The Unknown Known

Wissen ist Macht. Unwissenheit manchmal auch.

Eine Filmkritik von Sophie Charlotte Rieger

Es ist, als habe Donald Rumsfeld für eben diesen Dokumentarfilm vorgesorgt. Im Laufe seiner Karriere hat er zahllose Memos verfasst, die Morris nun Basis für seine Aufarbeitung verschiedenster außenpolitischer Fragen dienen. Nicht nur lässt er seinen Gesprächspartner die eigenen Texte immer wieder vorlesen, er nutzt diese schriftlichen Zitate auch dazu, um Aussagen zu widerlegen, die Rumsfeld im Laufe des Interviews trifft. Die Souveränität, mit der Rumsfeld auf diese Widersprüche reagiert, birgt eine besondere Komik, die nah an der Fassungslosigkeit des Zuschauers angesiedelt ist. Donald Rumsfeld ist ein Vollprofi und lässt sich durch nichts aus der Ruhe bringen. Die Eloquenz, mit der er seine Antworten formuliert, erweckt zuweilen den Eindruck, der Dialog mit dem Regisseur sei im Vorfeld einstudiert, zumindest aber abgesprochen worden. Jedoch zeugen die zahlreichen Ausschnitte aus von Rumsfeld geführten Pressekonferenzen davon, dass Morris es hier schlicht und einfach mit einem geübten Redner zu tun hat. Hier stellt sich nun wieder die Frage der Wahrheit. Können wir den Aussagen eines Menschen trauen, der die Rhetorik offenbar mit der Muttermilch aufgesogen hat?

Errol Morris' Inszenierung trägt nicht zur Authentizität des Settings bei. Wie schon Standard Operating Procedure krankt auch The Unknown Known an mangelnder Natürlichkeit. Der Interviewpartner befindet sich in einem abstrakten Raum. Vor schwarzem Hintergrund und aus wechselnden Perspektiven gefilmt, wirkt das Interview mit Donald Rumsfeld bedauerlich künstlich. Auch die Arbeit mit Musik und dem visuellen Motiv des Wassers erweckt den Eindruck, dass Morris hier weniger Realität abbilden als für eine wohl kalkulierte Wirkung instrumentalisieren möchte. In diesem Zusammenhang dienen die Memos nicht nur dazu, eine Verbindung zur Historie zu etablieren. Sie verleihen Errol Morris auch Glaubwürdigkeit und kennzeichnen ihn als zuverlässigen Erzähler, der dem Vertrauen des Publikums würdig ist.

Leider bekennt sich The Unknown Known nicht ausreichend dazu, nur der Ausschnitt eines komplexen Bildes zu sein. Auch hierin ähnelt Morris' jüngster Film seinen Vorgängern. In der indirekten Behauptung, so etwas wie die Wahrheit über Donald Rumsfeld zu offenbaren, ist The Unknown Known im Grunde ebenso heuchlerisch wie sein Protagonist.

Immerhin diskreditiert sich Rumsfeld zuverlässig selbst, so dass wir zumindest seinen Äußerungen ohnehin zu keinem Zeitpunkt trauen. Wann immer eine Frage zu unbequem wird, wechselt der Politiker in den Lyrikmodus und ergeht sich in kreativen Wortspielen. Eloquent ist er ohne Frage und am Ende des Films kommen wir nicht umhin uns zu fragen, warum Donald Rumsfeld eigentlich noch keinen Gedichtzyklus veröffentlicht hat. Aber vielleicht ist ein guter Politiker ja genau das: Ein Mensch, der Lügen so geschickt in Worte verpacken kann, dass sie uns wie Lebensweisheiten erscheinen.

The Unknown Known ist in jedem Fall ein spannendes Portrait eines Mannes, über den wir viel zu wissen glauben, es im Grunde aber nicht tun. Auch hier trifft der Titel den Nagel wieder auf den Kopf. Wissen spielt auch eine Rolle, um die verschiedenen, durchaus komplexen politischen Zusammenhänge zu verstehen. Basiskenntnisse der US-Geschichte der letzten 50 Jahre dürften da kaum ausreichen. Dennoch hat Errol Morris erneut einen Dokumentarfilm geschaffen, der gerade durch die zuvor problematisierte Inszenierung ein breites Publikum erreichen kann. Fans von Donald Rumsfeld gehören jedoch nicht dazu.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/the-unknown-known