Ich seh, ich seh

Muttermonster und die Satansbraten

Eine Filmkritik von Patrick Wellinski

Fritz Lang ließ sich durch diesen Fall zu M - Eine Stadt sucht einen Mörder inspirieren und beginnt sein Meisterwerk mit einer sehr bekannten Pfeifmelodie. Auch Veronika Franz und Severin Fiala haben sich für ihren hochmodernen Horrorfilm Ich seh, ich seh von einem Kinderlied inspirieren lassen. Vom Schlaflied "Guten Abend, Gute Nacht" - und dort vor allem von der unheimlichen Zeile: "Morgen früh, wenn Gott will / wirst du wieder geweckt".

Nachdem sie ihren Film mit einer Archivaufnahme begonnen haben, in dem eine Familie als perfekter Chor, eben dieses Kinderlied singt, beginnt kurz danach die Dekonstruktion einer anderen Familie. Die Zwillinge Elias und Lukas (Elias und Lukas Schwarz) rennen durch den Wald, spielen verstecken, kriechen in dunkle Höhlen, tauchen im kleinen See. Doch obwohl die Landschaft ein sorgloses Kinderglück vermittelt suggeriert die traumwandlerische Kamera eine Katastrophe. Immer wieder schwebt sie hinter einen der Brüder und vermittelt so das Gefühl, dass der andere verschwunden ist. Und natürlich sind die beiden Jungs nicht auseinanderzuhalten. Sie tragen die gleiche Frisur, die gleiche blaue Hose - nur die zwei unterschiedlich gefärbten Tanktops lassen uns vermuten, wer der beiden Elias und wer Lukas ist. Wie schwach dieses Unterscheidungskriterium am Ende ist, gehört zu den genialen Auflösungsmomenten von Ich seh, ich seh.

Neben dem Wald steht ein Haus. Kein Hexenhaus, eher modernistische Horrorarchitektur. Große Glasfassaden, weite minimalistisch eingerichtete Räume, die aber eng und beklemmend wirken, weil sie nichts Persönliches, nichts "Gelebtes" aufweisen. Und in einem der Zimmer liegt eine Frau (Susanne Wuest). Sie trägt Bandagen um das ganze Gesicht. Es ist die Mama. Oder doch nicht? Die Jungs sind sich da gar nicht so sicher und gehen erst mal auf Distanz. Die Frau hat Schmerzen, schreit die Kinder an. Einem der beiden gibt sie nicht mal etwas zu essen. Dann taucht ein Foto auf. Die Mama und eine Freundin. Zum verwechseln ähnlich. Die Jungs vermuten das Schlimmste und wollen die fremde Frau zum Geständnis zwingen.

Clever, voller kleiner und großer Fallen weben Veronika Franz (Koautorin und Ehefrau von Ulrich Seidl) und Severin Fiala ihre Schreckensgeschichte, die nur einen Weg kennt: In die Hölle. Beide kennen sich von Kindheit an und waren Fans billiger B-Horror-Filme, die sie sich auf VHS gemeinsam ansahen. Aus dieser Liebe ist Ich seh, ich seh entstanden, dem es inständig zu wünschen ist, dass er zum Musterbeispiel des deutschsprachigen Horrorfilms wird.

Die Regisseure sind keine Filmgeschichtsparasiten, die sich einfach an bekannten Vorbildern bedienen. Sie versuchen ihre Geschichte eher an bekannten Motiven aus Volkssagen und dem Alltagsschrecken zu ziehen. Sie nehmen das Wort "Satansbraten" beim Wort. Auch das sprichwörtliche "Muttermonster". Und obwohl sie nicht im geringsten zögern ihre Geschichte nach genreüblichen Mustern zu beenden, erzählen sie doch im Grunde eine Geschichte von unfassbarer Trauer und einem schrecklichen Verlust. Das ist am Ende auch sehr schlicht und gerade in seiner entspannten Konsequenz ein wahrer Geniestreich.

Ich seh, ich seh gewinnt seinen Horror aus der Alltagswahrnehmung des Zuschauers, denn er konfrontiert uns mit dem Bekannten und zeigt seine teuflische Kehrseite. Damit ist er im wahrsten Sinne des Wortes "unheimlich", denn er seziert genüsslich in hoch aufgelösten, messer(!)scharfen Bildern jenen Moment, in dem sich das Heimliche, uns Nahe und Bekannte, in das absolute Gegenteil verkehrt. So wie ein altes Schlaflied erst beim genauen Hinsehen seine grausame Konsequenz erkennbar werden lässt.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/ich-seh-ich-seh