Top Girl oder La déformation professionnelle

It’s a man’s world

Eine Filmkritik von Sonja Hartl

In dem zweiten Teil ihrer Trilogie über Frauen und Arbeit forscht Tatjana Turanskyj der weiblichen Selbstbestimmung und der Arbeit in einer Dienstleistungsgesellschaft nach. Helenas Kunden sind durchschnittliche Männer, sie arbeiten bei einer Versicherung, in der Werbung oder EDV-Abteilung. Bei Helena werden sie jedoch zu "braven Mädchen", die in Helenas Schoß weinen. Diese Geborgenheit haben sie sich ebenso wie die Momente des vermeintlichen Ausgeliefertseins an eine Domina gekauft. Deshalb ist Helenas Macht in diesen Situationen nur scheinbar, sie liegt vielmehr in der visuellen Inszenierung, die die Männer weitaus schonungsloser vorführt als die Frauen.

Top Girl verfolgt eine klare Aussage, in der Umsetzung gerät der Film dann mitunter zu schematisch. So wird Helenas Leben in Kontrast zu ihrer Mutter Lotte (Susanne Bredehöft) gesetzt, die ihr als Babysitterin aushilft, früher Jazzsängerin war und heute als Gesangslehrerin arbeitet. Wenngleich sie der alten Zeit hinterher trauert, ist die Alt-68erin eine fröhliche Frau, die ein Auge auf ihren Gesangsschüler wirft. Diese Frauengeneration scheint die Selbstbestimmung erreicht zu haben, die sie anstrebte. Dagegen wird Helena im Verlauf des Films immer unzufriedener und müder. Im Gegensatz zu Helena und Lotte sind andere Figuren oftmals allzu deutlich auf ihre Funktion in dem Diskurs reduziert, sie stehen für ein Argument und werden zur Karikatur – wie bspw. die Schönheitschirurgin, die eine Straffung der Schamlippen zum feministischen Akt stilisiert.

Die Stärken des filmischen Essays Top Girl liegen daher eindeutig in der Schilderung des Alltags von Helena, in dem Romantik noch nicht einmal vorgetäuscht wird, und der Verbindung zu einer allgemeinen Gesellschaftsanalyse. In der Dienstleistungsgesellschaft unterliegt alles – auch bzw. gerade die Sexualität – der Kommerzialisierung und dem Druck der Selbstoptimierung. So sorgt Helena in ihren wenigen freien Minuten noch mit Gymnastik für einen möglichst straffen Bauch. Alles ist zu kaufen – und so gibt es für Helena nur den Ausweg, die Seiten zu wechseln: Sie wird zur Vermittlerin von sexuellen Dienstleistungen, zur schwarz gekleideten Zuhälterin, die andere Mädchen als Opfer einer männlichen Treibjagd vermittelt. In dem eindrucksvollen Schlussbild ist sie somit die Unterdrückerin geworden – anders ist dieser Gesellschaft nicht mehr beizukommen.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/top-girl-oder-la-deformation-professionnelle