Der Koch

Ayurvedischer Edeltrash

Eine Filmkritik von Harald Mühlbeyer

In Der Koch spielen ein paar sanft Schweizerakzent-Sprechende neben Deutschen wie Jessica Schwarz – im Mittelpunkt aber stehen Tamilen, und es ist eine fundamental schlechte Entscheidung, diese zu synchronisieren, den Rest aber einigermaßen im Originalton zu belassen. Zumal die Synchro all das vereinigt, was ihre Gegner heftigst beklagen: Mechanisch, steril, mit nachgespielter pathetischer Emotion verlesene Filmtexte, nicht einmal annähernd lippensynchron den Schauspielern wie eine schlecht sitzende Prothese aufgepropft. Selten schien die Distanz zwischen Stimme und Körper so groß wie in Der Koch.

Selten, aber nicht nie: Tatsächlich erinnert das unsensible Herumpoltern mit den Stimmen an so manchen Trash-Film der 1970er, nur ohne die witzige Qualität von Rainer Brandt-Sprüchen. Andererseits ist auch die Kunst des schlicht-schlechten Dialogs im Film enthalten, freilich ebenso unfreiwillig wie all die kleinen und großen Fehler, die sich Ralf Hüttner und Autorin Ruth Toma hier so leisten: Wahnsinnig platt, wie gleich zu Anfang mal die Verhältnisse geklärt werden: "Ich bin lesbisch!", dieser Ausspruch von Jessica Schwarz in ihrer Rolle als Andrea, die kurz zuvor vom Tamilen Maravan mit seiner Kochkunst verführt wurde, reizt zu mitleidigem Lachen. Zuvor schon war ein widerlicher Geschäftsmann im Edelrestaurant mit einem Herzinfarkt kotzend zusammengebrochen und wurde unter Umgehung aller hygienischer Standards in den Küchenbereich geschleift; nein so was.

Solch offensichtlicher Quatsch ist aber nur die Oberfläche bei diesem Film, der sich von tief innen her falsch anfühlt. Maravan, tamilischer Flüchtling, muss sich in einer Restaurantküche als niederstes Gewänz ausbeuten lassen, ist aber ein Meister in der ayurvedischen, aphrodisierenden Speisezubereitung. Andrea erfährt das am eigenen Leib und eröffnet mit ihm Love Food, spezialisiert auf richtig geiles Essen. Zu diesem Moment gegen Ende des ersten Drittels scheint alles beendet zu sein, kaum ein Handlungsfaden ist noch offen – und man hat doch noch so viel Filmzeit, bis die 107 Minuten voll sind! Also wird einerseits die tamilische Familie aus dem Hut gezaubert, eine kranke Oma, ebenso die junge hübsche Sandana, in die Maravan total verknallt ist, und zudem ein Cousin, der sich den Terroristen der Tamil Tigers anzuschließen droht.

Nun ist diese Familienstory freilich nicht aus Figur oder Kultur unseres jungen Freundes Maravan entsprungen, sondern dem Drehbuch-Zwang nach Drama und Konflikt. Und weil’s noch nicht reicht, kommt noch die lesbische Beziehung von Andrea mit einer kubanischen Nutte ins Spiel, die zur Geschäftspartnerin wird: So dass Maravan jetzt für die ekelhaft abstoßenden Großbonzen kochen muss bei ihren versauten Sexspielchen, mit denen sie ihre illegalen Waffendeals besiegeln. Dass dabei auch Waffen an die Tamil Tigers geliefert werden – o weh, ein moralischer Konflikt droht! Weiowei. Im Übrigen sind die Sexspielchen doch nicht so pervers, weil sie der kubanischen Gespielin auch Spaß machen und Geld einbringen, und zudem ist auch das Essen von Maravan reichlich vulgär, mit kleinen Schwänzen inklusive Eiern, gegossen aus Spargelgelee. Igitt.

Jedenfalls wölbt sich der Film auf zu einem großen Wulst an Gefühlen, die auf Maravan einstürmen – er muss Geld für die Familie verdienen mit seinen unmoralischen Gerichten; schließlich kommt der Film zu einer einfachen, personalisierten Lösung: Man muss halt nur den Waffenhändlerboss ausschalten. Solch eine Vereinfachung nach dem Aufbau eines globalen Krisendramas, das hat schon Chuzpe. Weil damit indirekt eingestanden wird, dass erstens alles sowieso nur konstruiert war, die behauptete Sinnlichkeit des Essens wie auch die widerliche Unmoral der Waffenschieber; und dass zweitens die Überladung des Films seine Dramaturgie schlicht überfordert hat.

Vielleicht war die schlechte Synchronisationskatastrophe also auch eine Art Freudsche Fehlleistung, und die Filmemacher wussten tief im Inneren, freilich unbewusst, was sie hier fabriziert haben: nämlich eben doch Trash, und zwar solcher, der an der Oberfläche nicht danach aussieht.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/der-koch