Birdman - oder die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit

Spiel' endlich, Mann, spiel'!

Eine Filmkritik von Andreas Günther

Spielen soll er endlich, fordert von Riggan Thomson (Michael Keaton) sein illustrer Kollege Mike Shiner (Edward Norton). Doch Riggan muss sich dafür erst einmal verwandeln – von der Verkörperung der Comicfigur "Birdman" in einen richtigen Bühnenkünstler. In drei Kino-Blockbustern ist Riggan ins "Birdman"-Kostüm geschlüpft. Zwanzig Jahre ist das her. Verprasst sind die Millionengagen, verblasst der Ruhm. Am New Yorker Broadway sucht Riggan den Neuanfang, mit einem selbstgeschriebenen Stück nach Kurzgeschichten von Raymond Carver. Sein letztes Geld steckt in der Produktion.

Weil Riggan bloß ein Hollywood-Promi sei, hat die Päpstin der New Yorker Theaterkritik Tabitha Dickinson (Lindsey Duncan) aber schon mal die publizistische Vernichtung seines Stücks beschlossen. Tochter Sam (Emma Stone), die nach ihrem Entzug in seiner Produktion als Assistentin jobbt, hält ihn für einen unrettbaren "has been" ohne Twitter- und Facebook-Account. Und dann flippt in einer Vorpremiere, gerade als Riggan an der Rampe einen gefühlvollen Monolog hält, Mike Shiner hinter ihm völlig aus, beschwert sich, dass er Wasser statt Gin im Glas hat, und demoliert unter dem Gelächter des Publikums die Szenendekoration.

Was tun wir hier, fragt Riggans alter ego, der leibhaftig im Federkleid erscheinende "Birdman", nicht ganz zu Unrecht, hat aber nur eine zynische Alternative parat: Wieder Actionpornographie machen. Riggan brauche nur ans Fenster zu gehen und die Flügel auszubreiten. Dann doch lieber Theater? Riggans heruntergekommene Umkleidekabine liegt an einem schäbigen Gängelabyrinth, in dem Lügen und Intrigen wie Schimmel sprießen. Oben auf der Bühne gilt ein Realismus-Diktat, das der Film absurd zuspitzt: Zum Entsetzen seiner Partnerin Lesley (Naomi Watts) will Mike Shiner in einer Bettszene richtigen Sex machen, nur das sei echt. Von wegen Spiel also! Demgegenüber wird die Freiheit gefeiert, die das Kino auszeichnet, wenn Riggan Gegenstände und sich selbst mit der Kraft seiner Gedanken bewegt.

Skandiert von Tusch und Trommelwirbel eines unermüdlichen Schlagzeugs, betätigt sich die Kamera von Emmanuel Lubezki indes als rastloser Dämon beider Welten: Präsentisch wie das Theater, scheinbar in einem einzigen Take, saugt sie in Windeseile die Ereignisse auf: penetrant wie der Film studiert sie die abblätternden Charakterfassaden, passenderweise dargeboten von drei Stars, die auch mit Blockbustern bekannt wurden. An Tempo und Tiefe, Poesie und Ironie kann man sich hier kaum satt sehen.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/birdman-oder-die-unverhoffte-macht-der-ahnungslosigkeit