Wochenenden in der Normandie

Menschen in der Krise

Eine Filmkritik von Verena Schmöller

Die ersten Filmbilder von Wochenenden in der Normandie lassen eher an die Filme Osteuropas denken: Natürliches Licht, ein offener Bildrahmen. Gezeigt wird Paris an einem düsteren Tag. Dann wechselt das Geschehen aufs Land, die Bilder brillieren und leuchten, je nachdem, in welcher Jahreszeit sich die Figuren in der Normandie befinden – und wirken damit nach wie vor ganz natürlich. Der Naturalismus, mit dem die Geschichte erzählt wird, passt gut zum dargestellten Geschehen, denn (und das thematisiert der Film immer wieder) es ist etwas ganz Gewöhnliches, was Jean und Christine passiert. Es kann jeden treffen, und keiner ist davor gefeit, dass einem der jahrzehntelange Lebenspartner eines Tages doch davon läuft.
Wochenenden in der Normandie erzählt also von der Trennung eines Paares in seinen Fünfzigern. Christine (Karin Viard) und Jean (Jacques Gamblin) kennen sich schon lange, vor 29 Jahren sind sie Sylvette (Noémie Lvovsky) und Ulrich (Ulrich Tukur) zum ersten Mal begegnet und haben sich wie sie ein Ferienhaus in der Normandie gekauft, das genau gegenüber von den beiden liegt. Sie haben Kinder bekommen und beide Paare haben ihre Tochter Charlotte genannt. Plötzlich und scheinbar von heute auf morgen sind die Kinder groß geworden, man selbst hat einige Kilo zugelegt und ist nun alt.

Diese Erkenntnis bringt Menschen zum Nachdenken oder – wie Jean – dazu, sein Leben noch einmal völlig umzukrempeln. An einem Wochenende in der Normandie erklärt er Christine völlig unvermittelt, dass er ausziehen und "woanders" wohnen werde. Für Christine bricht ihre Welt zusammen; zuerst kann sie es nicht begreifen, dann wird sie sich nach und nach der Veränderung bewusst. Diesen Prozess des Kämpfens, Verzweifelns, Resignierens und des letztendlich doch Sich-Arrangierens zeigt der Film von Anne Villacèque auf eine feinfühlige und gleichzeitig sehr ehrliche Art.

Dabei hat Wochenenden in der Normandie nicht nur Christine als unmittelbar von der Familienkrise Betroffene im Visier, sondern auch die Freunde, die Kinder und Jeans neue Freundin Pascale (Aurélia Petit). Und er zeigt, wie alle unter den Umständen leiden: Wie sich Pascale unwohl fühlt, wenn sie mit Jeans Kindern in einem Raum ist, wie Sylvette und Ulrich versuchen zu erkunden, ob sie Jean und seine neue Freundin nun zu sich einladen dürfen und sollen oder nicht. Jeder ringt damit, das Vorgefallene als neuen Zustand zu akzeptieren, und versucht gleichzeitig, die anderen Menschen, die man ja lieb gewonnen hat, nicht zu verletzen. Die Midlife-Crisis des einen wird zur Krise der anderen. Es vergehen wieder einige Jahre, und dann werden die Karten noch einmal neu gemischt.

Villacèque hat ein wunderbares Schauspieler-Team um sich herum geschart; gerade Karin Viard und Jacques Gamblin beeindrucken in ihren Rollen: Viard als verzweifelte Christine, die ihr Leben und all das, was jahrelang so gut war, nicht so einfach aufgeben möchte, und Gamblin als durch und durch vom Leben verwirrter und stets nur vage handelnder Jean, der auch nach all den Ereignissen nicht aus seiner Mittlebenskrise zu finden scheint. Auch Noémie Lvovsky und Ulrich Tukur überzeugen als routiniertes und sich liebendes Ehepaar, und Tukur brilliert am Ende des Films an seinem Akkordeon.

Wie gerne in französischen Filmen, geschieht die Vermittlung über einen Off-Erzähler, der lakonisch in die Geschichte einführt und immer wieder die Ereignisse zusammenfasst und damit quasi einen Blick 'von oben' auf die Figuren erlaubt. Er ist es, der (zusammen mit der Musik) für die erfrischende Nüchternheit sorgt, welche die Tragik der Figuren immer wieder aufbricht, und deutlich macht, dass – trotz des filmischen Naturalismus – eine Geschichte erzählt wird.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/wochenenden-in-der-normandie