Guten Tag, Ramón

Eine gute Seele

Eine Filmkritik von Laurenz Werter

Der junge Ramon hat bereits fünfmal versucht, illegal in die USA einzureisen – jedes Mal ohne Erfolg. Dabei will er dort doch nur Geld verdienen, um seiner Familie zu helfen. Von seinem Kumpel erfährt er, dass es viel leichter ist, in Deutschland einzureisen und zu arbeiten. Er hat sogar eine Tante, die Ramon helfen kann. Der junge Mann macht sich also auf den Weg, aber in Wiesbaden angekommen, muss er feststellen, dass die Tante seines Kumpels nicht mehr da ist. Ohne ein Wort Deutsch oder Englisch zu sprechen, ohne Geld, ohne Hoffnung schlägt sich Ramon durch. Der Untergang ist vorprogrammiert – bis sich eine ältere Dame namens Ruth des jungen Mannes annimmt.

Die Stärke dieses Films ist seine unglaubliche Leichtigkeit, und das, obwohl das Thema sicherlich kein leichtes ist. Geht es doch nicht nur um die Frage der Immigration, sondern auch darum, wie ältere Menschen in unserer Gesellschaft leben. Nicht zwangsläufig vereinsamt, aber für sich, und das auf eine Art, die durchaus aufgebrochen werden könnte, aber dafür bedarf es eben eines Katalysators. Ein solcher ist Ramon, der dank der Herkunft aus einem anderen Kulturkreis auch einen anderen Blick auf die Dinge hat. Wie er sich mit den älteren Herrschaften anfreundet, gehört zu den schöneren, wärmeren Momenten dieses Films, der trotz aller Ernsthaftigkeit nie vergisst, dass das Leben selbst in seinen düstersten Phasen immer auch einen Schimmer der Hoffnung besitzt.

Am Ende nimmt der Film ein paar märchenhafte Züge an, die zwar zu einem rundum gelungenen Happyend führen, aber auch reichlich realitätsfern erscheinen. Man könnte Guten Tag, Ramon dafür ein klein wenig abstrafen, weil er den eigenen Anspruch verrät, aber letzten Endes ist es irgendwie auch ganz passend. Mag man doch fast nicht glauben, dass es Menschen wie Ruth gibt, die Fremden ohne jedweden Hintergedanken helfen. So besitzt der Film auch eine tief empfundene und nachhaltige Botschaft, was die Hilfsbereitschaft und Nächstenliebe betrifft.

Ja, es gibt viel, was Menschen trennt und voneinander abgrenzt, aber noch mehr gibt es, das sie verbindet. Der schönste Moment des Films ist dementsprechend auch, als Ruth und Ramon essen, keiner den anderen versteht, aber jeder von ihnen eine zu Herzen gehende Geschichte erzählt. Weil Worte nur ein Teil der Gleichung sind. Manchmal reicht es schon, den Klang der Stimme zu verstehen.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/guten-tag-ramon