The Imitation Game

Das Leiden eines Genies

Eine Filmkritik von Sonja Hartl

Nach einem Drehbuch von Graham Moore erzählt Regisseur Morten Tyldum in The Imitation Game – Ein streng geheimes Leben von dem Leben des brillanten Mathematikers und Erfinders der Turing-Maschine und nimmt es mit den historischen Fakten nicht allzu genau. Vielmehr fügt er beispielsweise einen russischen Spion hinzu, den Turing nach Quellenlage nie getroffen hat. Aber da Turing ausgerechnet ihm anvertraut, dass er homosexuell sei, wird er erpressbar und somit erhöht sich die Spannung. Auch ist die Entschlüsselung von Enigma laut The Imitation Game vor allem Turing zu verdanken, das Mitwirken anderer beschränkt sich auf Details. So schafft Turing den Durchbruch in einem Pub, als er den ebenso klugen wie gutaussehenden Mitentschlüssler und Schachmeister Hugh Alexander (Matthew Goode) beim Flirten beobachtet. Viel bedauerlicher ist, dass Morten Tyldum nicht auf das Einstreuen lieblos und plump inszenierter Kriegsszenen sowie auf Turings angebliche persönliche Beteiligung bei der Entscheidung, die Entschlüsselung geheim zu halten, verzichtet hat. Hier scheint Tydlum das Vertrauen in sein Publikum zu fehlen, dem er scheinbar nicht zutraut, das Grauen des Krieges und die strategische Bedeutung sowohl der Entschlüsselung als auch deren Geheimhaltung zu begreifen.

Dass der Film dennoch unterhält und bewegt ist daher vor allem den Schauspielern zu verdanken. Benedict Cumberbatch bietet zwar keine neuen Facetten, ist aber gewohnt gut als genialer Alan Turing. Er lässt den ständigen Konflikt erkennen, in dem sich Turing aufgrund seiner Brillanz als auch Homosexualität befand. Alex Lawther spielt hervorragend Alan Turing in jungen Jahren und bringt sowohl seine Klugheit als auch seinen Schmerz zum Ausdruck, den er durch die beständige Erfahrung des Andersseins verspürt. Es ist vor allem ihnen zu verdanken, dass der Film als Biopic über Alan Turing funktioniert – und sie gleichen zudem einige Leerstellen des Drehbuchs aus.

An Cumberbatchs Seite steht ein sehr guter Cast. Keira Knightley bleibt als Joan Clarke nicht viel Raum, die undankbaren Aufgaben begabter Frauen in den 1940er Jahren erkennen zu lassen. Aber sie bringt zum Ausdruck, wie hart der Kampf der Frauen in Bletchley Park und innerhalb der gesellschaftlichen Konventionen war. Ohnehin liegt in der Beziehung zwischen Alan Turing und Joan Clarke das größte Potential des Films: Sie ist eine zu kluge Frau für die Rolle, in die sie die Gesellschaft zwängt, er ist ein homosexueller Mann und könnte deshalb im Gefängnis landen. Am Ende drängt sich daher unvermeidlich der Gedanke auf, wie Turings Leben verlaufen wäre, hätte er im entscheidenden Moment auf die kluge Joan gehört. Daneben ist Charles Dance als Turings Vorgesetzter eindrucksvoll militärisch während Mark Strong als Geheimdienstler angemessen undurchsichtig agiert.

Insgesamt ist The Imitation Game – Ein streng geheimes Leben vor allem dank seiner guten Besetzung ein unterhaltsames, dramatisches Biopic. Nur warum Morten Tyldum tatsächlich darauf verzichtet hat, den angebissenen Apfel zu zeigen, der neben dem toten Alan Turing gefunden worden sein soll, bleibt ein Rätsel.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/the-imitation-game