Es ist schwer, ein Gott zu sein

Ein Monster von einem Film

Eine Filmkritik von Beatrice Behn

Es ist schwer, ein Gott zu sein ist ein 177-minütiges Werk in Schwarzweiß und es dauerte über eine Dekade, bis der Film fertiggestellt wurde. Schon nach den ersten zwanzig Minuten merkt man, dass man einen Film vor sich hat, der sich dem Zuschauer zwar in jeglicher Hinsicht gern präsentiert, dabei aber auch gleichsam nichts preisgibt und absichtlich so kryptisch ist, dass man auch in der 177. Minute effektiv nichts verstanden und maximal erahnt haben wird, was den Regisseur Aleksei German angetrieben hat.

Es ist schwer, ein Gott zu sein ist kein Erzählkino im klassischen Sinne, es gibt nur in Ansätzen so etwas wie eine kohärente Geschichte: Ein Planet irgendwo im Weltall, der der Erde gleicht. Zumindest fast, denn evolutionstechnisch ist er 800 Jahre hinterher. Wir befinden uns also im tiefsten Mittelalter und die Renaissance, die gerade begann zu keimen, wurde sofort brutal ausgerottet. Man könnte also sagen, dass sich in diesem Augenblick die bisher annähernd parallel verlaufene Entwicklung aufspaltet. Von der Erde werden Wissenschaftler entsandt, die unentdeckt ihre Arbeit verrichten sollen. Beobachten sollen sie und sich nicht einmischen, doch einer von ihnen kann es nicht lassen und verhilft einigen Intellektuellen zur Flucht. Zu groß ist seine Angst, dass ihr endgültiges Verschwinden einen faschistischen Staat zur Folge haben könnte. Viel mehr ist allerdings auch nicht an narrativer Logik zu erkennen, wohl aber merkt man, dass es sich um eine massive Kritik der Verfolgung und Ausrottung der Intelligenzija unter Stalin handelt. Hier ist es hilfreich zu wissen, dass der Film auf dem gleichnamigen Buch der Brüder Arkadiy and Boris Strugatsky aus dem Jahre 1964 basiert.

Germans Film ist von Anfang bis Ende voll mit Menschen, viele von ihnen kann man nicht auseinander halten. Der rote Faden ist der Wissenschaftler Rumata, der in jeder Sequenz anwesend ist und den man die ganze Zeit begleitet. Ein sehr eigenartiger und komplexer Charakter ist er. Es bedarf tatsächlich dieser Filmlänge, um das Gefühl zu haben, ihn durch seine Handlungen besser kennenzulernen. Belohnt wird man dafür mit einer ungemein vielschichtigen, komplexen Figur. Ansonsten ist der Film vor allem monochrom und dreckig. Es scheint, als bestünde die gesamte Landschaft aus nichts als Schlamm und Regen. Die Menschen darin sind schmutzige Wesen, die sich bei jeder Gelegenheit umbringen, sich gegenseitig die Augen ausstechen, zerfetzen, hassen. Und die gleichsam im Dreck wühlen, sich mit Scheiße beschmieren. Viszeralität ist der Kern dieser Komposition, Es ist schwer, ein Gott zu sein kann man nur irgendwie erfühlen, verstehen kann man ihn nicht.

Doch der Film - so schwer es auch ist, sich durch seine Schlammigkeit zu wühlen - offenbart immer wieder brillante Momente, die selbst Kinoveteranen erstaunen lassen. So brechen die Protagonisten immer wieder die "4. Wand" und wenden sich direkt an den Zuschauer, machen sich manchmal über ihn lustig und werden nicht müde zu zeigen, dass sie wissen, dass sie beobachtet werden. Die Kameraarbeit wiederum erinnert stark an Lars von Triers Dogville. Der Film fühlt sich roh und kantig an, was gut zu seiner Dreckigkeit passt. Hier ist alles das Gegenteil von hübsch.

Doch man spürt beim Sehen dieses Filmes, dass dieser wohl in seiner Gänze viel Abstand und mehrere Sichtungen braucht. Ich habe sogar das Gefühl, dass sein tatsächlicher filmgeschichtlicher Einfluss wohl erst in zwanzig, dreißig Jahren so richtig begriffen werden kann. Doch wie dem auch sei, hier hat sich German mit einem unglaublichen Monster von einem Film verabschiedet. Der Regisseur verstarb 74-jährig während der Postproduktion seines Werkes. Sein Sohn und seine Ehefrau beendeten den Film für ihn. Es ist ein gewaltiges Vermächtnis geworden: Wüst, dunkel, rätselhaft.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/es-ist-schwer-ein-gott-zu-sein