The Purge: Anarchy

Am Gelde klebt Blut

Eine Filmkritik von Tim Slagman

Aber Regisseur und Autor James DeMonaco ist auf einer anderen Mission: Die Perversion, die das Prinzip bedeutet, für 12 Stunden alle Verbrechen straffrei zu machen, darf sich nicht von selbst erschließen, sondern muss in durchaus redundanten erzählerischen Figuren wieder und wieder und wieder betont werden. Dabei geht es weniger um soziale oder psychologische Ursachen von Gewalt, sondern viel eher um eine ständige Entlarvung der angeblich eigentlichen Funktion der "Purge": Eine Gesellschaft entledigt sich ihrer Benachteiligten.

Im ersten Teil funktionierte dies noch subtiler, DeMonaco folgte Ethan Hawke, der einen Sicherheitsexperten spielte, hinter den trügerischen Schutz dicker Wände und perfekt aufeinander abgestimmter Überwachungskameras. In seiner aktuellen Arbeit geht es mitten hinein ins Chaos: Als die Nacht kommt, bricht Leo (Frank Grillo) schwerbewaffnet auf, er will seinen bei einem Unfall ums Leben gekommenen Sohn rächen. Im Laufe der nächsten Stunden begegnen ihm ein Paar, dessen Auto manipuliert wurde, und eine Mutter mit ihrer Tochter, in deren Wohnung eine merkwürdig professionell ausgestattete Armee einfiel auf der Suche nach Menschenfutter für "Big Daddy". Bis auf Leo haben sie alle nur ein Ziel: überleben.

DeMonacos Arbeit hat ihre Stärken immer da, wo das Grauen sich punktuell und dadurch umso wirksamer seinen Weg in die gut geschmierte dramaturgische Maschine bahnt – also in eben diesen Konstruktionen, die für den Handlungsablauf unerheblich erscheinen: eine in Zeitlupe blutüberströmt auf die Straße taumelnde Frau, ein so elegantes wie mörderisches Zwillingspaar, eine Plastikmaske, auf die mit schwarzem Stift das Wort "God" gekrakelt ist – und, sehr früh und womöglich am eindrücklichsten, eine wohlhabende Familie, die sich in einem grell überbelichteten, unwirklich scheinenden Tableau samt Anzug, Kleid , Machete und irrer Vorfreude um einen kranken alten Mann gruppiert.

So reinigen sich die Reichen, wird dazu erklärt. Und in genau dieser regelmäßigen Verdopplung der unmissverständlichen Botschaft liegt auch das Ermüdende des Films. Zu den dramaturgischen Miniaturen, die immer wieder in grellen Farben ausmalen, dass sich Töten und Sterben entlang des Grabens zwischen Reich und Arm organisiert, gesellt DeMonaco eine Rebellentruppe, die diese Botschaft über einen Piratensender unters Volk bringt. Und während es sicherlich richtig ist, dass das Einkommen zwischen den Ethnien in den USA äußerst ungleich verteilt ist, wirkt die ausschließliche Besetzung dieser Aufständischen mit afroamerikanischen Darstellern doch reichlich überdefiniert.

Es bliebe die Frage, wie viel Bestie tatsächlich im Menschen steckt und wie bestialisiert er umgekehrt durch seine Umstände wird. DeMonaco schien sie sich weniger aufzudrängen als die Feststellung, dass literweise Blut am Gelde klebt – was kaum überraschend und originell ist, dafür aber mit großem inszenatorischen Nachdruck dargebracht.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/the-purge-anarchy