The Return of the First Avenger

Vom Marvel-Problemkind zum Mittelpunkt

Eine Filmkritik von Björn Helbig

Nur wenige Wochen nach den Geschehnissen aus Avengers hat Steve Rogers (Chris Evans) alias Captain America einen neuen Feind: Einen mysteriösen Killer, der unter dem Namen Winter Soldier (Sebastian Stan) bekannt ist. Auf einmal sieht sich Rogers inmitten einer weitreichenden Verschwörung, in die auch die Organisation S.H.I.E.L.D. verwickelt zu sein scheint. Schnell ist ihm klar: eigentlich kann er niemandem mehr trauen. Gemeinsam mit Agentin Romanoff (Scarlett Johansson), auch bekannt als Black Widow, versucht er die Verschwörung aufzudecken.

Schon die Änderung des Original-Titels Captain America: The Winter Soldier in einen anderen englischen "Erklär-Titel", macht deutlich, wie unsicher offenbar der deutsche Verleih hinsichtlich der Qualität dieses merkwürdigen Früchtchens von Films ist. In gewisser Weise ist diese Unsicherheit aber nachvollziehbar, denn sie deutet bereits auf eine der großen Stärken des Films hin. Die Autoren Christopher Markus und Stephen McFeely wagen sich – für einen Marvel-Film eher ungewöhnlich – an ein politisches Thema heran, dessen aktuelle Bezüge nicht zu übersehen sind. Was wäre, wenn ausgerechnet die Geheimorganisation, die zum Schutz der Gesellschaft ausersehen ist, infiltriert worden wäre und sich gegen ihre eigenen Leute wendet? Wenn zwischen Freund und Feind nicht mehr zu unterscheiden ist? Dieses Szenario spielt The Return Of The First Avenger in sehr unterhaltsamer Weise durch, geht dabei allerdings ein ganzes Stück weiter als andere Superhelden-Produktionen aus der Marvel-Schmiede und fragt, was Vertrauen in einer ganz auf Sicherheit ausgerichteten Gesellschaft eigentlich noch bedeuten kann.

Seine Anleihen beim Politthriller und sein Tiefschlag gegen alle Geheimdienste dieser Welt lassen den Film aus der Menge hervortreten. Doch auch in Sachen Inszenierung, beweisen die Russo-Brüder ein außerordentliches Talent. So gehören mindestens drei unglaublich spannende, gut austarierte und wunderbar choreografierte Sequenzen des Films – eine Verfolgungsjagd im Auto, ein Straßengefecht wie ein Handgemenge im Fahrstuhl – zur besten Action dieser Kinosaison. Assoziationen mit Christopher Nolans The Dark Knight oder Michael Manns Heat sind hier wohl durchaus erwünscht. Auch der weitere Fakten-Check zeigt – der Streifen kann sich sehen lassen. Humor? Durchaus vorhanden! Die Chemie zwischen den Figuren? Interessant! Spezialeffekte? Makellos.

Natürlich lassen sich auch Mängel und Kritikpunkte finden: Dem einen ist der Film vielleicht zu geschwätzig, der andere empfindet die digitalen Exzesse des Finales möglicherweise übertrieben. Und: Wer dem Marvel Cinematic Universe bisher nichts abgewinnen konnte, wird voraussichtlich auch mit dieser Produktion seine Probleme haben. Denn so weit ist auch dieser Apfel nicht vom Stamm entfernt. Aber es ist ein knackiger, wohlschmeckender Apfel, einer bei dem man gar nicht so genau sagen kann, ob er nicht doch vielleicht eine Birne ist. Insofern: Daumen hoch für dieses neue Solo-Abenteuer des Captain America! Wie die im Marvel Cinematic Universe erzählten Geschichten gewinnen die einzelnen Helden ihre Kraft auch durch ihre Verbindung mit den anderen Helden. Nur in ihrer Synergie sind sie richtig stark, aus den Einzelteilen entsteht etwas größeres Ganzes. Insofern ist es das wahrscheinlich größte Kompliment an The Return Of The First Avenger, dass er gut für sich alleine stehen kann. Spätestens seit seiner Begegnung mit dem Winter Soldier ist Captain America ein Held mit Profil.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/the-return-of-the-first-avenger