Gone Girl - Das perfekte Opfer

Finding Amy

Eine Filmkritik von Sonja Hartl

Eine Literaturverfilmung wird von Lesern des Buches immer anders rezipiert als von Zuschauern, die die Vorlage nicht kennen. Leser haben Vorstellungen von den Figuren und den Orten, sie kennen die Handlung und erkennen dadurch Abweichungen und Werktreue, Interpretationen und Deutungen. Im Fall von David Finchers Verfilmung von Gone Girl wird sich das Seherlebnis darüber hinaus grundlegend unterscheiden. Aber alleine zu schreiben, warum es sich unterscheiden wird, wäre bereits zu viel verraten. Deshalb folgt nun ausnahmsweise der Appell, dass alle diejenigen, die das Buch nicht kennen, am besten gar nichts über diesen Film lesen, sondern einfach ins Kino gehen. Sie werden einen spannenden Thriller sehen, der gekonnt inszeniert ist und in dem alle Darsteller – insbesondere Carrie Coon und Tyler Perry in zwei Nebenrollen – gut spielen. Doch mit jedem Satz, den man vor dem Film liest, wird ein Teil des Seherlebnisses gemindert. Es ist fast so wie – nein, sogar dieser Vergleich würde zu viel verraten. Deshalb bitte: Erst ins Kino gehen, dann hier weiterlesen.
An seinem fünften Hochzeitstag sitzt der Barbesitzer Nick Dunne (Ben Affleck) in seiner Kneipe, trinkt einen morgendlichen Whisky und lästert mit seiner Schwester Margo (Carrie Coon) über seine Frau Amy (Rosamund Pike). Dann erhält Nick einen Anruf von einem Nachbarn: Die Katze würde auf dem Grundstück herumlaufen, außerdem scheint die Haustür nicht verschlossen zu sein. Also fährt Nick nach Hause, bringt die Katze ins Haus und entdeckt im Wohnzimmer einen zerbrochenen Sofatisch. Von seiner Frau Amy fehlt indes jede Spur. Sofort greift Nick zum Telefon und verständigt die Polizei. Detective Rhonda Boney (Kim Dickens) wird am Tatort schnell misstrauisch: die Spuren deuten auf ein Eindringen, jedoch sind sie nicht stimmig. Deshalb glaubt sie an ein Verbrechen und beginnt, Nick zu befragen. Er beteuert seine Unschuld, jedoch mehren sich bald Ungereimtheiten. Und auch in den Augen der Öffentlichkeit verhält sich Nick nicht so wie es von einem besorgten Ehemann zu erwarten wäre.

In der Folge wird die Suche nach Amy unterbrochen mit Rückblenden, in denen sie aus ihren Tagebüchern vorliest. Während sich in der Gegenwart durch Nicks Aussagen und seinem Verhalten immer mehr Risse in der Ehe zeigen, entwirft sie in ihren Einträgen zunächst das Bild einer perfekten Beziehung, die durch wirtschaftliche Schwierigkeiten – beide verlieren ihre Jobs in New York –, ihren Umzug nach Missouri und einen nicht geteilten Kinderwunsch verstärkt werden. In dem Buch wechseln die Perspektiven kapitelweise zwischen Nick und Amy und erstaunlicherweise behält der Film diese Erzählweise bei. Dabei ist der Einsatz der Tagebucheinträge auf das nötige Maß reduziert, dennoch entstehen bei dieser simplen Übernahme einige Schwierigkeiten: Gone Girl ist eine Geschichte, in der die Erzählperspektive nicht nur entscheidend ist, sondern Wahrnehmungen und Sichtweisen auch verhandelt werden. Anfangs ist Nick der Ehemann, dessen Frau vermisst wird, dann wird er durch ein Lächeln zur falschen Zeit zum Hauptverdächtigen. In jedem Tagebucheintrag von Amy wird deutlich, wie wichtig ihr ist, wie sie von anderen wahrgenommen wird. Sie lieferte ihren Eltern die Inspiration für die Kinderbuchreihe Amazing Amy und seither hat sie das Gefühl, dass dieser fiktive Charakter die bessere Version ihrer selbst ist. Auch in ihrer Ehe geht es um Rollen, die gespielt werden, um Erwartungen, die der andere erfüllen soll. Und letztlich erscheinen sogar die Wahrheit bzw. die Wahrscheinlichkeit, dass diese ans Licht kommt, allein eine Frage des Blickwinkels. Dieses Spiel hätte durch eine komplexere Erzählweise dem Film mehr Atmosphäre geben können.

Darüber hinaus ergeben sich durch die Erzählweise einige Schwierigkeiten mit den Charakteren. Gone Girl erzählt eine Geschichte von zwei Menschen, die alles andere als sympathisch sind und im Buch kommt man letztlich zu dem Schluss, dass Nick und Amy einander verdienen. Der Film ist hingegen von der ersten Einstellung an näher bei Nick. Die Kamera übernimmt seinen Blickwinkel, bleibt in seiner Nähe und zeigt ihn allein im Bild. Seine Verlorenheit in dieser Ehe wird so deutlich, dass er selbst dafür mitverantwortlich ist, wird erst zu spät deutlich. Darüber hinaus wurden seine Erzählanteile gekürzt, so dass seine Abgründe und sein Hass im Film weit weniger deutlich werden. Deshalb hätte die gut spielende Rosamund Pike mehr Unterstützung in der Inszenierung gebraucht, zumal ihr die extreme Intensität fehlt, die Rooney Mara bei einem ähnlich schwierigen Charakter in The Girl with the Dragon Tattoo einsetzte. Von Anfang an wird ihre Unzuverlässigkeit als Erzählerin sogar beim Vorlesen der eigenen Tagebucheinträge deutlich. Deshalb ist Amy im Grunde genommen ein großartiger Charakter gerade für einen Fincher-Film, sie ist schlau, gerissen und skrupellos, aber wie bereits im Buch fehlt ihr auch im Film Lebendigkeit.

Herausragend sind in diesem Film indes die Nebendarsteller: Tyler Perry spielt den gerissenen Anwalt mit viel Gelassenheit, Charme und Witz, ihm gehören die besten Sätze des Drehbuchs und er liefert die perfekte Charakterisierung der Ehe von Nick und Amy. Carry Coon ist famos als Nicks Zwillingsschwester und Kim Dickens überzeugt als Detective Rhonda Boney. Einzig Neil Patrick Harris hat mit Amys Ex-Freund Desi eine schwierige Rolle, die nicht ganz in diesen Film zu passen scheint, die aber bereits im Buch einige Unstimmigkeiten mit sich brachte.

Technisch ist Gone Girl sehr überzeugend: Fast jede Einstellung ist stimmig und erzählt viele Details auf einmal, der Schnitt gibt einen angenehmen Rhythmus vor und die Musik schafft viel Atmosphäre – wenngleich manchmal ein wenig Stille auch schön gewesen wäre. Deshalb ist Gone Girl ebenso wie The Girl with the Dragon Tattoo ein guter Film. Allerdings bleibt bei beiden das Gefühl zurück, dass gerade bei einem Regisseur wie David Fincher mehr möglich gewesen wäre. Gone Girl vereint die Fragen nach der Wahrnehmung (Fight Club) und den Folgen eines medialen Hypes (Zodiac), doch dem Film fehlt trotz des Könnens aller Beteiligten das Packende von The Social Network oder Zodiac. Vielmehr bleibt der Film trotz des zynischen Endes und schwarzen Humors ein wenig zu sehr an der oberflächlichen Eleganz der eigenen Perfektion kleben.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer-streaming/gone-girl-das-perfekte-opfer