The Wolf of Wall Street (2014)

Gier ist gut

Eine Filmkritik von Sonja Hartl

Detailliert schildert Martin Scorsese in seinem manisch-mitreißenden Wolf of Wall Street Belforts Aufstieg und vor allem seinen Lebensstil. Seine Karriere an der Wall Street beginnt mit einer Anstellung als Connector – der erste Schritt zum Stockbroker – bei der alteingesessenen Firma L.F. Rothschild. Hier lernt er von seinem Mentor Mark Hanna (Matthew McConaughey) die wichtigste Regel: Arbeite niemals für den Kunden, sondern immer für dich selbst. Und zweitens: Ohne Koks und Alkohol geht an der Wall Street nichts. Dann verliert Belfort im Zuge des Börsencrash vom 19. Oktober 1989 seinen Job und erkennt in einem kleinen Laden, der Penny Stocks verkauft, sein wahres Talent: Er kann Menschen alles verkaufen, wenn er an ihre Gier appelliert. Mit einem kleinen Trupp anderer Verkäufer und seinem Freund Donnie Azoff (Jonah Hill) macht er daher in einer leerstehenden Garagenwerkstatt eine eigene Firma auf und baut sie unter dem Namen "Stratton Oakmont" zu einem erfolgreichen Brokerunternehmen aus.

Parallel zu seinem Vermögen wächst Belforts Sucht nach Quaaludes, Koks und Morphin, nach Sex und Geld. Da die Kamera dicht bei der Hauptfigur bleibt, die zudem in einem beständigen Off-Kommentar durch die Handlung führt, wird man immer mehr in diese wahnwitzige Welt der Gier hineingezogen. Hier ist alles übertrieben: die Partys sind Exzesse voller Koks und nackter Frauen, Büroabende werden mit "Zwergenwerfen" gefeiert und Mitarbeiter mit animalischen Brunftschreien angetrieben. Mit großartig choreografierten Massenszenen, die wie zuletzt bei La grande bellezza oder auch Der große Gatsby für beeindruckende, nahezu überwältigende Leinwandmomente (Kameramann: Rodrigo Prieto) sorgen, bringt Martin Scorsese diese orgiastische Welt zum Ausdruck. Sie ist zutiefst männlich, und Belfort ist der Alpha. Von dem Großraumbüro seiner Broker spricht er als "pit", in dem sich die Nachwuchswölfe einen gnadenlosen Kampf liefern. Immer wieder wird Belfort gezeigt, wie er diese Masse mit Reden anstachelt, fast gleicht er einem religiösen Führer, der seiner Gefolgschaft seinen einzigen Wert predigt: Geld. Düstere Zwischentöne bleiben dabei rar: Zwar erzählt der Film auch, wie diese Gier ins Verderben stürzt, Belforts erste und auch zweite Ehe zerstört, ihn drogensüchtig werden lässt und schließlich ins Gefängnis bringt, aber der Film gibt sich der Oberflächlichkeit dieser Welt allzu gerne hin.

Die Bilder des überschwenglichen Luxus' baden in überbordener Ausstattung und verschwenderischer Länge, vor allem aber übernimmt der Film Jordan Belforts Wertvorstellungen unwidersprochen und präsentiert ihn als erfolgreichsten Mann der Wall Street. Wie sehr eine Außenperspektive fehlt, zeigt dann ein Gespräch Belforts mit dem FBI-Agenten Patrick Denham (Kyle Chandler), den er aus Hybris für bestechlich und leicht zu beeindrucken hält. In diesem Gespräch ist mehr über Belforts Persönlichkeit zu erkennen als in allen anderen Szenen, und es wird deutlich, dass für ihn die Welt der Broker die einzig wahre ist. Ihm ist unbegreiflich, wie man kein Teil dieser Welt sein will. Deshalb sieht Belfort in diesem anständigen, integren Mann einen Verlierer, der mit der U-Bahn fahren muss. Zugleich wird durch die Anwesenheit des aufrechten, ruhigen und selbstkontrollierten Denham die Obszönität von Belforts Lebenstil deutlich. Dadurch erdet diese Szene den Zuschauer und bereitet ihn auf die weitere Entwicklung gekonnt vor. Mit der früheren Szene zwischen Belfort und seinem Mentor gehört sie eindeutig zu den Höhepunkten des Films.

Als Hauptfigur und Erzähler ist Belfort omnipräsent in dieser Geschichte, die durch Belforts beständig direkte Ansprache des Zuschauers auch an ein Verkaufsgespräch erinnert, in dem einem etwas schmackhaft gemacht werden soll – in diesem Fall die Werte und das Leben von Jordan Belfort. Leonardo DiCaprio ist somit in fast jeder Szene zu sehen. Er spielt den manischen Verführer und skrupellosen Verkäufer sehr überzeugend und zeigt beeindruckenden körperlichen Einsatz. DiCaprio legt alles in diese Rolle und verhindert damit, dass Belfort zu einer Karikatur wird. Jedoch kann auch das nicht über fehlende Komplexität des Charakters hinwegtäuschen. Jordan Belfort fehlt die tragische Dimension eines Jay Gatsby. Auch in den gut besetzten Nebenrollen wird deutlich, dass die Entwicklung der Figuren stagniert. Insbesondere Jonah Hill und Margot Robbie als Belforts zweite Ehefrau versuchen, aus ihren Rollen sehr viel herauszuholen – aber mit zunehmendem Verlauf des Films wiederholen sich ihre Eigenheiten und Funktionen zu sehr, so dass sie stets an der Grenze des Übertriebenen agieren, um ihnen überhaupt neue Facetten abzugewinnen.

The Wolf of Wall Street ist die unterhaltsame Geschichte eines Verbrechers, der mit seinen Gaunereien davonkommt – nur ist die Hauptfigur kein Italo-Amerikaner und Möchtegern-Mafiosi, sondern ein White-Collar-Typ aus der Mittelschicht. In den besten Momenten ist der Film eine dunkelhumorige Satire, in den schwächsten Szenen bleibt hingegen der schale Nachgeschmack der Manipulation. Ihm fehlt die Ambivalenz anderer Scorsese-Filme, die dynamische Kraft von Goodfellas und die Raffinesse von Casino, stattdessen beweist er die Verführungskraft der Oberflächlichkeit.
 

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/the-wolf-of-wall-street-2014