinale, die sich um kontextualisierende Filmgeschichte kümmert, ein reichhaltiges Thema geliefert. Das bietet der Science-Fiction-Film natürlich auch und der Blick auf absurde, bunte, kitschige und aufregende Welt- und Zukunftsentwürfe eröffnet ein differenziertes Bild von Gesellschaftsentwürfen und bietet ein Potpurri an Gedankenspielen über die Zukunft. Und um ehrlich zu sein: Die Kombination aus filmhistorischer Rückschau und filmischer Zukunftsvision erfreut in seiner herrlichen Absurdität.

Unsere weitere Berichterstattung zur Berlinale findet ihr hier.

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