Von Menschen und Pferden

Ross und Reiter

Eine Filmkritik von Sophie Charlotte Rieger

Island ist stolz auf seine Ponys. Nicht nur weil sie die Herzen von fleißigen Wendy-Leserinnen höher schlagen lassen, sondern auch weil diese Pferderasse trotz ihrer geringen Größe über außerordentliche Kräfte verfügt und problemlos erwachsene Reiter tragen kann. Und so ist Von Menschen und Pferden in gewisser Weise eine Hommage an diese Tiere.
Regisseur Benedikt Erlingsson strukturiert seinen Film episodisch. Es ist, als ob uns ein alter Isländer ein paar Anekdoten aus seinem Leben erzählt. Zwar sind die einzelnen Geschichten durch ihre Protagonisten verbunden - alle leben in derselben Gegend, die jedoch nur schwerlich als Dorf und schon gar nicht als Stadt bezeichnet werden kann - doch im Grunde handelt es sich um unabhängige Erzählungen von Menschen und ihren Pferden. Eine jede beginnt mit dem Close-Up eines Pferdeauges, in dem sich die Welt spiegelt. Doch es gibt keinen Gegenschuss. Benedikt Erlingsson versucht nicht, den Blick der Island-Ponys einzunehmen, vermutlich weil er sie hierdurch unnötig vermenschlichen würde. Stattdessen arbeitet er mit einer durchaus distanzierten Sicht auf Mensch und Tier, die beide stets deutlich voneinander unterscheidet, sie jedoch immer als gleichberechtigte Akteure begreift. Es geht nicht um die Dominanz des einen über den anderen, sondern um die Beziehung der beiden zueinander.

Da ist ein Mann, der sich durch sein Pony derart beschämt fühlt, dass er es erschießt. Ein anderer benutzt sein Pferd, um zu einem russischen Frachtschiff zu schwimmen und dort Alkohol zu erwerben. Alle Facetten des Lebens sind untrennbar mit den Tieren verbunden. Sowohl der Tod als auch die Liebe finden unter den Augen und durch die Mitwirkungen der vierbeinigen Gefährten statt. Of Horses and Men deckt viele Aspekte des menschlichen Lebens ab, erzählt sogar eine kleine emanzipatorische Geschichte über eine Frau, die sich erfolgreich in einer Männerdomäne durchsetzt. Bereits mit seiner ersten Episode kann Benedikt Erlingsson das Publikum für sich einnehmen. Es ist die Mischung aus skandinavisch trockenem, manchmal vielleicht etwas derbem Humor und dem ehrlichen Blick auf menschliche Gefühle, die den Zuschauer zum Lachen und dann auch wieder zum Weinen oder Bangen bringt. Of Horses and Men ist, vielleicht unfreiwillig, auch ein Werbefilm für Island geworden. Die Landschaften beeindrucken, die folkloristische Musikuntermalung vermittelt Lokalkolorit und Authentizität und die Islandponys sind derart elegant, dass man sofort den nächsten Reiturlaub buchen möchte.

Die Isländer selbst kommen bei dieser Darstellung vielleicht am schlechtesten weg. Der Konsum starken Alkohols ist in fast jeder Episode vertreten und die Menschen gehen durchaus misstrauisch, zuweilen gar feindlich miteinander um. Obwohl die einzelnen Häuser weit voneinander entfernt liegen, bespitzeln die Nachbarn einander wie im kleinsten Kuhkaff, nur eben nicht über den Gartenzaun, sondern mit Ferngläsern quer über die Wiesen. Dabei geht mit dem übermäßigen Interesse für die Belange des Nächsten nicht unbedingt auch gegenseitige Hilfsbereitschaft einher.

So kann Von Menschen und Pferden also nicht nur etwas über die Beziehung zwischen Mensch und Pferd, sondern auch über die Beziehung von Mensch zu Mensch erzählen. Es steckt vielleicht ein bisschen Zynismus in dieser Darstellung, aber auch sehr viel Hingabe. Die große Bedeutung der Ponys für die Protagonisten des Films kommt gänzlich ohne den Kitsch und Pathos anderer Pferdegeschichte aus und ist vielleicht gerade durch diese Authentizität so besonders mitreißend und sympathisch.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer-streaming/von-menschen-und-pferden