Nebenwege

Trampelpfade und Holzwege

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Nebenwege erzählt von einem familiären Trio, das sich auf verschiedene Weise fremd geworden ist und sich durch unvorhergesehene Umstände auf eine Reise begibt, an deren Ende sich alle gewandelt haben: Da ist zum Beispiel Richard (Roland Wisnekker), Mitte 40 und getrennt lebend von seiner Frau, der seiner heftig pubertierenden und von ihm sträflich vernachlässigten Tochter Marie (Lola Dockhorn) eigentlich ein schönes gemeinsames Wochenende versprochen hatte. Doch zuvor muss er nur noch mal eben schnell seine an Alzheimer erkrankte Mutter (Christine Ostermayer) in ein Heim bringen, weil es um sie nicht mehr allzu gut steht und sie das Leben ohne Pflege und Unterstützung einfach nicht mehr packt. So weit, so gut – nur hat sich die verwirrte Dame leider in den Kopf gesetzt, zu Fuß ins rund 200 Kilometer entfernte Altötting zu pilgern und dort die Madonna um Beistand anzuflehen. Und leider lässt sie sich durch nichts von diesem Plan abbringen, so dass sich Vater und Tochter zähenknirschend mit auf die Reise machen, die natürlich gepflastert ist mit seltsamen Ereignissen und profunden Erkenntnissen über familiären Zusammenhalt, gegenseitigen Respekt und all die anderen Zutaten, die gemeinhin als konstituierend für einen "Feel-good"-Film gelten.

Das Problem dabei: Dem vom BR mitproduzierten und von dem bislang für Daily Soaps (Verbotene Liebe, Gute Zeiten, schlechte Zeiten) zuständigen Michael Ammann umgesetzten Film merkt man die TV-Gene so deutlich an, dass man immer ein wenig das Gefühl hat, gerade seine Zeit im Kino zu vergeuden, wo doch der Film viel besser in der Glotze aufgehoben wäre. Denn dort kann man wenigstens um- oder besser noch ausschalten. Und dafür gibt es bei Nebenwege leider genügend Gründe: Ein folkloristisches Klischee jagt das nächste und die tattrige Oma kann ihre Alzheimer-Erkrankung scheinbar nach Belieben und den Anforderungen der Geschichte an- und ausknipsen. Überhaupt sind alle drei Protagonisten so herzzereißend unsympathisch geraten, das man ihnen schnell nicht das Beste, sondern eher einen schlimmen Unfall an den Hals wünscht, damit das Elend endlich ein Ende hat. Eine Pilgerfahrt ist mühsam? Das ist gar nichts gegen Filme wie diese. Die versprochenen Nebenwege erweisen sich in diesem Falle vor allem als Trampelpfade und Holzwege.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/nebenwege