Westen

Nach der Volksrepublik

Eine Filmkritik von Harald Mühlbeyer

Erstmal ist da eine Notaufnahmestelle. Warten, Formulare, Stempel, immerhin gibt es ein paar Gummibärchen. 140 Mark Begrüßungsgeld, Essensmarken für eine Woche und ein Zimmer im Aufnahmelager. Und: Eine Coladose im Rinnstein, für den neunjährigen Alexej eine Trophäe, Inbegriff des neuen Lebens.

Ein Leben, in dem erstmal die Bürokratie bestimmt. Zwölf Stempel, dann wird man Staatsbürger. Zwölf Stempel, die man kriegt, wenn man sich auszieht und auf Läuse untersuchen lässt. Wenn man sich röntgen lässt. Wenn man die Fragen aushält, die die alliierten Sicherheitsdienste stellen. Fragen, die einem Verhör gleichen, zumal bei Nelly. Die nämlich nicht aus politischen, sondern aus privaten Gründen auszieht. Um die Vergangenheit, die Erinnerung hinter sich zu lassen. Um den Fragen zu entkommen. Fragen, die nun auch wieder das Vergangene aufkratzen. Fragen über Wassili.

Wassili war Alexejs Vater. Wassili war Physiker. Wassili war viel unterwegs. Wassili ist drei Jahre zuvor in Moskau bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Hat Nelly die Leiche gesehen? War sie auf der Beerdigung? Ist sie sicher, dass Wassili tot ist?

Schwochow erzählt eine Geschichte vom Westen, eine Geschichte vor allem vom Misstrauen gegen den Osten, von der unbedingten Abgrenzung. Und wie dadurch bedingt die Mittel sich ähneln. Nelly in den Mühlen der Bürokratie, in den Mühlen der Fragen. Nelly in einem überfüllten Heim, aus dem man entweder sehr schnell oder sehr lange gar nicht mehr rauskommt. Nelly, die promovierte Chemikerin, die eine Arbeit als Laborhilfe angeboten bekommt. Schließlich ist die BRD-Chemie der DDR-Forschung weit überlegen. Und überhaupt: Was wird aus dem Kind, wenn die Mama arbeitet? Hort? Hahaha.

Schwochow erzählt eine Geschichte von den Menschen, die aus dem Osten kommen. Die auch im Westen verloren sind, zumindest in diesem engen Lager. Da ist die polnische Zimmernachbarin mit ihrem alten Vater, die wartet. Und wartet. Und da ist Hans, ein seltsamer Typ mit Schiebermütze, der irgendwie immer da auftaucht, wo Nelly ist. Und den sich Alexej als Ersatzvater auserkoren hat. Und da ist der schwarze US-Sicherheitsagent, der sie befragt. Der vielleicht etwas weiß über Wassili, etwas, das Nelly helfen kann, die Vergangenheit zu begraben. Und der vor allem den begehrten Stempel aufs Formular drücken kann…

So steht sie zwischen zwei Männern, die beide undurchsichtig sind, denen sie mit Misstrauen begegnet, begegnen muss. Zumal im letzten Drittel des Films. Denn hier gelingt Schwochow ein wirklicher Coup: Aus dem klaustrophobischen Drama um Neuanfang und Vergangenheit wird ein spannender Agententhriller. Die Kamera, die zuvor Nervosität und Unbehagen ausdrückte, wird nun plötzlich paranoid. Denn vielleicht ist die Stasi hinter Nelly her. Und vielleicht ist sie von Spitzeln umgeben.

Dieser subtile Twist ist das I-Tüpfelchen auf diesem wunderbaren Film. Ein Film, der perfekt durchkomponiert ist und dabei ganz ungekünstelt daherkommt. Ein Film, dessen Charaktere ins Kleinste ausgearbeitet sind, die natürlich wirken in einer extremen Ausnahmesituation. Ein Film mit großartigen Schauspielern, allen voran Jördis Triebel als Getriebene und Alexander Scheer, der vielleicht ganz durchtrieben ist. Und natürlich, vor allem: der elfjährige Tristan Göbel, ein Glücksfall für den Film.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/westen