Alphabet

Das vernachlässigte Bildungsziel Kreativität

Eine Filmkritik von Bianka Piringer

Der österreichische Filmemacher Erwin Wagenhofer beendet mit seinem lebhaften Plädoyer für eine grundlegende Reform der Bildung die Dokumentarfilmtrilogie, in der er sich kritisch mit Auswüchsen des Wirtschaftswachstum und der Profitmaximierung auseinandersetzt. Sie begann 2005 mit We Feed the World und wurde 2008 mit Let's Make Money fortgesetzt. In Alphabet fordert er eine Abkehr von der normierten, quantitativen Bildung aus zweierlei Perspektiven: Experten wie der Hirnforscher Gerald Hüther betonen, dass kognitives Denken nur eine der Begabungen ist, die Kinder mitbringen und entfalten wollen. Und der langjährige frühere Personalmanager Thomas Sattelberger verweist auf die steigende Bedeutung von innovativem Denken und alternativen Problemlösungen. So schlägt Wagenhofer einen Bogen zwischen der Bildungsmisere und dem an seine Grenzen stoßenden Konzept permanenten Wirtschaftswachstums.

Die ausgreifende, global angelegte Dokumentation wartet mit einigen sehr interessanten Fundstücken auf, die eindrücklich an das kindliche Bedürfnis erinnern, die Umwelt eigenständig und vertrauensvoll erforschen zu dürfen. Die Förderung der Kreativität etwa bei dem vom Pädagogen Arno Stern entwickelten Malspiel wird mit dem Alltag eines chinesischen Jugendlichen kontrastiert, der in der Mathematik-Nachhilfestunde mit der Erschöpfung kämpft. Sein Leid und der Stolz seiner Mutter auf seine Urkunden belegen, wie recht der Pädagogikprofessor Dongping hat, wenn er sagt: "Die Mathematik-Olympiade ist ein Desaster für Jugendliche." Höchst interessant ist auch die Kritik gerade eines erfahrenen Personalmanagers daran, dass junge Menschen ihre ganze Zukunft auf eine normierte Karriere ausrichten, anstatt sich dem überzogenen Leistungsdruck zu verweigern.

Es ist außerdem wichtig, wenn Pablo Pineda Ferrer, der erste Europäer mit Downsyndrom, der einen Universitätsabschluss erzielt hat, im Film zu Wort kommt. Aber Wagenhofers Dokumentation enthält auch viele Behauptungen und Einzelbefunde, die nicht ausreichend erklärt und konkretisiert werden, um sie für Unterrichtskonzepte verwerten zu können. So wird vom sensationell anmutenden Ergebnis einer Langzeitstudie gesprochen, wonach fast alle Kleinkinder hochbegabt im unangepassten Denken sind. Mit zunehmendem Alter lässt diese Fähigkeit schrittweise nach – was im Film als Beleg für den schlechten Einfluss der Schule herhalten soll. Arno Sterns Sohn André, ein Musiker und Gitarrenbauer, erzählt von seiner glücklichen Kindheit ohne jeglichen Schulbesuch. Dabei kann sein Beispiel aber sicherlich nicht zur breiten Nachahmung empfohlen werden. Bildungsstandards, wie sie der PISA-Experte Andreas Schleicher aufstellt, finden bei Wagenhofer wenig Anklang. Wenn Schleicher ausgerechnet in China bewundernd feststellt, "Wir sehen, dass es wirklich möglich ist, aus allen Kindern sehr sehr viel herauszuholen", dann klingt das im filmischen Kontext etwas abschreckend. Dabei kann eine solche Aussage auch als Bestätigung des Bildungswegs von Pablo Pineda Ferrer interpretiert werden und als Kritik an einem auf Auslese aufgebauten Schulsystem wie dem deutschen.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/alphabet